Wenn die Kunst das Leben imitiert

cache/images/article_1280_ultras_gro_140.jpg Was darf Kunst? Und was dürfen Fußballfans, wenn sie Kunst machen? Die Inszenierung eines Stücks mit Darstellern aus der Ultraszene in Halle sorgt für Wirbel, weil sie antisemitische Rufe verharmlost und Gewalt verherrlicht.
Nicole Selmer | 23.09.2009
Über ein Theaterstück zu schreiben, das man nicht selbst gesehen hat, ist in der Regel keine gute Idee. Im Fall von »Ultras«, das am vergangenen Freitag am Thalia-Theater in Halle in Sachsen-Anhalt Premiere feierte, ist es allerdings jetzt schon fast zu spät, dieses Versäumnis nachzuholen, da die weiteren Aufführungen einer kultur- und fußballpolitischen Debatte zum Opfer fallen könnten. Das Stück, das Regisseur Dirk Laucke mit Laiendarstellern aus der Ultraszene einstudierte, verursachte einen handfesten Theaterskandal.

 

Dabei hatte alles so gut angefangen: Junge Männer aus der Fanszene auf die Bühne holen, sie authentisch ihre eigene Kultur präsentieren lassen und so einen Blick in eine Welt eröffnen, die Außenstehenden sonst verschlossen bleibt Presse und Kulturszene der Stadt waren voll des Lobes über das Projekt. Zumal Dirk Laucke selbst in Halle aufwuchs und schon mit seinem Stück »Silberhöhe gibts nich mehr« über das Leben Jugendlicher in einem maroden Plattenbaubezirk zeigte, dass er sich darauf versteht, randständige Existenzen auf die Bühnenbretter zu bringen.

 

Im Stück schildern die Ultras ihr Leben, das um den Halleschen FC kreist, um Choreos, Auswärtsfahrten, Auseinandersetzungen mit der Polizei und gegnerischen Fans, Stadionverbote und die Presse, die ihnen immer feindselig gesonnen ist »Ultras« eben. Die Texte haben die neun jungen Männer, denen ein weiterer Laiendarsteller in der Rolle eines Reporters gegenübersteht, weitgehend selbst geschrieben und präsentieren sie offensichtlich in aller selbstdarstellenden Authentizität und Unmittelbarkeit, die der Ultrakultur eigen ist.

 

Dazu gehört auch eine kritiklose bis begeisterte Schilderung gewalttätiger Ausschreitungen und der Hass auf die Erzrivalen, der etwa im Schmähruf »Juden Jena« mündet. Im Leben jenseits des Theaters wurden dem Halleschen FC wegen solcher Rufe vom Sportgericht im vergangenen Jahr drei Punkte abgezogen, im Stück erhält der Reporter auf kritische Nachfrage die Antwort, dass der Ruf schon zu DDR-Zeiten erklang, keineswegs politisch oder gar antisemitisch sei, sondern nur die bestmögliche Provokation. Außerdem stehe schließlich auch »Zigeunerschnitzel« auf jeder Speisekarte, ohne dass sich jemand aufrege.

 

Ändern oder absetzen?
Acht Vorhänge gab es bei der Premiere für die schauspielernden HFC-Fans, berichtet die Besprechung bei Readers Edition und bewertet das Vorhaben »Wirklichkeit abzubilden und ein Fenster zu Räumen zu öffnen, die normalerweise verschlossen sind« als rundum gelungen. Das sah der Kulturredakteur der regional tonangebenden Mitteldeutschen Zeitung vollkommen anders: »Ästhetisch wie politisch gescheitert« sei das Theaterprojekt, das gewaltverherrlichenden und platten Selbstdarstellungen unreflektiert Raum gewähre und auch der Verharmlosung der »Juden Jena«-Rufe nichts entgegensetze.

 

Am Sonntag erschien die Besprechung der MZ, am Montag konnte die Zeitung berichten, dass die Oberbürgermeisterin und der Leiter der städtischen Kultur GmbH nun auf Distanz zu dem Stück gegangen seien und von der künstlerischen Leitung für die weiteren Aufführungen Änderungen oder eine Absetzung des Stücks verlangten. Die Lektüre der Zeitungsartikel erweckt den leisen Verdacht, dass hier neben dem Stück selbs kulturpolitische Grabenkämpfe um die Intendantin des Thalia-Theaters eine gewisse Rolle spielen, aber auch ohne diesen Lokalbezug liefert der »Ultras«-Theaterskandal genügend Konfliktstoff.


Wem gehört die Bühne?
Ganz sicher muss man die Hallenser Ultras und ihre Alter Egos auf der Bühne nicht mögen. Die Verharmlosung der antisemitischen »Juden Jena«-Rufe ist schwer erträglich, Schwarz-Weiß-Malerei, Opferstilisierung und testosterongeschwängerte Gewaltfaszination können ermüdend bis abstoßend wirken. Aber sind es wirklich diese Inhalte, die den Protest von Presse, Kultur und Politik hervorrufen? Akzeptiert man, dass es sich bei dem Theaterstück um Kunst handelt und bei den Äußerungen um Rollenrepliken, liegt die Messlatte für die Zensur rechtsextremer oder gewaltverherrlichender Inhalte um einiges höher. Stünden auf der Bühne keine Laien, die sich selbst in bearbeiteter Form darstellen, sondern professionelle Schauspieler, wäre die Diskussion nie aufgekommen.

 

Stein des Anstoßes scheint vor allem die Vorstellung zu sein, dass die Ultras das, was sie sonst im Stadion und auf Auswärtsfahrten tun und sagen, nun ins Theater tragen. All das, was sonst gut abgeschottet unter den »rechten Chaoten« im Kurt-Wabbel-Stadion stattfindet, drängt nun mit hochkulturellen Weihen versehen in die Mitte der Stadt und erhält auch noch Applaus. Die Subkultur der Kurve vermischt sich mit der Hochkultur der Bühne, wodurch letztere in Gefahr gerät, Gewalt und Rassismus im Fußball allein durch die Aufführung des Stückes zu legitimieren. Aus dieser Angst die auch eine Angst ist, in die Rassismusdebatten um den Halleschen FC hineingezogen zu werden entsteht die Forderung nach klaren Abgrenzungen, nach einer Trennung der Kulturen und der Feststellung, dass die Ultras auf der Theaterbühne eben nicht das Sagen haben.


Das aber zeugt nicht unbedingt von einem selbstbewussten und souveränen Verständnis von Kunst und den Möglichkeiten des Theaters. Die Ultras sind je nach Sichtweise mutig, eitel oder naiv genug, ihre Einstellungen zum Leben und zum Fußball öffentlich zu präsentieren, und zwar vor einer anderen Öffentlichkeit als ihrer gewohnten. Sie stellen sich damit auch einer Konfrontation, für die das Theater einmalige Möglichkeiten bietet. Nicht nur, dass abgesehen vom Premierenabend nach dem Stück eine Zuschauerdiskussion mit den Darstellern vorgesehen ist und bei der zweiten Aufführung auch stattfand, auch eine direkte Reaktion des Publikums wäre gerade hier möglich. Statt mit zustimmendem Gelächter kann die Entschuldigung der »Juden Jena«-Gesänge durchaus auch mit Pfiffen oder Gegenrufen quittiert werden. Das entspräche nicht nur dem von der Mitteldeutschen Zeitung herbeigesehnten Korrektiv, sondern auch den kreativen Potenzialen der Fußballfankultur.


Infos zum Stück und die weiteren Aufführungstermine, wenn sie denn stattfinden, gibt es hier http://www.thaliatheaterhalle.de/index.php?id=686


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Rubrik: Aktuell
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