Weinende Bergmänner in Unterhosen

cache/images/article_1228_gornikabst_140.jpg Zum zweiten Mal nach 1978 muss der polnische Rekordmeister Górnik Zabrze den bitteren Weg in die Zweitklassigkeit antreten. Auch der renommierte Trainer Henryk Kasperczak konnte den mit hohen Ambitionen in die Saison gestarteten Bergarbeiterverein letztlich nicht vor dem Abstieg bewahren.
Radoslaw Zak | 02.06.2009
Zum Spiel der letzten Chance gegen Polonia Warszawa fanden sich am Samstag 16.000 Anhänger im Ernest-Pohl-Stadion ein. Górnik musste unbedingt gewinnen um im nächsten Jahr weiterhin in der Ekstraklasa vertreten zu sein. In einem von Kampf geprägten Spiel lebte die Hoffnung auf den Klassenerhalt bis zur 89. Minute, ehe ein Tor von Daniel Mka die Oberschlesier endgültig aus der höchsten Spielklasse verabschiedete. Ein letztes Aufbäumen gegen das nicht mehr abzuwendende Unheil gab es nicht. Einige Spieler sanken nach dem 0:1 auf dem Boden zusammen und suchten nach Fassung, das Publikum verstummte ungläubig.

Nach Spielschluss stürmten hunderte Zuschauer auf den Rasen. Einige versuchten sich in den Kabinentrakt durchzukämpfen und lieferten sich dabei Scharmützel mit Vertretern der Exekutive, andere wiederum liefen auf die Spieler zu, um sie ihrer Arbeitskleidung zu entledigen. Die Bilder von weinenden Profis in Unterwäsche  waren auf Heavy Rotation auf mehreren polnischen Fernsehsendern zu begutachten. In Interviews gaben die entkleideten Profis zu Protokoll, dass ihnen keinerlei Gewalt angetan worden ist und zeigten Verständnis für den Frust der »kibice«. Wie viel der Klub für die Fans und die Region bedeutet, davon konnte sich eine ballesterer-Abordnung bereits im November vergangenen Jahres überzeugen (siehe Ausgabe Nr. 39).

Damals übernahm Henryk Kasperczak das Traineramt mit der Mission, das sinkende Schiff in sichere Gefilde zu steuern. Ein Vorhaben mit dem er, trotz zahlreicher Neuverstärkungen in der Winterpause, scheiterte. Interessanterweise ist Kasperczaks Kredit bei den Fans jedoch nicht aufgebraucht, als Hauptschuldigen sieht ihn niemand. Auf der Pressekonferenz nach der Niederlage gegen Polonia wollte sich er aber nicht zu seiner Zukunft äußern.

»Ich bin traurig und übernehme die komplette Verantwortung für die momentane Situation«, sagte Kasperczak, »es ist schade, dass Górnik in der zweiten Liga spielen wird, denn wir haben fantastische Fans. Wir haben alles versucht. Ich kann mich nur entschuldigen.« Desillusioniert zeigte sich Presesprecher Stanisaw Olizo: »Seit unser Sponsor in Górnik investiert, hätte ich nie gedacht, dass so etwas passieren kann. Nun müssen wir weitermachen, es gibt genügend Arbeit.«

Der wohl bekannteste Anhänger der »Bergmänner«, der in der Nähe von Zabrze geborene Lukas Podolski, litt auf der Asienreise der deutschen Nationalmannschaft mit. »Ich habe ihnen die Daumen gedrückt, die Tabelle vor dem letzten Spieltag gesehen und war mir sicher, dass sie gegen Polonia gewinnen würden. Leider haben sie 0:1 verloren. Das ist für mich ein Desaster.«

Befürchtungen über ein mögliches Abspringen des Hauptsponsors Allianz Polska, die seit einiger Zeit kursierten, erwiesen sich falsch. In einer offiziellen Stellungnahme gaben Vertreter der Firma jedoch bekannt, dass das Budget um die Hälfte gekürzt werden müsse, da auch die TV-Gelder in der zweiten Liga deutlich geringer ausfallen würden. An den Vorhaben wie dem Stadionneubau mit 30.000 Plätzen und dem angestrebten Meistertitel im Jahre 2012, wolle man trotz des Abstiegs festhalten. Dafür muss allerdings zunächst der sofortige Wiederaufstieg geschafft werden. Dem Traditionsverein, der strukturschwachen Region und den seit Jahren leid geplagten Fans wäre er zu gönnen.

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Rubrik: Aktuell
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