»Weiterbildung ist ein Fremdwort«

cache/images/article_1675_dsc01253_140.jpg U20-WM Michael »Mike« Grubinger (34) ist in Kolumbien Andreas Herafs Mädchen für alles. Im ballesterer-Interview erzählt der vielseitige Globetrotter und Doktor der Informatik von seinen verschlungenen Lebensstationen, die ihn durch Zufall in den Schoß des ÖFB führten und der kolumbianischen Variante unserer »Cordoba-Taliban«, die einer Modernisierung des Fußballs im Weg stehen.
Robert Florencio | 04.08.2011
ballesterer: Wie ist deine ballesterische Karriere verlaufen?
Michael Grubinger: Ich habe schon als Bub bei Union Mondsee begonnen, mit 19 dann aber meine Karriere vorerst beendet, weil ich auch im Kader der österreichischen Leichtathletiknationalmannschaft gestanden bin und das Fußballspielen dort nicht gern gesehen wurde. Ein paar Jahre später bin ich nach Australien studieren gegangen, habe meine Karriere bei einem Drittligisten fortgesetzt und nebenbei meinen Trainerschein gemacht und im australischen Fußballverband mitgearbeitet.

Wie kommt man von Australien ans andere Ende der Welt nach Kolumbien?
Das war reiner Zufall. Ein Freund von mir, der in Medellin ein Reiseunternehmen betreibt, hat geheiratet und ich war sein Trauzeuge. Ein Verwandter seines Arbeitskollegen hat in der Jugend von Atletico Nacional Medellin gespielt und ich habe ihn dann einige Male zu den Matches begleitet und bin mit dem Trainerstab des Vereins ins Gespräch gekommen. Schließlich haben sie mich als Assistenztrainer für ihre U15- und U18-Auswahlen verpflichtet, wo ich ab Ende 2009  bis zu fünfmal in der Woche im Einsatz war. Mein Hauptjob war aber im Reiseunternehmen meines Freundes.

Wie ist es zur Kontaktaufnahme durch den ÖFB gekommen?  
Der Masseur des U20-Teams ist gleichzeitig Masseur beim oberösterreichischen Regionalligisten Vöcklamarkt, wo auch mein Freund David Vitzthum spielt. Bei einem Gespräch über die U20 WM in Kolumbien hat David ihm von mir erzählt und dem ÖFB meine E-Mail Adresse weitergegeben. Am nächsten Tag ist auch schon die Mail von Andi Heraf gekommen. Erstmals face-to-face haben wir uns dann bei der Gruppenauslosung am 27. April getroffen.
Worin besteht deine Hauptaufgabe bei dieser Mission U20-WM?
Im Vorfeld habe ich schon viele organisatorische Details abgeklärt, habe die DVD's vom südamerikanischen Qualiturnier besorgt und das Vorbereitungsturnier von Panama in deren Heimat beobachtet. Jetzt während des Turniers trete ich nach außen hin vor allem als Dolmetsch bei den offiziellen Pressekonferenzen auf, den restlichen Tag hält mich die Kommunikation und Koordination mit den lokalen Verantwortlichen auf Trab.
In die Videoanalyse, wie im offiziellen Programmheft verlautet, bist du dann nicht involviert?
Nein. Ich habe zwar die Spiele unserer Gruppengegner im Stadion gefilmt, die Analyse selber ist aber Chefangelegenheit. Andi Heraf schneidet das ganze Material auch selbst und bereitet es für die Spieler auf.
Die bis dato gute Performance der kolumbianischen U20 mit zwei Siegen unter anderem das überzeugende 4:1 gegen Europameister Frankreich können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Fußball in Kolumbien seit Jahren stagniert. Die letzte WM-Teilnahme liegt wie bei Österreich im Jahr 1998. Was sind die Gründe?
An der Fußballbegeisterung für die Nationalmannschaft liegt es nicht, die ist wie im restlichen Südamerika sehr groß. Wie aktuell bei der U20 mit James Rodriguez ersichtlich, bringen die Kolumbianer auch regelmäßig gute Kicker heraus. Ich glaube, es ist vor allem ein strukturelles Problem, das auf die nicht verpflichtende Trainerausbildung zurückzuführen ist. Hier kann jeder ohne Lizenz eine Mannschaft der höchsten Liga trainieren. Viele Alt-Internationale sind in den Trainerbereich gewechselt und glauben ihre Erfahrung aus den 80er Jahren nahtlos auf die heutige Zeit übertragen zu können. Weiterbildung ist für sie ein Fremdwort.
Wie wirkt sich das auf dem Feld aus?
Es wird sehr hausbacken gespielt. Da gibt es einen streng getrennten Offensiv- und  Defensivblock, dazwischen klafft ein Riesenloch. Und das Schlimme daran: Viele kolumbianische Trainer glauben, sie wären up to date. Trainer aus südamerikanischen Erfolgsnationen wie Brasilien, Argentinien und Uruguay finden auf Grund der geringen Verdienstmöglichkeiten kaum den Weg ins Land. Und Europäer werden zusätzlich, wenn sie nicht aus einer der Topnationen kommen, aufgrund eines sehr ausgeprägten Nationalstolzes nicht ernst genommen.
Gibt es keine korrigierende Medienlandschaft, wie sie mittlerweile sogar in Österreich in diversen Blogs und Online-Foren existiert?
Leider, nicht das ich wüsste. Es gibt kaum eine Fußballjournalistenausbildung. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Der Kommentator glaubt, er sieht ein hochklassiges Match, vermittelt das an seine Zuschauer weiter und somit kann gar kein Nährboden für eine kritische Beschäftigung mit der Lage entstehen.
Wo liegen die Hochburgen im kolumbianischen Fußball?
Im Gegensatz zu Argentinien, wo sich vieles auf Buenos Aires konzentriert, gibt es hier keine einzelne Stadt, die diesen Status für sich in Anspruch nehmen könnte. Die großen Derbys finden in den drei wichtigsten Städten des Landes statt. In der Hauptstadt Bogota ist es das Duell der Millonarios gegen Santa Fe, in »meiner« Stadt Medellin Atletico Nacional gegen Independiente Medellin und in Cali Deportivo gegen America. In der Copa Libertadores sind es aber andere Teams, die für Furore sorgen. Deportes Tolima hat dieses Jahr in der Qualifikation die Corinthinans mit den Altstars Ronaldo und Roberto Carlos rausgeschmissen, Once Caldas aus Manizales schreckt regelmäßig die brasilianischen Großklubs und hat die Copa auch schon einmal, 2004, gewonnen. Dieses Jahr hat sich Atletico Junior aus Barranquilla, das früher eine reine Baseball-Hochburg war, bis ins Achtelfinale vorgetastet. 
Zum Abschluß noch eine persönliche Frage. Bleibst du der Fußballbranche auch nach Ende der U20-WM erhalten?
Ich hoffe schon. Mein Vertrag beim ÖFB endet mit dem Ausscheiden unseres Teams, für die Zeit danach habe ich noch keine konkreten Angebote. Ich würde aber sehr gern in Österreich entweder als Trainer oder auch in der Administration bei einem Verband arbeiten. Ansonsten steht mir mit der hier gewonnenen Erfahrung auch noch die Option Australien offen. Oder ich bleibe ganz einfach hier und schaue mich nach einem Verein um, der offen ist für die Einführung moderner Strukturen.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png