Warme Plätze, dunkle Ecken

cache/images/article_1473_dsc_0085kl_140.jpg WM-BLOG Durban liegt nicht neben Johannesburg, dafür kann der Besucher die Winterjacke gegen ein Kurzarmleiberl tauschen. Landmark-Stadien werden nach Kommunisten benannt, Portugiesen und Brasilianer spielen wie Nordkoreaner und Chancen bleiben sowohl auf dem Spielfeld als auch auf der Straße ungenutzt.
Auch wenn es überheblich klingen mag: nach zwei Wochen WM hat sich auch bei privilegierten Vorortberichterstattern ein Alltag eingependelt, der ganz schön ermüdend sein kann: Schlaf und ausgewogene Ernährung kommen zu kurz, der Tag geht mit Arbeit drauf und am Nachmittag oder Abend heißt es, zu den Spielen hetzen, um anschließend bei dem einen oder anderen Bier Kraft für den nächsten Tag zu tanken.

Da tut es gut, wieder einmal herauszukommen aus Johannesburg. Anlass ist das Match zwischen Brasilien und Portugal in Durban. Nach den lauen bis missratenen Vorstellungen der Deutschen, Ghanaer und Italiener an den beiden Vortagen lockt nicht nur die Aussicht auf einen ansprechenden Kick, sondern auch die an Sandstrände klatschenden Wellen des Indischen Ozeans und das im Vergleich zu Johannesburg bedeutend angenehmere Klima.

Mächtige Felsen, stolze Pfaue

Einziges Manko: nach Durban ist es ein »breiter« Weg. Knappe 600 Kilometer, um genau zu sein. Der Wecker klingelt das erste Mal um 5.00 Uhr, zwei Stunden später sind wir auf der Autobahn in Richtung Süden und lassen die deutlich sicht- und riechbare Smogwolke, die den Großraum Johannesburg wie eine Glocke übergibt, hinter uns. Der erste Kaffee wird auf einer Tankstelle im Niemandsland der N3 eingenommen; er hat diese Bezeichnung nicht verdient, seine Aufgabe muss die frische Morgenluft übernehmen.

Landschaftlich wird es gegen Süden hin zunehmend interessanter. Die dürre Ebene, durch die sich der Highway schnurgerade bis zum Horizont zieht, wird abgelöst von ersten, einsam in der Landschaft stehenden Hügeln, die sich in Richtung der Midlands zu mächtigen Felsen und etwas später zu einem richtigen Gebirge vermehren. Am Rand der Drakensberge nahe der Grenze zum Königreich Lesotho wird auch die Tierwelt Südafrikas schüchtern vorstellig: im Gastgarten einer Raststation hat es sich ein Pfau unter einem Tisch gemütlich gemacht. Ein Gast sieht sich dazu veranlasst, eine abendfüllende Doku über das Tier zu drehen.

Amit, Sir Harry und der Superspar

Im Umland der Städte Harrismith und Ladysmith benannt nach dem englischen Militär Sir Harry Smith und seiner spanischen Frau Juana Maria durchfahren wir geschichtsträchtiges Gelände. Im zweiten Burenkrieg (1899-1902) erlitten die Engländer hier eine empfindliche Niederlage, von der heute noch die zahlreichen gut ausgeschilderten Schlachtfelder und Gedenkstätten zeugen. Für eine Geschichtsstunde bleibt jedoch ebenso wenig Zeit wie für ein Mittagessen, der »Superspar« an der Autobahn kurz nach Pietermaritzburg bietet jedoch Ersatz. Vor der Kassa herrscht deutlich weniger Andrang als vor den drei Bankomaten, die die einzigen in der Umgebung sein dürften. Der Rand ist dafür um einiges mehr Wert als in Johannesburg: Für umgerechnet vier Euro bekommen wir vier panierte Hendlflügerl und eine südafrikanische Wurst samt Beilagen alles frisch zubereitet und sehr schmackhaft.

Das Rennen gegen die Uhr droht trotz des Fast-Foods verloren zu gehen. Die Tickets müssen mindestens eineinhalb Stunden vor Spielbeginn abgeholt werden, um nicht zu verfallen. Um halb drei jagen wir jedoch noch die abschüssige Stadtautobahn Richtung Zentrum hinunter, Amit, ein israelischer Kollege von der Zeitung Hayom, hilft aus und sichert uns die Karten. Nach einem Stopp-And-Go durch das amerikanische Straßensystem Durbans taucht eine halbe Stunde später endlich der 104 Meter hohe Stahlbogen des Moses-Mabhida-Stadions auf. Als wir aussteigen, können wir die Winterjacken getrost in den Kofferraum schmeißen: es hat 25 Grad, der Slogan der WM-Stadt - »The warmest place to be for 2010« - scheint nicht zufällig gewählt.

Moses, der Kommunist

Das Stadion gereicht seinem Namensgeber Moses Mabhida zwar zweifellos zur Ehre, für einen ehemaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei wirkt es jedoch etwas zu protzig. In unmittelbarer Nähe zu den Durbaner Cricket- und Rugby-Stadien sowie der Casino-Meile geht es über einen polierten Steinboden durch weiträumige, verglaste Innenräume auf die Tribünen, wo optisch wie akustisch einige Unterschiede zu Johannesburg zu Tage treten. Offenbar haben weniger WM-Touristen die Reise nach Durban angetreten, die indischen Einflüsse der Stadt sind auch unter den Stadionbesuchern deutlich sichtbar. Zur Einstimmung auf die Partie dröhnt »Shosholoza« durch die Lautsprecher und kurzfristig übertönen die brasilianischen Fangesänge und die Trommelschläge einer Samba-Truppe sogar den Klang der Vuvuzelas. Meist gelten die Schmählieder dem späteren »Man of the Match« Cristiano Ronaldo die Zuschauer waren bei der Wahl offenkundig nicht stimmberechtigt. 

In der ersten Hälfte präsentiert sich die »Heidelbeer-Partie« erstaunlich abwechslungsreich und temperamentvoll geführt. Die lustigste Einlage liefert Felipe Melo als er versucht, Carlos Queiroz über den Haufen zu schießen. Der portugiesische Teamchef kann sich damit trösten, das Modeduell mit Dunga, dessen Hemd mindestens zwei Nummern zu groß ausgefallen ist, deutlich für sich zu entscheiden. Mangels eines Kleidungswechsels bei Dunga und beiderseits abnehmenden Offensivbemühungen verflacht die Partie nach der Pause. Im Stadion kehrt vermehrt Langeweile ein, die sich in vereinzelten Unmutsäußerungen der mehrheitlich brasilianischen Fans widerspiegelt. Unterhaltsam wird es erst wieder nach Schlusspfiff, als diverse grün-gelbe Spaßvögel Radiointerviews geben und in ihren entrückten Kostümen bereitwillig Modell für Fotos stehen.

Mangelnde Chancengleichheit

Nach dem Match lassen wir die pompösen Hotelburgen der Strandpromenade hinter uns und bewegen unseren Toyota Corolla im Schritttempo Richtung Stadtzentrum, um unser Quartier zu erreichen. Auf Empfehlung des ballesterer-Kollegen Alex Marner hatten wir uns für ein preisgünstiges Angebot der »Victoria-Lodge-Hotelgruppe« entschieden. Auf Irrwegen erreichen wir die dunkelste Gasse der Stadt, einziger Lichtblick: das orange gestrichene Gittertor der Herberge. Die freundliche Begrüßung der netten Rezeptionistin wird überschattet von dem Spaziergang einer fünf Zentimeter langen Kakerlake durch das Foyer, die uns offenbar den Weg zum Zimmer weisen will. Um die letzten Bedenken zu zerstreuen, fragen wir die Hotelangestellte nach der Sicherheitssituation im Viertel. Ihre Antwort lässt uns beruhigt Abendessen gehen: »You know, youre white. Somebody might take chances.«

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Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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