Wachsen mit der Herausforderung

Wer glaubt, alles erklären zu müssen, läuft oft in die falsche Richtung. Wie Waldi Hartmanns illustre TV-Talkrunde nach Brasilien gegen Kroaten.
Gastautor | 15.06.2006

Die Brasilianer haben mit ihrem ersten Match einen Grottenkick geliefert. Zugegeben, manch andere Gurkentruppe würde für solche ballesterischen Fähigkeiten schon aufs Stockerl gehoben. Aber nachdem die Brasilianer die Brasilianer sind, heißt es eben, sie seien schlecht gewesen, weil (Ronaldo) oder nicht in Zauberform (Ronaldinho). Interessant, was das ARDsche Nachtstudio im Anschluss dazu sinnierte. Unter der Leitung von Waldemar Hartmann kratzten sich Harald Schmidt, Joachim Krol und Hellmuth Karasek die imaginären Bärte, um zu erklären, warum die Brasilianer gespielt hatten, wie sie gespielt hatten. Das Ergebnis der drei Möchtegern-Philosophen: der Seleçao fehlte die richtige Herausforderung. Soll heißen: Hätten die Kroaten besser gespielt, hätten die Brasilianer gezeigt, was in ihnen steckt. So aber ließen sie die Katze im Sack, die Kirche im Dorf, den lieben Gott einen guten Mann und alle Fünfe gerade sein.

Nun, wenn das ARD-Quartett meint, die Kroaten hätten mediokre Leistungen abgeliefert, dann will ich nicht wissen, was sie zur Leistung der Franzosen oder Portugiesen gesagt hätten, die ihre ersten Partien quasi als Tipp-Kick-mit-Menschen gestaltet haben. Die Balkanjungs waren ziemlich gut unterwegs, vor allem Prso (der Mann, der so heißt, dass man jedesmal "Gesundheit" antworten möchte, wenn sein Name fällt), wechselte die Seiten, als wäre das Shakespeare-Motto sein Mantra: "Lasst mich den linken Innenverteidiger auch spielen!" Und die Verteidigung stand so, wie die deutsche gerne stehen würde.

Webt man diese hirngespinstige These der vier Spätleser jetzt weiter, könnte man mit Fug und Recht behaupten, dass zum Beispiel die Österreicher nur deshalb so schlecht kicken, weil ihre Gegner nicht die adäquate Größe haben. Was sind schon die Färöer oder eben Kroatien (so geschehen im Mai diesen Jahres) gegen wahre Größen wie etwa - Brasilien ?!

Was wäre das für ein Fest der Tore, Tricks und Traumpässe, stünden diese beiden Mannschaften auf dem Platz! Die Österreicher müssten über sich hinauswachsen gegen die gefühlten südamerikanischen Titanen und selbige würden bei dem Alpentiger, der sich dann ja (laut These!) selbst aus dem Tank packt, ihre Trickkiste öffnen müssen, dass es nur so rauscht. Es wäre ein Fußballfest vom Feinsten. Ergo: Es gehören nur die richtigen Mannschaften auf den Platz, um einen Traumkick zu erleben. Wahrlich, eine berückende Hypothese!

Felicitas Freise, Wien

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
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