Wenn die Plüscharmee kommt

cache/images/article_961_pluesch_140.jpg Die Zeit der Niederländer in der Schweiz ist in jedem Fall vorbei. Egal, ob ihnen die Russen als Mini-Me des niederländischen Fußballs ein Bein stellen können oder nicht. Die einen fahren heim, die anderen zum Halbfinale und vielleicht auch zum Finale nach Wien. Und die Fans kommen mit.
Dominik Sinnreich | 21.06.2008
Wenn, ja wenn. Wenn sie kommen, dann wird Jörg Haider seinen Augen nicht trauen: ganz viele Leute in »seiner« Farbe! Orange Warnwesten zu tragen, wird mitunter gefährlich (siehe dazu weiter unten). Und dieses Suderantenpack von Fanmeilenstandler die haben wohl noch nie was vom Schüssel Wolferl seiner Nichtraunzerzone gehört? wird endlich jubilieren. Denn: Sie sind orange, sie haben Durst, und wenn sie kommen, dann wird es laut. Ihre Halbfinal- und Finalspiele würden die Holländer, wenn sie sie erreichen, in Wien abhalten. Und mit ihnen würden die Fanmassen von Basel nach Wien übersiedeln.

Bösen Gerüchten zufolge sind ja nicht alle in der ballesterer fm-Redaktion angetan von der holländischen Art, Fußball zu zelebrieren. Trotzdem ist der mögliche Anmarsch der seit den 70ern so genannten »Oranje Legionen« Grund genug, sich die Sache näher anzusehen. Der wohl auffallendste Punkt, die typisch orange Maskerade, die zwischen kreativ und dümmlich oszilliert, hat mittlerweile sowieso in einer Welle der Amerikanisierung eigentlich jedes Land auf seine Art und Weise erfasst.

Zwischen den rot-weiß-karierten Kroaten und schwarz-rot-geilen Piefkes stechen die Niederländer allenfalls noch dadurch hervor, dass sie die Geschmacklosigkeiten der anderen Länder um Längen toppen. Was vor zwei Jahren der orangefarbene Wehrmachtshelm mit dem Schlachtruf »Aanvallen!« drauf war, sind dieses Mal Unnötigkeiten wie Engelsflügerl oder Plüsch-Trenchcoats. Von der breiten Variation an dummen Hüten einmal ganz abgesehen.

Weiter mit den nackten Fakten: Verteidiger Joris Mathijsen erwartet für das Spiel gegen Russland am Samstag 120.000 Fans in Basel, das wäre nochmal eine saftige Steigerung zu den Gruppenspielen in Bern. Dort wurde im Stadion sogar durchgesagt, die Fans mögen bitte nach Schlusspfiff nicht mehr ins Stadtzentrum gehen, denn das sei schon hoffnungslos überfüllt. Mit Holländern natürlich.

Die Schweizer sind entzückt von den Gästen aus dem Norden. Der Chef des Campingplatzes »Oranje Dorp« schwärmt: »Die Holländer sind die besten Fans der Welt!« Das mag damit zusammenhängen, dass sie viel Geld bei ihm gelassen haben, aber dass gleich Gondeln im Grindelwald nach Van Nistelrooy und Co. benannt werden, war so nicht abzusehen. Am meisten Spaß hatten wohl die Kinder in Bern mit den »Legionen«. Während nämlich manche erwachsene Schweizer dem friedlichen Einmarsch stirnrunzelnd gegenüberstanden, sollen zahlreiche Kindergartengruppen spontan ihr spielendes Tagwerk unterbrochen und in die Gesänge der Trommler und Trompeter eingestimmt haben.

Natürlich hat das Ganze auch Nachteile. Die armen Auskunftspersonen auf den schweizerischen Bahnhöfen hatten mitunter ein schweres Leben sind sie doch orange gekleidet und müssen während der EM ihre Fahrplanauskünfte aus fußballförmigen Hütten geben. Dass dann die Holländer just dort klebenbleiben und die armen Bahnbediensteten stundenlang niedertexten würden, wäre eigentlich abzusehen gewesen. Nach Informationen des britischen Daily Telegraph hat die Schweizer Bahn mittlerweile auf gelbe Warnwesten umgesattelt. Niederländer waren einem Gleisarbeiter nämlich auf die Schienen gefolgt. Sie hatten ihn für einen Fußballfan gehalten, weil er eine orange Weste anhatte.

Solche Szenen sind auch in Wien zu erwarten, wenn ja wenn. Und dann käme auch Jörg Haider auf seine Kosten. Er könnte sich und seine Parteifreunde ja mit Fanartikeln in der Farbe der Zukunft neu einkleiden. Vielleicht sind ja sogar noch ein paar Helme von 2006 übrig?

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
ballesterer # 121

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