Warum ich nicht auf Elfmeter entschieden hätte

Felicitas Freise auf Figos Spuren. Diesmal: In Gelsenkirchen.
Gastautor | 24.06.2006

Um es gleich vorweg zu sagen: die Arena auf Schalke ist ein Topf. Zwar ein Druckkochtopf mit mexikanischem Chili con Carne. Dennoch ziehen "meine" Portugiesen als Gruppenerste ins Achtelfinale. Hurra! Auch wenn die um mich herum sitzenden mexikanischen Journalisten diese Tatsache nicht so übermütig begrüßen wie ich. Die sind auch nicht um 5 Uhr morgens aufgestanden und um 6 Uhr zum Flughafen gefahren, voller Sorge, ob durch den Besuch des amerikanischen Präsidentenaffen nicht auch Flughafenautobahn und Flugverkehr lahm gelegt sind. Mitnichten, eine einstündige Abflugverspätung gibt es trotzdem ? wegen der WM. Durch das gestrige Match in Köln platzt der Düsseldorfer Flughafen aus den Nähten und meine Airberlin-Maschine erhält keine Starterlaubnis. Neben mir sitzen drei junge Mexikanerinnen in grün-weißen Fan-Shirts und mit Handtäschchen. Ob sie wohl Verdacht schöpfen, wenn ich sie frage, was "Wir werden Euch planieren!" auf Spanisch heißt?

Ankunft Düsseldorf 10.30 Uhr, mit einem Shuttle-Bus zum Flughafenbahnhof, wo schon zahlreiche Mexikaner auf den Zug nach Gelsenkirchen warten. 10.56 Uhr Abfahrt des Regionalzuges, der bereits bis knapp unters Dach mit Mexikanischen Fans gefüllt ist. Aber Hallo, was ist mit meinen Portugiesen? Haben die keine Fans?? Muss ich mal wieder alles alleine machen? Ich quetsche mich in ein Abteil zu einer mexikanischen Familie - Mama, Papa, drei kleine Jungen, alle in Fußballdressen, einer zusätzlich mit Brasilien-Kappe. In den Nebenabteilen wird bereits frenetisch getrommelt und getrötet, von Bahnhof zu Bahnhof erhöhen sich Mexikaneraufkommen und Lautstärke. Dazwischen versprengte deutsche Pendler - nicht vergessen: ich befinde mich in einer der dichtbesiedeltsten Gegenden Deutschlands, und es ist ein ganz "normaler" Arbeitstag. Das Flaggenaufkommen ist um einiges heftiger als noch vor zehn Tagen in Nürnberg. Beflaggte Backsteinhäuser und Schrebergärten künden von der WM. "Soo hässlich, wie alle sagen ist das Ruhrgebiet ja gar nicht", denke ich mir und betrachte die vorbeiziehenden grünen Wiesen. Plötzlich kommt ein friedlich grasendes Pferd ins Blickfeld, dahinter ein idyllisches Klinkerhäuschen gefolgt von ?. einem Kernkraftwerk. Ich wünschte, die letzten drei Zeilen hätte ich mir um der Pointe willen aus den Fingern gesogen!

11.30 Uhr Ankunft in Gelsenkirchen (sprich: "Gelsenkiiiiachn", mit einer Art "Meidlinger L"). Der Bahnhof liegt in einer Art Grube, was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass die ganze Gegend hier ja vom Bergbau lebt. Und wie das mit Gruben so ist, sie haben eine fantastische Akustik. So brechen sich die mexikanischen Schlachtgesänge und -geräusche formidabel in den Schluchten von Kaufhäusern, Dönerbuden und Trinkhallen. Die Akustik ist so perfekt, dass sogar die "Purtugal-Schreie" von zwei (!) Portugiesen (na endlich!) weithin vernehmbar sind. Ich suche mir die Abfahrtsstelle des Media-Shuttle, der schon gut gefüllt mit vielen Journies ist. Heute herrscht keine gelangweilte, sondern müde Atmosphäre. Kein Wunder, die WM tobt ja schon seit 13 Tagen und die Kollegen haben vermutlich auch bereits 16:9-Augen und flache Fingerkuppen.

Der Bus fährt durch die Gelsenkirchener Vororte (hoffe ich zumindest, so hässlich wie die sind), rote Klinkerhäuser, heftig beflaggt, etliche kroatische Fahnen, einige Schalke 04-Fahnen und natürlich "Deutschland über alles". Wir sind WM. Der Himmel ist so grau wie die Stadt (selbst der rote Backstein wirkt irgendwie "grau") und die Arena liegt "in the middle of nothing". Ein riesiges weißes Ufo mit vielen, vielen Stiegenhäusern in Blau. Das Pessecenter ist in einem großen, weißen Bierzelt aufgebaut, Innenausstattung, Farben und Anordnung der Elemente (Arbeitsplätze, Welcome Desk, Cafeteria, Internetterminals) fast ident mit der in Nürnberg. Vermutlich so wie die ähnliche Einrichtung der Billas, damit selbst Blinde dort einkaufen können. Ich mache mich am Welcome Desk wichtig, hole mir mein Match-Ticket ab (natürlich finden sie mich wieder nicht, heute suchen sie jedoch kürzer als in Nürnberg, diesmal bin ich unter "international" abgelegt). Dann schlendere ich an den Pigeon Holes (das sind kleine, offene Holzfächer, in denen Pressemitteilungen deponiert werden) entlang, auf der Suche nach Informationen und lande in der Cafeteria auf der Suche nach Essbarem. Tagesgericht: Gulasch mit Nudeln und Dessert (Fertigpudding), serviert im Plastiknapf und mit Plastikbesteck zu essen. Manchmal wünsche ich mir Do. & Co. Ein Schinkensandwich aus der Plastikhülle muss reichen.

12.30 Uhr, noch dreieinhlab Stunden bis zum Anpfiff, ich bin hundemüde, habe mittlerweile Kopfschmerzen und mir ist langweilig. Wenn Luis wüsste, was ich mir wegen ihm antue. Und wenn mir jemand noch vor vier Jahren gesagt hätte, dass ich in meinem Leben zum WM-Pilger mutieren werde?. Nachdem ich jedoch mein Akkreditierungsplastiklätzchen habe, das mir Zugang zu allen "public areas" ermöglicht, beschließe ich, mir Auf Schalke noch ohne Zuschauer anzusehen.
Vor dem Stadionareal stehen schon lange Menschenlangen, vor allem Mexiko-Fans (Hallo Portugiesen! Ihr liegt doch viel näher zu Gelsenkirchen als Mexiko! Was ist denn bloß los??), im Stadion und drumherum lungern Securities, OK-Helferleins und Imbissbudenpersonal (Jawohl, es gibt Joghurt mit Früchten!! Aber auch Brezn, für normale Menschen). Ich klettere den Turm zur Pressetribüne hoch, Popmusik schallt durch die Treppenhäuser, die Umgänge, die Riesenhalle und über das Spielfeld, das meterweit (Dreißig? Vierzig?) unter mir liegt. Ein großes, grünes Rasenfeld, ohne umgebende Laufbahn, riesige filigrane Netze hinter den beiden Toren, kesselartig aufsteigend die Zuschauerränge, darüber eine gigantische Stahlkonstruktion (Kunststück, im Ruhrpott!) mit einem ebenso gigantischen, weißen Planendach. Ein überdimensionaler blauer Trichter, denn die Sitzreihen sind alle FPÖ-Blau, bis auf einige weiße, die den Schriftzug "Schalke 04" ergeben. Ich staune so laut in das Rund hinunter, dass ein Security-Mensch auf mich zutritt und ungefragt anfängt, das Stadionmonster und seine technische Finessen zu erklären. Als ich beiläufig erwähne, dass ich gehört hätte, man könne den Rasen zwischen den Matches zum Lüften hinausfahren, ist er sichtlich stolz und sagt: "Da hebn wir einfach die Südtribüne en Stückchen, und faan dat Teil raus." Und zwar das ganze Spielfeld, die ganzen 110 mal noch was-Meter, auf Teflonschienen. Oh Mann, so gut hätte es mancher Pensionistenheimbewohner auch!

14.00 Uhr, die Menschen werden eingelassen, ich langweile mich noch immer und bummele durch die WM-Belustigungen, die die Sponsoren vor der Arena aufgestellt haben. Karaoke-Fangesänge-Gröhlen mit Coca Cola, Torwandschießen mit Budweiser und Erinnerungsfotos mit Klinsmann oder Pele. Da bin ich dabei. Wieder eine lange Menschenschlange, aber ich habe ja Zeit und reihe mich zwischen Mexikaner (Hallo! Portugiesen!!! Kommt ihr jetzt bitte endlich?!), deutsche Anfangssechzigerinnen mit Popelineblousons und Handtaschen und ebenfalls gelangweilte OK-Kids ("Mit wem soll ich mich denn heute fotografieren lassen? Die hab ich alle beide schon! Na gut, nehm ich noch mal Pele."). Schließlich stehe ich vor der Fotowand, wünsche mir ein Bild mit Pele und halte meinen Arm nach Anweisung so, dass meine Hand auf Peles Schulter liegt. Ich weiß, er hat es nicht verdient, aber ?

15.30 Uhr. Ab in den Hexenkessel, der akustisch noch viiiiiel mehr hergibt, als das Nürnberger Stadion.
Siebzig Prozent Mexikaner und Mexiko-Fans, zwanzig Prozent Portugiesen. Mein Sitzplatz liegt ziemlich hoch oben, das Spielfeld wirkt surreal weit weg, und dieser Eindruck wird noch durch die Arbeitsplatte verstärkt, hinter die ich mich heute klemmen muss. Alle paar Meter ist ein kleines Flachteil darauf montiert, über das ungeschnittene Bilder von diversen Kameras flimmern. So komme ich zumindest in den minutenlangen Genuss von Aufnahmen aus den Katakomben. Beide Mannschaften stehen schon bereit, an ihrer Spitze jeweils die Kapitäne. Und das heißt: Rafael Marquez links und neben ihm Luis Figo (Standbild bitte!!!!). Jeder von ihnen hat bereits ein Ballkind an der Hand (warum nur habe ich mich nicht für DIESEN Job beworben?).
Endlich laufen sie aufs Spielfeld, der Schallkessel verwandelt sich in das Innere eines Lautsprechers, in dem soeben irgendetwas furchtbar Lautes läuft. Die Hymnen werden abgesungen, Wimpel getauscht, über die Zuschauerränge flammt Blitzlichtgewitter für "Guck, ich vorm Anpfiff." Und der ist wenige Augenblicke später. Die Mexikofans sind ab der ersten Spielsekunde voll da und quittieren jeden gelungenen Pass mit Olé-Rufen und jedes Zuspiel der Portugiesen mit lautem "Buuh!". Zwar gibt's den ersten mexikanischen Torschuss in der zweiten Minute, doch das erste portugieische Tor fällt in der 6. Minute durch Maniche. Ich kreische "Hurra!", werfe die Arme in die Luft und merke an den Blicken der um mich Herumsitzenden, dass es sich um mexiko-affine Journalisten handelt. Oooops.

Die Mexikaner schaffen es weiterhin nicht durch die portugiesische Abwehr, die Portugiesen selbst spielen (noch?) verhalten, und von hier oben wirkt das Spiel eigenartig langsam. In der 24. Minute kommt es zum Handspiel von Marquez, der Schiedsrichter gibt Elfmeter, mein Flachteil zeigt Marquez in Nahaufnahme, er hat Tränen in den Augen. Ich schlucke, am liebsten würde ich jetzt brüllen: "He, es war nicht Absicht, Ehrenwort!" und weiß in diesem Moment mal wieder ganz genau, warum Fußball Männersache ist. Frauen würden jetzt REDEN und nicht einfach auf Elfmeter entscheiden! Es kommt, wie es kommen muss, Simao trifft zum 2:0 für Portugal, das ich mit gemischten Gefühlen genieße. Die Mexikaner sind jedoch die Mexikaner und ihre Fans ungebrochen laut, so dass in der 29. Minute Mexiko den Ausgleichstreffer platziert.

Zweite Habzeit. Das Spiel wird schneller, die Mexikaner kämpfen um den Ausgleich, ich genieße es, Luis uneingeschränkt beobachten zu können. Meine Distanz macht es unmöglich, ihn anzuhimmeln, aber ist perfekt, um seine Spielweise zu studieren. Während ich gebannt meinen Hero beobachte, hämmern die Kollegen eifrig ihre Texte in ihre Notebooks, zum Teil ins fertige Lay-out, ein Auge auf dem Spielfeld, eines auf dem Bildschirm, (Und da bekommen sie WIRKLICH alles mit?? Ist das nicht wie Bügeln beim Fernsehen, wo man die Wahl hat zwischen Krimi-nicht-kapieren und Falten-im-Hemd?) Ich beneide sie kein bisschen, Fußballberichterstatter ist KEIN Genuss, sondern Hektik pur. Eine wandelnde Schreibmaschine mit Fußballblick. Und das potenziert bei einer WM. Uff.

Die Mexikaner bestürmen das portugiesische Tor, verschießen einen Elfmeter (meine Hände graben sich in das Pult!), 52.000 Menschen brüllen und in der 80. Minute wird Figo ausgewechselt. Damit ist das Match für mich im Grunde genommen gelaufen, die 90 plus drei Minuten Nachspielzeit drücke ich dennoch durch. Portugal gewinnt mit 2:1, beide Mannschaften steigen jedoch auf. Portugal ist Gruppensieger und wird am Sonntag in Nürnberg (!!) gegen die Holländer spielen, und ich werde versuchen, nochmals eine Karte zu bekommen. Einmal Figo war eindeutig zu wenig.

Für heute reicht es allerdings, ich fahre mit dem Presse-Shuttle zum Gelsenkirchener Hauptbahnhof, und weiter mit einem Regionalzug zu meinem Die-Welt-zu-Gast-bei-Freunden-WM-Quartier in Münster. Als ich dort endlich um 20.00 Uhr ankomme, bin ich seit 14 Stunden unterwegs, habe mehr als tausend Kilometer zurückgelegt, acht verschiedene Verkehrsmittel benutzt und nur zwei Schinkenbrötchen gegessen. Aber es hat sich ausgezahlt.

Felicitas Freise, Gelsenkirchen

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
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