Watergate in Warschau

cache/images/article_1961_warschau_poleng_140.jpg Das WM-Qualifikationsspiel Polen England endete skandalös, ehe es angepfiffen wurde. Starke Regenfälle verhinderten die Austragung, dabei besitzt das Warschauer Nationalstadion ein Dach. Nun wird nach Schuldigen gesucht. 
Radoslaw Zak | 17.10.2012
Wetterprognosen irren oft, doch am gestrigen Tag ließ der Himmel über Warschau schon früh morgens erkennen, dass Regenfälle mehr als wahrscheinlich sind. Das eigens für die Europameisterschaft erbaute Nationalstadion verfügt über ein Dach, das innerhalb von 20 Minuten ausgefahren werden kann. Trotzdem kam es nicht zum Einsatz, die mehr als 50.000 Fans standen zwar nicht im Regen, dafür aber der Rasen unter Wasser. Schon beim Warmlaufen waren tiefe Pfützen auf dem Spielfeld zu sehen, jedoch wurde nichts unternommen, um den Rasen mit Pumpen oder Walzen von den Wassermassen zu befreien.

Kein schöner Tag
So ertönten um Punkt 21 Uhr nicht »God Save The Queen« und die »Mazurka Dabrowskiego«, sondern eine Durchsage, dass die Entscheidung über die Austragung des Anpfiffs in 45 Minuten getroffen werde. Davor wurde Referee Gianluca Rocchi während seiner Platzbesichtigung, bei der er den Ball hin und her schoss, frenetisch gefeiert. Ein Pfeifkonzert übertönte die letzten Worte des Stadionsprechers, Papierflieger flogen durch das Stadionrund, ein Flitzer ging baden. Um die vulgären Sprechgesänge gegenüber dem Verband zu übertönen, wurde die Musik lauter gedreht. Das Highlight war dabei ohne Zweifel U2s »Beautiful Day«.

Der Zorn der Fans kanalisierte sich in Galgenhumor. Wlodek, der mit einer Gruppe aus Südpolen in einem gemieteten Bus angereist war, fragte: »Wie kann es sein, dass in einem knapp 500 Millionen Euro teuren Stadion das Dach nicht ausgefahren wird? Das ist doch absurdes Theater.« Auf Antworten warteten nicht nur er, sondern auch zahlreich angereiste Fans aus England.

Nicht wetterfest
Das Rätselraten wurde durch Pressesprecherin Agnieszka Olejkowska nicht erleichtert. Erst verkündete sie, dass sie nicht wisse, warum das Dach nicht geschlossen wird. In einer späteren Stellungnahme sagte sie, dass der slowenische FIFA-Delegat am Montag beschlossen habe, unter offenem Himmel zu spielen, weil beide Mannschaften es so wollten.

Dem TV-Sender Polsat Sport gab sie nach Bekanntgabe der Verlegung ein Interview, in dem sie dann die wahre Ursache für das offene Dach preisgab: »Bei solchen Regenfällen ist das Dach aufgrund der Belastungen durch Wind und Wasser nicht ausfahrbar.« Leslaw Cmikiewicz, WM-Dritter 1974 und selbst Akteur auf widrigen Bedingungen bei der Wasserschlacht von Frankfurt, sprach von einer organisatorischen Blamage. Doch auch die Frage nach einer Fehlkonstruktion des Stadions muss gestellt werden, denn auf die Treppen, die zu den Zuschauertribünen führten, fielen Unmengen von Wasser hinab. Der Anblick erinnerte eher an die Niagarafälle als an ein Stadion.

Goldener polnischer Herbst
Der Abend der Warschauer Innenstadt verlief trotz einer angespannten Atmosphäre auf den Rängen friedlich. Polen und Engländer waren durch die Absage zwar bitter enttäuscht, blieben aber dennoch gelassen. Das Gros der Zuschauer im Stadion war eigens für das Spiel angereist, kaum jemand kann sich erlauben, mitten in der Woche einen Tag länger in Warschau zu bleiben. Selbst wenn, dann wird es teuer. Die Tickets behalten für den Nachholtermin am heutigen Nachmittag ihre Gültigkeit falls der denn wirklich eingehalten wird.

Krzysztof Srogosz von Eurosport.onet.pl hat seine Zweifel: »Der Rasen wurde nur für das Freundschaftsspiel gegen Südafrika und die WM-Qualifikation verlegt. Er entspricht nicht höchsten Anforderungen, hat keine Drainage und ist zu kurz. Keine Ahnung, wie er heute aussehen wird.« Die verbandskritischen Blogger von weszlo.com fordern eine Zweckentfremdung der Spielstätte. Ihrer Meinung nach soll die Arena zum neuen nationalen Schwimmstadion umfunktioniert werden. Ob die polnische Nationalmannschaft heute baden gehen wird, zeigt sich im weiteren Verlauf des Tages. Das Wetter lädt jedenfalls fast dazu ein, der Warschauer Himmel erstrahlt im prächtigsten Blau.

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