»Wenigstens ein Zeichen setzen«

cache/images/article_1183_schleyer_140.jpg Normalerweise treten Fußballfans selten als Kläger auf. Doch nach einer Massenverhaftung durch die Bremer Polizei im November 2008, beschlossen Anhänger der Eintracht Frankfurt, juristisch gegen den Einsatzleiter vorzugehen. Henning Schwarz von den Ultras Frankfurt lässt in einem ballesterer-Interview den Tag noch mal Revue passieren und gibt einen Überblick auf die gesetzten Schritte.
Clemens Schotola | 06.03.2009
ballesterer: Wenn du an die Ereignisse beim Spiel Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt zurückdenkst: Hattet ihr beim Ankommen aufgrund der massiven Polizeipräsenz samt Kamerateam eine Vorahnung, was euch noch an diesem Tag erwarten würde?
Henning Schwarz: Nun, ein großes Polizeiaufgebot überrascht wirklich keinen mehr, wenn Frankfurt in der Stadt ist, und das Fernsehteam wurde auch nicht von jedem sofort gesehen, von daher gingen wir zu diesem Zeitpunkt auch noch von einem normalen Tagesablauf aus.

 

Ihr seid an diesem Tag ziemlich bald angereist. Gab es von den szenenkundigen Beamten Anzeichen, besser erst am Nachmittag in Bremen anzukommen?
Es gibt von unserer Gruppe aus keine Kommunikation mit den »szenekundigen Beamten«. Allerdings kam einem auch sonst nichts in diese Richtung zu Ohren.

 

Gab es von der Einsatzleitung Aufforderungen, wie ihr euch zu verhalten habt?
Die erste Information, die wir erhalten haben, war die, dass alle Personen in Gewahrsam gehen würden.

 

Habt ihr nach der Einkesselung probiert, mit der Polizei zu verhandeln? Gab es Proteste, bzw. auch passiven Widerstand gegen die Festnahmen?
Von uns wurden Ansprechpartner genannt, die ein Gespräch mit dem Einsatzleiter suchten, dieser hatte daran allerdings kein Interesse. Jeglicher Widerstand wäre schlichtweg in dieser Situation sinnlos gewesen, zu groß war das Aufgebot, und vermutlich hätte es der Polizei noch in die Hände gespielt, wenn man sich versucht hätte, dem Ganzen vehement zu widersetzen.

 

Wie wurdet ihr während der Ingewahrsamnahme bis zur Rückkehr in Frankfurt behandelt?
Hier wurden, je nach Ort, da wir ja auf verschiedene Gefängnisse aufgeteilt wurden, unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Die Möglichkeit, an Nahrung zu gelangen, war bei den meisten sehr gering, gerade da man ja auch versuchte, uns bis Frankfurt von jeder Raststätte fernzuhalten, was den Beamten aber schlussendlich nicht gelang. Generell bleibt aber zu sagen, dass die Zahl der Fälle, die nicht angemessen behandelt wurden, viel zu hoch ist, als dass man das noch irgendwie akzeptieren könnte.

 

In den ersten Presseberichten war die Rede von 300 verhafteten Gewalttätern.
Diese Reaktionen der Medien sind ja nichts Ungewöhnliches heutzutage, wo richtiger Journalismus höchst selten ist, und zumeist unkritisch der Polizeibericht übernommen wird. Da wundert einen sowieso nicht mehr viel.

 

Wie war die Reaktion im Familien- und Bekanntenkreis, bei Freunde und Arbeitgeber? Ihr wurdet ja alle öffentlich als Hooligans gebrandmarkt.
Die ersten Reaktionen kann man sich sicherlich denken, da bleibt nur, es einfach sachlich zu erklären, und irgendwann kamen ja auch die ersten Pressemeldungen, die etwas anders lautend waren.

 

Ab wann reifte in euch der Entschluss, gegen Behandlung der Bremer Polizei rechtlich vorzugehen?
In einem achtstündigen Gewahrsam hat man ja doch genug Zeit, um sich so seine Gedanken zu machen, und da es in der Fanszene auch engagierte Anwälte gibt, war das natürlich auch nicht so kompliziert, da die nötigen Schritte einzuleiten. Im Endeffekt muss man ja wenigstens ein Zeichen setzen, und versuchen, an den Zuständen etwas zu ändern.

 

Der Verein stand hinter euch, wie wichtig war das, auch für die juristischen Schritte, die ihr mittlerweile unternommen habt?
Es ist natürlich immer gut, wenn der Verein hinter einem steht, da er das in der Regel aber eher im Internen macht, statt massiv an die Öffentlichkeit zu gehen, kann ich nicht beurteilen, wie viel das tatsächlich bewirkt. Es läuft dort jedenfalls immer noch eine Anfrage, die Verantwortlichen in Bremen wollen sich aber wohl auch Eintracht Frankfurt gegenüber aktuell nicht äußern, da ja Verfahren laufen.

 

Es tauchten nach und nach auch kritische Medienberichte zum Polizeieinsatz auf. Hat euch das überrascht?
Diese Berichte kamen ja nicht aus dem Nichts, sondern auch nachdem wir versucht haben, den Medien unsere Version des Tages zu erklären. Da kam uns natürlich zugute, dass auch der Leiter des Fanprojekts und der Macher einer sehr bekannten Fan-Homepage, mit Presseausweis, vor Ort waren, die Sache dokumentierten und dazu Stellung bezogen. Solche unabhängigen Personen stärken die eigene Glaubwürdigkeit dann enorm. Aber auch hinter diesen Berichten steckt teilweise viel eigener Arbeitsaufwand, damit die Medien überhaupt bereit waren, der Sache journalistisch nachzugehen.

 

Welche Schritte und Klagen habt ihr nun konkret unternommen und eingereicht?
Momentan laufen sowohl eine Dienstaufsichtsbeschwerde, sowie ein Verfahren wegen Freiheitsberaubung, durch unsere Anzeige, gegen den Einsatzleiter, jeweils im Namen von 152 Personen.

 

Bei der Sammelklage haben ja eine Menge Leute mitgemacht? War es schwer die Leute zu motivieren und welche Resultate erwartet ihr euch?
Eigentlich sollte ja jedem selbst klar werden, dass er dagegen vorgehen muss, große Überzeugungsarbeit musste da nicht geleistet werden. Eine Sammelklage in der Form ist es nicht, diese Möglichkeit gibt es in Deutschland nicht. Dass immerhin schon mal ein Verfahren eingeleitet wurde, stimmt uns eigentlich positiv, dass am Ende tatsächlich ein Ergebnis stehen könnte.

 

Euch wurde vorgeworfen, die Stimmung mittels Flyern, die auf eine bestimmte Person innerhalb der Bremer Fanszene abzielten, zusätzlich aufzuhetzen.
Auch das ist ja im Prinzip eine Erfindung von Polizei und Medien, es kursierten wohl einige Aufkleber, aber das als konzentrierte Aktion zu werten, ist Unsinn.

 

Generell, wie seht ihr die Rolle der Massenmedien gegenüber Fans. Die Polizeiaussendung wurde in eurem Fall unkritisch übernommen.
Wie eingangs bereits erwähnt, ist journalistische Recherche höchst selten geworden. Also bedient man sich der Polizeimeldungen und schüttet noch ein bisschen Halbwissen und eigens erdachten Unsinn dazu, damit die ganze Sache etwas skandalöser wird, um die eigene Auflage zu steigern. Die gesamte Medienlandschaft kann man also im Prinzip getrost in die Tonne kloppen, vielleicht müsste man an dem Punkt ansetzen, dem deutschen Durchschnittsbürger seine Medienhörigkeit abzugewöhnen, das dürfte aber eher schwierig werden.

 

Aus dem aktuellen ballesterer: Abschottungstendezen- Michael Gabriel von der Koordinationsstelle der deutschen Fanprojekte (KOS ) ortet ein Kommunikationsproblem zwischen Ultras und Sicherheitskräften.


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