»Walking in a Flogel Wonderland«

cache/images/article_1608_flö_140.jpg Von 1997 bis 2002 spielte der Ex-Internationale bei Heart of Midlothian in Edinburgh. Den Fans ist er heute noch gut in Erinnerung, schließlich war er Teil der Cupsiegermannschaft von 1998. Im Interview spricht Thomas Flögel über die schottische Härte, weinrote Stadien und unverständliche Austriazismen.
ballesterer: Bei der Austria waren Sie das, was man abfällig einen Filigrankicker nennt. Man hätte eher erwartet, dass Sie in eine technisch hochwertigere Liga wechseln.

Thomas Flögel: Das erste Spiel mit den Hearts war gegen die Rangers im Ibrox Park. 53.000 Leute und die Rangers mit Amoroso, Albertz, Laudrup und Gascoigne da habe ich mich schon im Spielertunnel angeschissen. Im bin zur Pause ausgewechselt worden und habe mich in der Dusche gefragt: »Was mach ich da eigentlich? Das derblas ich nicht!« Der Trainer hat mich für zwei Monate in die zweite Mannschaft zurückgestuft. Das waren die härtesten Tage, die ich je erlebt habe: Gatsch, kein Flutlicht und 16-, 17-jährige Buben, die dich einteilen.

 

Wie ist es zum Wechsel nach Edinburgh gekommen?

Es war eigentlich purer Zufall. Zur damaligen Zeit war ich eigentlich in einem Formtief. Bei einem Spiel gegen den FC Tirol waren Scouts von Dundee United im Stadion, die eigentlich Vitalijs Astafjevs beobachten wollten. Ich bin ihnen durch ein Tor im Sitzen und durch eine recht gute Partie aufgefallen. So bin ich dann nach Dundee geflogen. Dort hat es sich aber mit dem Vertrag gespießt und ich bin auf Anraten eines schottischen Beraters auf gut Glück nach Edinburgh gefahren. Wir haben uns dann mit Manager Jim Jeffries getroffen und der Vertrag war quasi unterschrieben.

 

»Hearts«-Fans bezeichnen Sie zum Teil als besten Legionär, den sie jemals hatten. Wie haben Sie nach dem schweren Beginn diesen Status erreicht?

Durch die anfänglichen Einsätze in der Reserve bin ich zu einigen Einsätzen im Cup gekommen und habe dort recht gute Leistungen zeigen können. Nach drei Monaten bin ich dann zu meinem Manager gegangen und habe gesagt: »Wenn ich nicht in der Ersten spiele, dann gehe ich wieder. Dann vergessen wir den Vertrag und ich bin weg.« Jeffries hat dann gesagt, ich soll noch warten, meine Chance wird kommen. Ich habe aber mich trotzdem nach anderen Vereinen umgeschaut und mit dem Abgang geliebäugelt. Prompt habe ich gegen Aberdeen von Beginn an gespielt und zwei Tore geschossen. Dann war ich dabei.

 

 Haben Sie in Schottland das Kämpfen gelernt?

Im ersten halben Jahr auf der Insel habe ich fünf Löcher im Kopf gehabt, weil ich auf jeden Kopfball gegangen bin: Bamm, wieder eine draufgekriegt und schon wieder geblutet. Dann habe ich mit Krafttraining und Boxen begonnen. 

 

Ist die schottische Härte ein Klischee oder ist die echt?

Sie wurde zum Klischee, das aber stimmt. Obwohl die Deutschen um nichts zimperlicher sind. Der Ehrgeiz und der Siegeswille sind in Schottland aber dermaßen groß, dass dem alles untergeordnet wird. Es ist schwer zu erklären. Sie sind hart, aber fair. 

 

Hat es in Schottland Gegenspieler gegeben, bei denen Sie mit Ihrem Latein am Ende waren?

Am Schlimmsten war Gattuso von den Rangers. Mit dem habe ich sogar gerauft. Im Prinzip kannst du die ganze Rangers-Mannschaft von damals aufzählen. Es hat viele Verteidiger gegeben, bei denen ich mir nur gedacht habe: »Schau, dass du wegkommst!«

 

Sie haben 1998 mit den Hearts den schottischen Cup gewonnen. Kann man das mit einem Meistertitel mit der Austria vergleichen?

Nein, weil die Hearts damals seit 40 Jahre nichts gewonnen hatten. Der Cup hat dort auch deswegen einen so hohen Stellenwert, weil auf der Insel einfach jeder gewinnen will. Egal ob in einem Cupspiel, beim Hunderennen oder beim Kartenspielen. Der Schotte freut sich über die kleinste Auszeichnung wie ein Nackerter. Die elf Mann, die damals im Cup gespielt haben, sind bis heute Helden. Wie wir mit dem Bus nach Hause gefahren sind und empfangen wurden: Wahnsinn! Da war die ganze Stadt weinrot.

 

Sie sind in Schottland relativ rasch aus dem österreichischen Radar verschwunden. Waren Sie einfach zu weit weg?

Eigentlich bin ich ja durch Schottland wieder ins Nationalteam zurückgekommen. Ich war insgesamt drei Jahre vom Team weg. Die Zeit dort hat mich das Arbeiten gelehrt und dass im Leben alles wieder zurückkommt. Meine Leistungen waren gut, ich bin konstanter geworden. Nach meiner Rückkehr war ich ein ganz anderer Spieler mit einer neuen Spielweise.

 

Haben Sie je die Möglichkeit gehabt, zu einem der Old-Firm-Teams zu wechseln?

Ja, Celtic wollte mich unbedingt haben. Damals, als Jozef Venglos Trainer war. Der Wechsel war auch fast schon unter Dach und Fach. Dann wurde Venglos entlassen und der Wechsel ist ins Wasser gefallen.

 

Naja, aber Sie in einem grün-weißen Trikot ...

Eben, es war vermutlich Schicksal, dass ich in kein grün-weißes Trikot schlüpfen musste. Aber ich muss trotzdem sagen: Das schönste Stadion, in dem ich je gespielt habe, war der Celtic-Park. Ich bin beim ersten Mal ins leere Stadion gegangen und mich hat es fast umgehauen. Das ist besser als das Camp Nou. Wenn beim Match die Fans »You'll never walk alone« singen, willst du nie wieder weg von dort. Es ist mächtig. 

 

Wodurch zeichnet sich das Publikum in Schottland insgesamt aus?

Es waren viele schlechte Spiele dabei, aber jedes Match war Unterhaltung egal ob bei Sonne, Regen oder Gatsch. Die Unterteilungen in Nord-, Süd-, Ost-, Westtribüne gibt es nicht. Die sitzen einfach überall. Das ganze Stadion hat nur weinrote Leiberl an. Auch bei minus zehn Grad. Das war gewaltig, da rennst du irgendwann von alleine. 

 

Hat es für Sie einen eigenen Fangesang gegeben?

»Walking in a Flogel Wonderland« und »Hey, Tommy Flogel, Tommy, Tommy, Tommy Flogel«. Ein »ö« können sie ja nicht aussprechen. Auf meinem Trikot ist auch erst im zweiten Jahr der richtige Name gestanden.

 

Wie ist es Ihnen mit der Sprache gegangen?

Am Anfang verstehst du nichts außer »Fuck«. Die ersten drei Monate war ich noch alleine, da habe ich Englisch lernen müssen. Ich habe dann auch versucht, Schmäh hineinzumischen, den hat aber keiner verstanden. Als wir einmal 3:0 geführt haben, habe ich scherzhalber zu John Robertson gesagt: »Now the cheese is eaten« der Kas is gessen. Der hat sich wahrscheinlich gedacht, dass ich komplett deppert bin. Schlimmer war nur unser Nordire den haben nicht einmal die Schotten verstanden. 

 

Wieso sind Sie dann wieder nach Österreich zurückgekehrt?

Damals ist der Hauptsponsor ausgestiegen und so hat der Verein alle Legionäre verkaufen müssen. Oder das Gehalt um die Hälfte kürzen. Und dann hat auch schon die Austria angerufen. Irgendwie wollte ich dann auch nach Hause, weil der Jüngste war ich auch nicht mehr.

 

Hat es für Sie eine spezielle Verabschiedung gegeben?

Nach dem letzten Match hat es für alle, die den Verein verlassen mussten, Standing Ovations gegeben und wir sind von den Fanclubs durchgereicht worden. Es war schon sehr emotional. Heute ist es noch genau so. Immer wenn ich den Klub besuche und die Leute im Stadion wissen, dass ich da bin, gibts Standing Ovations und ich muss runter aufs Feld. Es gibt nichts Schöneres. Ich fahre jedes Jahr mindestens einmal nach Edinburgh, nur um mich feiern zu lassen (lacht).


Referenzen:

Heft: 60
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png