Warmgeschossen für Stuttgart

cache/images/article_1130_boloni_140.jpg Gerade Standard Lüttich, der große Außenseiter der UEFA-Cup-Gruppe C, ist als einziges Team schon vor dem letzten Spieltag für die K.o.-Phase qualifiziert. Nach einem 4:1-Auswärtstriumph im Schlagerspiel gegen FC Brugge reisen am Donnerstag 5.000 Standard-Fans mit jeder Menge Vorfreude zur Jahresabschlussfeier nach Stuttgart.
Klaus Federmair | 15.12.2008
Vor dem Spiel in Brugge sah es ganz danach aus, als müsste Standard seinen erstaunlichen Siegeszug in Europa mit einem Absturz in der nationalen Meisterschaft bezahlen. Vier Spiele in zehn Tagen waren für den nicht allzu großen Kader offenbar zu viel gewesen. Die zwiespältige Bilanz: sechs Punkte im UEFA-Cup (3:0 gegen Sampdoria, 1:0 bei Partizan Belgrad), nur einer in der Meisterschaft (0:0 in Mechelen, 1:2 zu Hause gegen Zulte-Waregem).

Beeindruckendes Kollektiv
Nach sieben spielfreien Tagen meldete sich Standard im Duell der Verfolger von Tabellenführer Anderlecht eindrucksvoll zurück. Laut Presseberichten sollen Talentesucher von zwei Dutzend ausländischen Vereinen das Match im Stadion mitverfolgt haben. Ihre Notizblöcke waren nach dem Lehrspiel wohl voll mit Namen von Standard-Kickern. Allein die Tatsache, dass sich vier verschiedene Lütticher in Brugge in die Torschützenliste eingetragen haben, zeigt, dass es nicht genügt, zwei oder drei Schlüsselspieler des Teams von Trainer Laszlo Bölöni auszuschalten.

Der rumänische Coach leistete sich einen besonderen Auftritt. Als er vom Schiedsrichter der Bank verwiesen wurde, ging er nicht etwa auf die Ehrentribüne, sondern kletterte einfach in den Sektor direkt hinter ihm. Die dort sitzenden Brugge-Fans boten ihm einen ihrer blau-schwarzen Fanschals an. Bölöni band ihn sich um den Hals und unterhielt sich die nächste halbe Stunde offensichtlich bestens mit seinen neuen Freunden aus dem gegnerischen Lager.

Abgebrühte Junge
Der belgische Meister führte bei Bölönis Abgang bereits 3:0 und verlegte sich in der zweiten Hälfte darauf, das Spiel im fremden Stadion zu kontrollieren. Beeindruckend ist vor allem, wie abgebrüht die jungen Lütticher agieren und wie realistisch sie die Spielsituation einschätzen. Auch die zahlreichen Härteeinlagen der Gastgeber und einige haarsträubende Fehlentscheidungen zugunsten des Heimteams im Hexenkessel von Brugge beeindruckten Standard kaum. Der 20-jährige Steven Defour, Kapitän und Torschütze zum 1:0, beantwortete eine Reporterfrage nach der angeblichen Effizienz seiner Mannschaft trocken: »Wir hätten höher gewinnen können.«

Was bedeutet der 4:1-Sieg für das letzte UEFA-Cup-Gruppenspiel in Stuttgart? Standard muss ohne Verteidiger Marcos Camozzato auskommen, den der frustrierte Brugge-Altstar Wesley Sonck bei einem Foul schwer verletzte. Ansonsten werden die Belgier im Gottfried-Daimler Stadion voraussichtlich in Bestbesetzung antreten, um als Gruppensieger einen Gegner aus der Champions League in der nächsten Runde zu vermeiden. Eines ist sicher: 5.000 Auswärtsfans werden in Stuttgart den Abschluss des erfolgreichsten Jahres seit einem Vierteljahrhundert bis spät in die Nacht hinein feiern egal, wie das Spiel ausgeht.

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Rubrik: Aktuell
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