Von der Ackerwiese ins WWW

cache/images/article_978_10199261_140.jpg In Ermangelung einer Internetplattform für Fußballer tummeln sich einige Bundesliga-Spieler im studivz. Im Zuge ihrer Selbstdarstellungen beweisen sie Vereinstreue, präsentieren ihre gestählten Körper und klopfen überhebliche Sprüche, die nur bedingt als selbstironisch einzustufen sind. 
Julia Zeeh | 10.07.2008
Studivz eine der Internetplattformen, in denen Noch-nicht-, Nicht-mehr-, Auf-keinen-Fall-Studenten, sowie auch tatsächliche Studenten sich präsentieren und ihr Privatleben öffentlich machen. Durch Fotoalben, Gruppenzugehörigkeiten und Interessensangaben hat jeder die Möglichkeit, sich so darzustellen, wie er ist oder gerne wäre. Websites dieser Art haben bereits zahlreiche Diskussionen über den Verlust von Privatsphäre, der Anonymität bzw. datenschutzrechtliche Bedenken hervorgerufen.

Umso interessanter daher die zahlreichen Profile von Bundesligafußballern, die manchmal sogar Interview- oder Zeitungskolumnenverbot haben. Diesen Maulkorb lassen sich die »jungen Wilden« (bezeichnend, dass Sturm Graz die meisten Spieler stellt) im Internet aber nicht aufsetzen, brillieren sie doch mit Gruppen wie »Fuck me, Im Famous«.

Gedanken sollten sich die österreichischen Schiedsrichter machen, wenn sie Mario Kreimers Gruppe »Im letzten Spiel meiner Karriere grätsch ich den Schiri um« finden. Dieser zeigt nicht nur Selbstbewusstsein mit der Mitgliedschaft in »Gott bin ich schön...noch schöner wäre kitschig«, sondern beweist auch Selbsterkenntnis mit »Frauen stehen auf Arschlöcher...und ich bin ein Arschloch«. Zumindest präsentiert er sich als wahrer Fan seines Vereins mit der »1. offiziellen Anti-GAK-Gruppe lieber tot als rot«. Ähnlich vereinstreu erscheinen Leonhard Kaufmann und Jakob Jantscher mit »Rapid 1:5 Sturm Graz - Ein Ergebnis für die Ewigkeit« oder »Schwarz weiß ist unser Herz«.

Mit Gruppen wie »Wenn mein Kind später bei Austria Wien spielt, kommt es ins Heim« oder »Die Tochter von Steffen Hofmann ist super« kontern wiederum die Spieler von Rapid (Hannes Eder, Andreas Lukse, Stephan Palla, Georg Harding). Bei Letzterem bleibt nur zu hoffen, dass »Georg Harding von der Ackerwiese in die große weite Welt..« oder »Das Nationalteam braucht Georg Harding« humorvoll gemeint sind.

Dass manche Fußballer immer wieder gerne ihren mehr oder weniger durchtrainierten Körper präsentieren, wird nicht nur durch den obligaten Leiberltausch, sondern neuerdings auch im studivz belegt: So können etwa die Luxuskörper von Alexander Schachner vom SV Kapfenberg (unsittlich posierend mit seiner Freundin »Krocha Barbie«), Thomas Hinum, Christoph Koepfl, Marko Stankovic (beide praktischerweise gleich auf dem Profilfoto oben ohne), Zlatko Junuzovic (für die Männerwelt: auch die Modelfreundin ist zu bewundern) oder Hannes Eder bestaunt und heruntergeladen werden.

Ob dessen Foto vom Kung-Fu-Tritt gegen Leonardo als Gewaltverherrlichung, Gegnereinschüchterung oder Galgenhumor interpretiert werden soll, können acht Millionen registrierte studivz-Mitglieder Eder persönlich fragen. Eventuell kann ihm auch Peter Pacult per studivz seine Meinung schreiben, wenngleich dessen zwei Profile getrost als Fakes entlarvt werden können. Ebenso gefälscht scheint das Profil von Christoph Leitgeb zu sein, sodass Ernst Öbster der einzige Bulle ist, der im studivz gefunden werden konnte, was vielleicht mit der hohen Anzahl von Legionären bei Red Bull Salzburg zusammenhängt.
Öbster ist im Übrigen einer der wenigen Fußballer, der Details seines Profils nur Freunden offenbart.

Zlatko Junuzovic und Georg Harding nutzen diese Möglichkeit nicht. Auf Anfrage des ballesterer begründen sie dies damit, dass sie noch keine schlechten Erfahrungen gemacht haben. Harding fügt noch hinzu, dass er nichts zu verbergen habe und außerdem so bereits »witzige Leute« kennengelernt habe, obschon er gar nicht damit gerechnet habe, dass sich soviele Rapidfans für ihn interessieren.

In diesem Sinne könnte die vermehrte Präsenz von Fußballprofis im studivz eine neuartige Möglichkeit sein, um abseits von Autogrammstunden und Fernsehinterviews die Kluft zwischen Fans und Spielern zu verringern. Auch wenn manch ein Anhänger wohl mehr über seinen Star erfahren wird, als er eigentlich wissen wollte.
ballesterer # 120

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