¡Vaya Semanitas! Die Schande II

cache/images/article_1081_boixos_140.gif Das »derbi barcelonés« zwischen dem FC und Espanyol Barcelona ist normalerweise eine Begegnung mit enden wollender Brisanz: diesmal enthielt es jedoch mehr Zündstoff, als allen lieb sein konnte. Eine Nachbetrachtung.
Hannes Gaisberger | 08.10.2008
»¡Qué vergüenza!« Was für eine Schande! Mit dieser knackigen Schlagzeile beurteilte die Barça-freundliche Tageszeitung Sport das Aufeinandertreffen von Espanyol mit dem FC Barcelona in der fünften Runde der Primera Division. Gemeint war aber nicht das Geschehen auf dem Platz, wo ein wahres Festival an Fehlentscheidungen von Schiri Luis Medina Cantalejo unnötig viel Erregung in die Partie brachte, sondern ein Auftritt der fast schon vergessenen Boixos Nois.
 
Die einst dominierende Ultra-Gruppe des FC Barcelona war nach ihrem Rauswurf aus dem Camp Nou die letzten fünf Jahre über kaum in Erscheinung getreten. Die mehrheitlich rechtsgerichteten Boixos hatten aber auch niemandem gefehlt. Am wenigsten Joan Laporta i Estruch. Der smarte Barça-Präsident sah sich damals nach Putschversuchen und Morddrohungen, die die Boixos Nois angeblich im Auftrag der alten Präsidenten-Riege verübten, zu drakonischen Maßnahmen gegen die hauseigene Hool-Truppe gezwungen.

Aber was war eigentlich passiert im letzten katalanischen Derby auf dem Hügel Montjuïc, den die »Pericos« (Wellensittiche) kommende Saison in Richtung ihrer neuen Fußball-Arena Cornellà El Prat verlassen werden? Beim Stand von 1:1 war in der Übertragung zuerst ein brennender Sitz im Espanyol-Sektor zu erkennen. Vermutlich entzündet durch einen von den Boixos Nois aus den oberen Rängen ins Publikum geworfenen Bengalen. Daraufhin breitete sich Panik aus und zahlreiche Heimfans strömten bis an den Spielfeldrand, wo sie von den spärlichen Sicherheitskräften nur mit Mühe gebändigt werden konnten.

 

Nach zehnminütiger Unterbrechung konnte das Spiel zwar fortgesetzt werden, doch die Atmosphäre war endgültig vergällt. Noch während der Partie, die der FC Barcelona durch einen umstrittenen Elfmeter in letzter Sekunde für sich entscheiden konnte, wurde auf der Ehrentribüne die Frage der Verantwortung lebhaft diskutiert. Der sichtlich geladene Laporta war jedenfalls nicht gewillt, für das Fehlverhalten »seiner« Fans den Kopf hinzuhalten.  

In den folgenden Tagen sickerte nach und nach durch, wie bis zu 400 der »verlorenen Söhne« der Boixos Nois ausgerechnet im Stadion des Stadtrivalen einen eigenen Block ergattern konnten. Wann man sich wo und wie ein Ticket für welchen Block kaufen kann, hatten die Boixos Tage vorher ausführlich im Web besprochen. In einem auf ihrer Homepage kolportierten Statement stellten sie die Vorfälle aus ihrer Sicht dar. Sie seien am Eingang, wo sie lange vor Spielbeginn (auch mit Bengalen) gefeiert hatten, zwar provoziert, jedoch nicht perlustriert worden. Daher sei es keine Überraschung, dass Bengalen und Ähnliches ins Stadion gelangten. Für die Vorfälle selbst fühlen sie sich nicht verantwortlich: Es seien Aktionen Einzelner gewesen, und kein organisiertes Vorgehen der Boixos Nois. Der einzige Satz der lauwarmen Stellungnahme, den man ohne Vorbehalt unterschreiben kann, lautet: Man soll nicht alles glauben, was in den Medien steht.

El Mundo Deportivo veröffentlichte wenig später ein Video, das Studenten bei einem Feldversuch zum Thema mangelnde Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien zeigt. Diese spazieren mit Spielzeugpistole und mehreren Messern bestückt vorbei an freundlich grüßenden Ordnern zum »derbi barcelonés«. Den Offiziellen von Espanyol fiel hingegen nichts besseres ein, als Messi, Henry und weitere Spieler anzuzeigen, da diese den Sieg vor dem Sektor der radikalen Barça-Fans gefeiert und diese noch weiter angespornt haben sollen. Schließlich erklärte die Rechtsabteilung Espanyols, man hätte den Boixos Nois eine Stunde vor Spielbeginn das Betreten des Stadions verweigern wollen, doch die autonome katalanische Polizeieinheit Mossos dEscuadra habe davon abgeraten.

Für jemanden, der nicht vor Ort dabei war, ist es schwierig, einen Schuldigen auszumachen. Fest steht jedoch, dass der spanische Brauch, erst in den letzten fünf Minuten vor Anpfiff ins Stadion zu strömen, eine gründliche Kontrolle am Eingang unmöglich macht. Solange keine schlimmeren Dinge als gebratene Schweinsköpfe (Figo!) hineingeschmuggelt werden, kann das auch so bleiben. Mit jedem weiteren Vorfall wird allerdings die jetzige Regelung in Frage gestellt und der geneigte spanische Fußballfan sich in Zukunft wohl früher am Stadion einfinden müssen, um gründlichen inspiziert zu werden.

ballesterer # 120

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