Verdiente Heimreise

cache/images/article_1890_fm_emblog3_140.jpg Vor zwei Jahren standen die Niederlande noch im WM-Finale, von der EM verabschieden sie sich als punkteloser Letzter der Gruppe B. Weder das Augenmerk auf die Defensive noch die großartigen offensiven Individualisten konnten das Team vor dem Absturz bewahren. Trainer Bert van Marwijk ist trotz Vertragsverlängerung angezählt.
Jan Marchart | 20.06.2012
Stillstand. Die Mannschaft des 60-Jährigen Trainers Bert van Marwijk bewegt sich kaum. Auch er verbleibt schon die gesamte Begegnung über ruhig, viel zu ruhig. Es wäre an der Zeit, einen weiteren Wechsel vorzunehmen. Aber nicht für ihn. Bei einem Stand von 0:2. Mario Gomez hat bereits zweimal für Deutschland getroffen in der 24. und 38. Minute, jeweils nach einem einfachen Pass von Bastian Schweinsteiger, der die gesamte Viererkette des Gegenübers matt gesetzt hat.

Glückloses 4-2-3-1
Wer auf eine Reaktion der Niederländer wartet, wartet vergeblich. Es öffnen sich Räume, unzählige Räume. Die deutschen Spieler rücken immer näher, Mats Hummels, Innenverteidiger der deutschen Nationalmannschaft, entschließt sich die Unordnung zu nutzen, zieht vor dem Sechszehner ab, scheitert aber an Torhüter Maarten Stekelenburg. Der Schuss fällt schlichtweg zu leicht aus. Eckball oder anders ausgedrückt: Glück im Unglück für die Niederlande.

Die Anhänger, die Spieler, die Trainer und Funktionäre der Niederlande dürften in diesem Moment den Atem angehalten haben. Nicht zum ersten Mal. Szenen wie diese gab es während dieser EM-Vorrunde zu Hauf. Jetzt ist es vorbei. Seit 1980 scheiden die »Oranjes« zum ersten Mal bereits in der Vorrunde einer Europameisterschaft aus. Wohl zu recht.

Unverständlich bleibt auch die Modernisierung des holländischen Fußballs. Statt wie gewohnt mit einer 3-4-3- oder 4-3-3-Ausrichtung in dieses Turnier zu gehen, setzt van Marwijk neuerdings auf ein 4-2-3-1. Sowohl mit einer defensiven als auch offensiven Variante des 4-3-3 erreichte die Mannschaft in der Vergangenheit weit mehr auch im Vorfeld dieser EM. In der Vorbereitung reichte das für zwei Siege, ein Unentschieden und eine Niederlage. Und was dazu kommt: deutlich effektiveren und schöneren Fußball. Das 4-2-3-1 hingegen brachte den Niederländern am 15. November 2011 eine 0:3-Auswärtsniederlage gegen Deutschland und einen letztlich glücklichen 3:2-Sieg gegen England ein.

Baustellen in Offensive und Defensive
Woran liegt nun dieser Negativtrend? Ein Schwachpunkt war sicher die Abwehr, die von einstigen Spielertypen wie Wilfred Bouma, Jaap Stam und Giovanni van Bronckhorst nur träumen kann. Jetro Willems, Joris Mathijsen, Johnny Heitinga und Gregory van der Wiel zierten die Viererkette in den ersten zwei Spielen gegen Dänemark und Deutschland. Erst in der letzten Begegnung stellte van Marwijk Ron Vlaar statt Heitinga in der Innenverteidigung auf. Das Problem endet jedoch nicht bei der Aufstellung. Die Spieler zeigten kein Forechecking, keinen Einsatz und keinen Willen. Die Abwehrarbeit der »Oranjes« war vor allem eines: miserabel. Auch die zwei defensiven »Sechser« Nigel de Jong und Mark van Bommel konnten die Defensive nicht ausreichend stabilisieren.

Doch nicht nur nach hinten arbeiteten die Niederländer schlecht, auch die Offensive konnte nicht an die Leistungen vergangener Tage anschließen. Auf den Außenbahnen spielten Arjen Robben und Ibrahim Afellay nicht mannschaftsdienlich, sondern fielen maximal durch permanente Einzelaktionen auf. Wollten sie den Ball doch einmal abgeben, fehlte es an Ideen, das Spiel schnell aufzuziehen, da die Bewegung ebenfalls fehlte. Wesley Sneijder und Robin van Persie waren in den ersten beiden Begegnungen die einzigen, die einigermaßen versuchten, die Wende doch noch herbeizuführen.

Erst gegen Portugal spielten die Niederlande guten Fußball - elf Minuten lang. Rafael van der Vaart ersetzte van Bommel im zentralen Mittelfeld, Wesley Sneijder übernahm im linken Mittelfeld die Position von Affellay, Klaas-Jan Huntelaar spielte als Stürmer und Robin van Persie agierte als Spielmacher. Mit dem Anstoß erkannte man plötzlich wieder den Willen, ein Spiel zu gewinnen. So erzielte van der Vaart bereits nach elf Minuten den Führungstreffer. Zum ersten Mal in diesem Turniers gehen die Niederlande in Führung, danach gibt die Mannschaft das Spiel aber sofort wieder aus Hand und verliert durch zwei Tore von Cristiano Ronaldo 1:2.

Es sind die vielen Individualisten im Team, die die Niederlande um ein Weiterkommen gebracht haben. Und ein Trainer, der diese weder zusammenschweißen noch an die Traditionen des Cruyffschen Fußballs anknüpfen konnte. Dass van Marwijks Vertrag schon vor der EM bis 2016 verlängert wurde, verheißt für die nächsten vier Jahre nichts Gutes.
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