¡Vaya Semanitas! Göttlicher Mythos

cache/images/article_1386_messidiego_140.jpg Wer ist der Beste? Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo? Wer ist der Beste aller Zeiten? Messi oder Diego Maradona? Wie blöd sind solche Vergleiche? Und wie gut war Maradona? Ein genauer Blick auf seine fußballerische Vita entlarvt so manche weitverbreitete Meinung als Mythos.
Hannes Gaisberger | 16.04.2010
Um die ersten fünf Fragen in aller Kürze abzuhandeln: solche fiktiven Duelle sind extrem fragwürdig. Vielleicht die blödesten Duelle aller Zeiten. In der überwiegenden Zahl der Fälle treffen die stilisierten Duellanten höchstens beim Shakehands und dem Flash-Interview aufeinander. Die tatsächlich entscheidenenden Zweikämpfe zwischen Innenverteidigern und Stürmern, Staubsaugern und Schaltzentralen, interresieren weniger. Wer kennt schon einen Sergio Busquets? Und wer bitte ist Ezequiel Garay?

Wer gehofft hat, die zweite fantastische Saison Lionel Messis bei Barca mache endlich Schluss mit dem nervenden Gefrage, wer denn nun der beste Spieler der Welt sei, sollte sich irren. Denn schon dribbelte sich der kleine Argentinier in den Gehirnen der superlativ-süchtigen Vielschreiber aus Madrid und Barcelona zum nächsten kleinen Argentinier durch. Wer ist besser: Messi oder Maradona? Die Frage scheint leicht beantwortet: Messi ist im Moment sicher der weit bessere Fußballer. Aber wird als der bessere in der Fußballgeschichte firmieren? Das kann man erst sagen, wenn sich Messi eines Tages zur Ruhe setzt, und das kann noch gut zehn Jahre dauern. Bis dahin erübrigt sich jedes Urteil. Wenn man denn wirklich unbedingt urteilen will.

Auf gleicher Titelhöhe
Objektiver könnte man vielleicht die bereits abgeschlossene Karriere Diego Armando Maradonas bewerten, um ein genaueres Anforderungsprofil für seinen potenziellen Nachfolger erstellen zu können. Ariel Ortega, Pablo Aimar, Javier Saviola und Juan Román Riquelme wissen ein Lied davon zu singen, wie motivierend es ist, gegen den Mythos Maradona anzuspielen. Denn der Mann hat eine Menge gewonnen!

Was denn eigentlich? Er war einmal Weltmeister, einmal Junioren-Weltmeister, einmal argentinischer Meister, einmal spanischer Pokalsieger, einmal italienischer Pokalsieger, einmal Uefa-Cup-Sieger und zweimal italienischer Meister. Macht insgesamt acht Titel. Super-Cups und andere Scherzbewerbe nicht mitgerechnet. Das ist beeindruckend, andererseits hat der 22-jährige Messi bereits jetzt acht Titel gewonnen bzw. fünf, wenn man jene abzieht, bei denen er nur als Nachwuchsspieler dabei war. Sollte Barcelona heuer die Liga und die Champions League gewinnen, sind es zehn beziehungsweise sieben.

Napoli war mehr als Maradona
Aber Maradona ist mehr als die Summe seiner Titel, sagt man. Schließlich hat er im Alleingang mittelmäßige Mannschaften auf Topniveau gehievt, heißt es. Welche da wären? Die Albiceleste, mit denen er 1986 den Weltmeistertitel holte, gehörte zu diesem Zeitpunkt seit einer Dekade zur Elite der Nationalteams. Die Boca Juniors, mit denen er 1981 seinen ersten Meistertitel holen sollte, können damit ebenso wenig gemeint sein, wie der FC Barcelona, zu dem er ein Jahr später wechseln sollte.

Bleibt noch der SSC Napoli, deren Trikot sich Maradona für viel Mafiageld (etwa 15 Milliarden Lire) ab 1984 überstreifte. Dem Verein, der in seiner damals knapp 60-jährigen Geschichte lediglich zweimal den italienischen Cup gewinnen konnte, bescherte Maradona einen wahren Titelsegen: zweimal Meister, einmal Cupsieger, einmal UEFA-Cup-Gewinner. Der Argentinier war der herausragende Akteur, für nahezu fünf Jahre der beste Spieler der Serie A. Aber seine Mannschaftskameraden waren alles andere als ein Haufen neapolitanischer Teilzeit-Vespatuner. Die Vereinsführung hatte ab 1984 um Maradona und dem aus dem eigenen Nachwuchs stammenden Ciro Ferrara ein schlagkräftiges Team aufgebaut, darunter Nationalspieler Italiens wie Fernando De Napoli, Salvatore Bagni, Andrea Carnevale, Gianfranco Zola und Luca Fusi oder Careca und Alemao, Stammpersonal der damaligen Seleção, geholt.

M wie Mythen-Maschine
1990, als Napoli zum zweiten Mal Meister wurde und Maradona mit der argentinischen Nationalmannschaft Vizeweltmeister, sollte das letzte Jahr sein, in dem D10s göttliche Leistungen zeigen konnte. Die Folgen der jahrelangen Tacklings und Skandale, von Doping und Drogen verhinderten die Rückkehr zu früherer Form. Seine weiteren Engagements beim FC Sevilla, den Newells Old Boys und den Boca Juniors waren, unterbrochen von Verletzungen und Sperren, ein trauriger Abgesang auf einen, der der Größte hätte werden können, aber an sich selbst, den Medien und den bürgerlichen Strukturen des Sports scheiterte.

Damit ist man schon mitten drin im nächsten Mythos: rebellischer Maradona vs reaktionäre Funktionäre. Sein alles in allem missglücktes Engagement beim FC Barcelona wird von wohlwollenden Kommentatoren stets zuungunsten der großbürgerlichen Vereinsführung der Katalanen ausgelegt. Sie hätten den in seiner Großfamilie hausenden und feiernden proletarischen Lockenkopf nie akzeptiert. Manche meinen sogar, die Vereinsärzte Barcelonas hätten ihn zur Einnahme von Kokain als Schmerzmittel geraten und damit seine Suchtprobleme initiiert. In Neapel sei er dann am richtigen Platz gewesen: der geniale Underdog errang seine Siege für die Erniedrigten und Beleidigten aus dem armen Süden, das Establishment in Mailand und Turin tobte. Das mag stimmen, doch als revolutionären Akt sollte man Maradonas Neapel-Engagement deshalb noch lange nicht werten. Die Aura der Mächtigen hat ihn stets mehr angezogen als karitatives Engagement, ob er nun mit Mafiabossen in den Whirlpool stieg oder mit dem korrupten argentinischen Staatspräsidenten Carlos Menem gaberlte.

Maradona war in seinen frühen Jahren in Argentinien ein überragender Nachwuchsspieler,  in Barcelona eine enttäuschte Hoffnung, in Neapel für fünf Jahre der Dominator der Serie A. Danach war er kaputt. Er repräsentierte den Glauben an das Schöne, an das Wagnis im Spiel in einer Epoche des hässlichen, ängstlichen Fußballs. Er ist aber auch der Prototyp der neureichen Diva, die in grenzenloser Selbstüberschätzung von Skandal zu Skandal taumelt und Journalisten tausend Angriffspunkte bietet. Sein Status als Mythen-Maschine macht ihn so überlebensgroß. Darum wird ihn Messi auch dann nicht los, wenn er im Sommer Argentinien zum WM-Titel führen sollte. Ein Blick zur Bank dürfte genügen.

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Rubrik: Aktuell
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