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Einmal Achtelfinalgegner, bitte

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WM-BLOG Der Gastgeber profitiert vom späten Spieltermin und hat damit den Achtelfinal-Gegner selbst in der Hand. Dennoch sorgen ein Ausgleich und späte Tore von Mexiko für Minuten des Zitterns.

Louis Van Gaal, der niederländische Bondscoach hatte nicht Unrecht, als er einmal mehr einen Vorteil zu Gunsten des Gastgebers ausmachte, der obwohl in der Gruppe A spielend, sein letztes Gruppenspiel seltsamerweise nach dem Entscheidungsspiel zwischen Holland und Chile austragen durfte. Es kommt ein bisschen der Stallgeruch von der WM74 auf (lang ist's her, und der japanische Reporter Hiroshi Kagawa, der hier mit 89 Jahren als Ältester akkreditierter Journalist die WM covert, kann sich noch gut an diese, seine erste als Reporter erinnern), als die die BRD der DDR unterlag und somit Holland aus dem Weg ging. Mario Zagallos Brasilien unterlag daraufhin dem "Clockwork" Orange. Die Viertelfinalniederlage bei der WM 2010 frischte die Erinnerungen an den Angstgegner wieder auf.

 

Diesmal war die Ausgangslage klar. ein hoher Sieg war von Nöten, um der orangen Gefahr zu entgehen. Trotzdem gab es - als keiner mehr so richtig Sorge hatte - kurzfristig die Gefahr als Zweiter überzubleiben, wenn die Mexikaner vor dem vierten Tor der Brasilianer ebenfalls ihr viertes erzielt hätten. Von den zwei aberkannten, aber eigentlich regulären Toren Mexikos gegen Kamerun ganz abgesehen. Indes versucht  das Bürgermeisteramt und sein Kultursekretariat den ausländischen Journalisten den Aufenthalt in der sonst sterilen Bürokratenhochburg - mit den architektonischen Highlights der 1960er Jahre - so angenehm wie möglich zu gestalten. Der rührige Guide Nelson Souza hat bei uns hier verweilenden Reportern keinen einzigen Tag Langeweile aufkommen lassen und stellte ein tolles Besuchsprogramm mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, einem feinen Mittagessen und dem abendlichen Besuch eines der traditionellen Feste zu Ehren des heiligen Johannes mit musikalischen Darbietungen zusammen. So kommt es, dass der Berichterstatter des "Ballesterer" in einem Bus mit der Brasilien-Korrespondentin des staatlichen chinesischen Fernsehens CCTV, dessen Hauptnachrichtensendung jeden Abend geschätzte 280 Millionen Zuseher im Reich der Mitte hat, sitzt und ins Gespräch (in nahezu perfektem Portugiesisch der Asiatin) kommt. Auch sie zeigt sich von der WM und der Stimmung ganz allgemein begeistert, bemängelt aber gewisse organisatorische Schwächen und meint auf Nachfrage, dass sich ihr Land im Falles eines Entzugs der WM von Qatar ganz sicher um die WM 2022 bewerben wird, fällt doch der Slot dieser WM auf Asien.

 

Am Spieltag selbst erwartet mich wieder ein besonderes Zuckerl. Offensichtlich liest ein FIFA-Mitarbeiter meine Blogberichte, hab ich doch eim letzten Mal noch von den steilen Tribünen geschwärmt, wird mir diesmal sogar gewissermaßen der Adlerhorst in der obersten Reihe des Stadions unterm Dach zugewiesen. Nichtraucher zu sein und keine Höhenangst zu haben ist hier durchaus von Vorteil. Die Sicht auf die Details erleichtert die weise Vorabentscheidung, diesmal ein Fernglas mitzunehmen. Die Mannen von Luis Felipe Scolari versuchen die schnelle Entscheidung, es stellt sich aber rasch heraus, dass wie schon gegen Mexiko nicht alles so leicht von der Hand gehen sollte. Neuerlich schwächelten die beiden Außenverteidiger, das Mittelfeld war wenig präsent und Paulinho schien gar nicht am Spiel teilzunehmen. Zum Glück gab es da ja noch einen mehr als inspirierten Neymar, der mit zwei Toren in der ersten Hälfte die Sache zugunsten der Hausherren ins Lot bringen konnte und in der Pause noch Zeit fand den Kameras die diesmal gewählte Unterhose mit patriotischem Touch zu zeigen. Die Kameruner zeigten jedenfalls anfänglich, dass sie doch nicht nur um Prämien streiten und kamen zwischenzeitlich auch zum verdienten Ausgleich durch den Schalker Joel Matip. Scolari verblüffte in der anschließenden Pressekonferenz dagegen die Journalisten mit einer skurrilen Antwort. Auf die Frage warum er denn nicht schon früher den unterirdischen Paulinho ausgewechselt und die Position von Oscar korrigiert habe, beteuerte er, dass er sich wegen der TV-Kameras und deren Mikrofone mit seinen Anweisungen leider zurückhalten müsse- offensichtlich muss er dabei Rückgriff auf die Fäkalsprache nehmen (persönliche Anmerkung: im brasilianischen Fussball von allen Beteiligten leider exzessiv benutzt). Somit konnte er erst in der Halbzeit die entsprechenden Adaptierungen vornehmen. Und tatsächlich, der erstmals bei der WM zum Einsatz kommende Fernandinho von Manchester City sollte der Grundstein zum Sieg sein. Nachdem schon seine erste Ballberührung eine sehr gute Chance für Fred ermöglichte, war es in der 49.Minute neuerlich seine gezielte Flanke, die Fred aus knapper Abseitsposition kommend seine lange Torsperre beenden konnte. Dann war lange Ruhepause, erst als sich die beunruhigenden Nachrichten vom schnellen Drei-Tore-Vorsprung der Mexikaner auf dem Feld verbreiteten wurde nochmals Gas gegeben und die weitgehend demoralisierten "bezwingbaren Löwen" mussten noch das vierteTor durch eben Fernandinho in Kauf nehmen.

 

Viele Beobachter sehen darin eine Parallele zu 2002, als beim ersten Triumpf unter Scolari der Mittelfeldmann Kleberson, der ebenfalls erst im dritten Gruppenspiel seinen ersten Einsatz hatte, in der Finalphase des Turniers zum entscheidenden Leistungsträger auf dem Weg zum "Penta" wurde. Für die Brasilianer geht es jetzt jedenfalls weiter nach Belo Horizonte, wo mit Chile ein Gegner wartet, den man 1998 und 2010 souverän im Achtelfinale bezwingen konnte, aber bekanntlich dann beide Male den Titelgewinn verpasste. Ich persönlich tippe auf Wiederholung des Geschehenen, werde mich aber auch gern eines Besseren belehren lassen, falls die oft vorgetragene Meinung, "Felipao" wäre ein Meister für "Mata-Mata-Phasen" (die martialische brasilianische Ausdrucksweise für gegenseitiges Töten ab den Entscheidungsspielen) ihre Gültigkeit beweisen sollte. Bevor ich den Flug zum Achtelfinale antrete, hat die gute Seele Nelson, der mich auch mit zwei insgesamt 5 Kilo schweren Stadionbüchern zum Neubau des Nationalstadiums beglückt hat, morgen noch ein spezielles Besuchsprogramm ausgearbeitet: Es geht zu den spielerischen Wurzeln von Weltmeister und Deutschland-Legionär Lucio, der nur 30 Kilometer außerhalb der Hauptstadt das Kicken erlernt hat und heute dort wie so viele brasilianische Weltklassespieler eine Hilfsfoundation für arme, benachteiligte Kinder gegründet hat.

 

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