¡Vaya Semanitas! - Wahin Who?

cache/images/article_1187_wahin_140.jpg Andalusien, Galicien, Katalonien das sind die sportlichen Stationen des José Manuel Pinto Colorado, derzeit Ersatzkeeper des FC Barcelona. Wenn er nicht gerade Elferschützen im Cup verwirrt, steht er dort im überschaubaren Schatten von Victor Valdes. Privat produziert er als Wahin Hip-Hop im eigenen Musikstudio.
Hannes Gaisberger | 17.03.2009
Der grimmige Pirat mit dem geflochtenen Zopf, der beim FC Barcelona nur im Cup das Tor hüten darf, hat eine nahezu typische Karriere als Reservegoalie hinter sich. Ausgebildet im Nachwuchs von Betis Sevilla kann sich Pinto nicht als Nummer Eins etablieren. 1998 wechselt er vom heißen Andalusien ins raue Galicien zu Celta Vigo, um vorerst erneut die Bank zu drücken. Erst nach dem Abgang des argentinischen Nationalkeepers Pablo Cavallero zu Levante rückt Pinto in die erste Garnitur auf und gewinnt 2006 prompt die Trofeo Zamora, die jedes Jahr an den Torhüter mit den wenigsten Gegentoren vergeben wird.

Nur ein Jahr später steigt Celta Vigo ab, und der chronisch überschuldete Klub sieht sich gezwungen, beim Kader einzusparen. Pinto, mit einem kolportierten Salär von immerhin einer Million Euro Topverdiener der Galicier, kommt auf den Markt. Er wird zuerst mit mehreren mittelständischen Vereinen in Verbindung gebracht, bevor Barça aufgrund der langwierigen Verletzung von Albert Jorquera in ihm einen routinierten Ersatzgoalie findet.

In Barcelona schiebt er nun wieder eine ruhige Kugel. An dem nicht unumstrittenen, doch Katalanen-Bonus genießenden Victor Valdes führt wohl kein Weg vorbei ins erste Aufgebot. Doch Pintos Selbstvertrauen dürfte dies nicht geschadet haben, wie er jüngst bei einem seiner seltenen Auftritte in der Copa del Rey bewiesen hat. Im Rückspiel des Halbfinales gegen RCD Mallorca schien sich das Schicksal gegen die im Hinspiel mit 2:0 siegreichen Katalanen zu wenden: Kurz vor der Pause fällt durch einen Gewaltschuss das 1:0 für die Insulaner, nach Wiederanpfiff wird der uruguayanische Innenverteidiger Cáceres - so wie Pinto ein Rotationsprofiteur - wegen einer Notbremse im Strafraum ausgeschlossen und ein Penalty gegen den FC Barcelona verhängt. Die Partie droht zu kippen, das sicher scheinende Cupfinale gegen Athletic Bilbao ist akut gefährdet.

In diesem heiklen Moment betritt Pinto die Bühne. Mit einer seltsamen Mischung aus Abgebrüht- und Albernheit verleitet er den grinsenden Elferschützen Josep Lluís Martí zu einem leichtsinnigen Schuss mitten aufs Tor. Pinto pariert per pedes. Aber woher nimmt der Bankerldrücker die Chuzpe, sein Gegenüber mittels angedeuteter Handshakes und Fingerzeichen zu irritieren? »Das lernt man auf der Straße. Im Fußball musst du ausgekocht sein, das habe ich mir im Alltag meines Viertels angeeignet«, wird Pinto auf goal.com zitiert. In den Mittelpunkt will er aber trotzdem nicht gestellt werden, er »fühle sich dabei unwohl«. Fakt ist, dass sich der FC Barcelona nach dem abgewehrten Elfer wieder erfängt, zum 1:1 ausgleicht und ins Finale einzieht.

Musikalisches Barcelona
Jeder Barça-Spieler hat seine musikalischen Vorlieben, und dank SPORT wissen wir auch welche. In der Winterpause hat die Tageszeitung die »gustos musicales« der Mannschaft recherchiert: Eric Abidal hört gerne den verblichenen 2Pac, Victor Valdes Coldplay, Guns n Roses und AC/DC, Eidur Gudjohnsen die Stones, Xavi Bruce Springsteen und Coach Pep Guardiola Van Morisson und Elvis Costello. Staubsauger Yaya Toure soll laut dem Artikel gerne »Boys II Zone« lauschen, also entweder Boyzone oder Boyz II Men oder beides. Auf alle Fälle ein überraschender Soundtrack zum Abräumen. Die restlichen Spieler stehen vor allem auf regionale Musik, und Pinto wird erst gar nicht erwähnt.

Dabei hat auch er ein Herz für regionale Musik: Hip-Hop aus Cádiz und dem restlichen Andalusien, produziert von Wahin alias José Manuel Pinto. Die auf seinem Label »Wahin Makinaciones« produzierten und präsentierten Artists darf man sich nicht als weichgespülte Sprechsängerknaben vorstellen. Gruppen wie Canes oder Delahoja sind »de la calle«, Jungs von der Straße, unterprivilegierte Andalusier oder Migranten aus Nordafrika oder Südamerika, die einiges zu erzählen haben. Und einmal mehr steht der Mann mit dem Zopf im Hintergrund, produziert und komponiert (und finanziert?) die diversen Homies aus der Pinto-Posse, ohne selbst in Erscheinung zu treten. Auch auf der myspace-Seite des Labels findet sich keinerlei Hinweis auf den populären Brotberuf des Labelchefs, es regiert Hip-Hop in Reinkultur.

Angesichts der biederen Ausflüge anderer Kicker ins Musikbiz (Pfeffer! Brdaric!) kann man Wahin bzw. Pinto zu seinem stilsicheren und diskreten Auftritt nur gratulieren. Man hat Fußballer schon blödere Sachen mit ihrem Geld anstellen sehen. Und wenn ihn Pep Guardiola zum Dank für seinen gehaltenen Elfer auch im Cupfinale wieder aufstellt, wird vielleicht bald die nächste Gratulation fällig.

Breaking News: SPORT meldet soeben, dass Barça-Innenverteidiger Gerard Piqué am Wochenende beim Rückflug nach dem 2:0-Sieg in Almería Ska-Punk aufgelegt hat!

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Rubrik: Aktuell
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