Wenn nicht nur Spieler weinen

cache/images/article_1322_19spiel_ma_140.jpg Alberto Martínez ist tot. Der gefeierte Star der Wiener Austria der 1970er-Jahre verstarb am 1. Dezember 2009 im Alter von nur 59 Jahren. Dem ballesterer bleibt Martínez auch als sympathischer Interviewpartner in Erinnerung. 2005 sprach Markus Leiter mit Alberto Martínez über geatmeten Fußball in Uruguay und die Rivalität zu den großen Nachbarn Brasilien und Argentinien. Das Interview »Die Spieler weinen noch, wenn sie verlieren« zum Nachlesen.
Karl Kraus Ausspruch, wonach die gemeinsame Sprache Österreicher und Deutsche voneinander trenne, ist zum rot-weiß-roten Sprichwort geworden. Für Argentinien und Uruguay gilt ähnliches vielleicht in noch stärkerem Ausmaß. Denn zur gemeinsamen Sprache kommt mit dem Rio de la Plata noch der gemeinsame Fluss dazu. In fußballerischer Hinsicht herrscht ein ähnliches Zentrum/Peripherie-Gefälle wie im Falle von Österreich und Deutschland. Grund genug, um mit Alberto Martínez einen Mann zu Wort kommen zu lassen, der in beiden Peripherien tätig war.

ballestererfm: Die Argentinien-Krise hat auch Uruguay ökonomisch und sozial stark in Mitleidenschaft gezogen. Inwieweit hat sich diese Krise auf den Fußball ausgewirkt? Alberto Martínez: Der Lebensstandard der Mittelschicht ist stark gesunken, die sozialen Grenzen nach unten sind zum Teil verschwommen. Die Wirtschaftskrise hat ökonomisch natürlich auch Wirkung auf den Fußball gezeigt. Man merkt es an den Spielerverkäufen ins Ausland, die mittlerweile zu einer der wichtigsten Einnahmequellen des uruguayischen Fußballs geworden sind. In diesem Jahr werden es rund 80 Spieler sein, die das Land verlassen und ihre Karriere anderswo fortsetzen. Auch das Alter der verkauften Spieler ist signifikant gesunken. Es ist keine Ausnahme mehr, wenn Spieler bereits mit 18 Jahren oder noch jünger ins Ausland gehen.

 

Wie finanzieren sich die Klubs angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen?                                                                                                     Es gibt keine großen Unternehmen, die in den Fußball investieren, Sponsoring nach europäischem Muster existiert nur marginal. Von den Eintrittsgeldern können die Vereine nicht leben. Die wichtigste Einnahmequelle sind daher die Fernsehgelder, wobei ein Unternehmen (Tenfield; Anm.) sämtliche Übertragungsrechte besitzt. Der zweite wichtige Bereich sind die bereits angesprochenen Verkäufe von Spielern ins Ausland.

 

Wie stellt sich die Situation für die Spieler im Land dar?                                                Der Profifußball hier ist verglichen mit anderen Ländern schlecht bezahlt. Es reicht gerade zum Leben, aber zu mehr auch nicht. Will ein Spieler mit dem Fußball Geld verdienen, muss er ins Ausland wechseln. Diese Perspektive löst einen nicht zu unterschätzenden Konkurrenzkampf unter den Fußballern aus.

 

Uruguay unterscheidet sich darin erheblich von Österreich. Heimischen Kickern wird ja immer wieder vorgeworfen, den Gang ins Ausland gar nicht erst anzustreben, weil sich im Fußball hierzulande bei viel geringerer Konkurrenz als in Deutschland oder Spanien ohnedies gut verdienen lasse.                                                                           Österreichischen Fußballern scheint jener Hunger nach Ruhm abzugehen, der in Uruguay typisch ist. Sie wachsen in einer sicheren Umgebung auf und das führt leicht zu einer gewissen Bequemlichkeit. In Uruguay ist Fußball weiterhin das große Trampolin für gesellschaftlichen Aufstieg. Dafür beißen die Spieler sogar in den Platz (lacht). Es ist auch gar nicht so selten, dass Spieler nach Niederlagen weinen, weil sie wissen, dass die Gegner besser waren. In Österreich passiert so etwas nicht, eine Niederlage ist kein großes Drama. Für einen uruguayischen Spieler schon.                                                                                             

Sorgen soziale Gefälle innerhalb der Klubs mitunter für Konflikte?                               Das kommt schon vor, wenngleich es nur wenige Fußballer gibt, die aus der Mittelschicht kommen. Aus den oberen Etagen der Gesellschaft stammt schon gar kein Spieler. Deshalb ist das Gefälle in der Praxis nicht ganz so krass ausgeprägt. Spieler aus armen Verhältnissen oder Elendsvierteln sind aber oftmals nicht wirklich darauf vorbereitet, in einem neuen kulturellen Umfeld Fuß zu fassen und Anerkennung zu finden.

 

Wir haben in unserem Magazin mehrfach das Gewaltproblem im argentinischen Fußball thematisiert. Gibt es rund um die »barrabravas« auch in Uruguay vergleichbare Probleme?
Nicht in dem Ausmaß wie in Argentinien. Es geht hier doch um einiges ruhiger zu, das Phänomen ist überschaubarer. Aber natürlich gibt es auch organisierte »barrabravas« mit entsprechenden Führungspersönlichkeiten, die dem Fußball insgesamt sehr geschadet haben. Es gab Ausschreitungen mit Toten. Drogen und Alkohol sind in manchen Kurven durchaus zum Problem geworden. Selbst Sex auf den Tribünen ist schon vorgekommen.

 

Gibt es in Sachen Gewalt besondere Rivalitäten zwischen bestimmten Fangruppen? Bei Argentinien denkt man natürlich an Boca und River, wo die Fans der jeweiligen Gästemannschaft gar keinen Zutritt mehr ins Stadion erhalten.
Die größte Rivalität in Uruguay besteht zwischen den Hauptstadtklubs Nacional und Peñarol, die die Fußballfans im Land fast zur Gänze untereinander aufteilt. Die anderen Klubs haben vergleichsweise sehr wenige Anhänger. Beim Anhang der beiden Großen spielt auch die Ideologie eine nicht zu unterschätzende Rolle. So wird Nacional mehr als nationalistischer Klub wahrgenommen. Wenn man so will, gilt Nacional als uruguayischer als Peñarol, das gegründet wurde, als mit den Engländern das Eisenbahnwesen ins Land kam. Für viele ist dieser Klub daher als ausländisch abgestempelt.

 

Sie haben zu der Zeit in Österreich gespielt, als der Cordoba-Mythos entstand, der trotz des WM-Ausscheidens für das nationale Selbstbewußtsein gegenüber dem großen Nachbarn nach wie vor Bedeutung hat. Welche Rolle spielt in Ihrem Land der Fußball in dem nicht immer konfliktfreien Verhältnis zum großen Nachbarn, der in Lateinamerika mitunter mit ähnlichen Stereotypen bedacht wird wie die Deutschen in Europa?
Fußball ist in unseren Gesellschaften insgesamt sehr wichtig, manche sagen, er ist alles. Das Einzige, was uns trennt, ist der Fußball. In einem Land mit gerade einmal drei Millionen Einwohnern potenziert sich so etwas natürlich, wenn man über historische Triumphe spricht, wie etwa den WM-Titel 1950, als Brasilien auf eigenem Boden im legendären Maracana-Stadion vor 200.000 Zuschauern im Finale besiegt wurde. Für Brasilien war es das größte Desaster seiner Fußballgeschichte.

 

Uruguay befindet sich wie Österreich, das zwischen den Fußballgroßmächten Deutschland und Italien liegt, in einer vergleichbaren Sandwich-Situation. Wie verhält es sich prinzipiell mit der Rivalität gegenüber der brasilianischen »Selecao«?
Die Sprache ist natürlich eine Barriere, insofern kommt das größere Konkurrenzdenken gegenüber Argentinien nicht von ungefähr. In den grenznahen Provinzen zu Brasilien ist die Rivalität aber sehr wohl stark ausgeprägt. Stärker jedenfalls als in Montevideo, das für diese Regionen sehr weit weg ist, weiter als Buenos Aires.

 

Trotz der kleinen Bevölkerungszahl des Landes und der im Vergleich zu Argentinien unbekannten Liga schaffen es uruguayische Kicker immer wieder an die internationale Spitze. Alavaro Recoba, Diego Forlan oder Marcelo Zalayeta stehen in Europa hoch im Kurs. Was ist der Grund dafür?
Es grenzt in der Tat an ein Wunder, wenn man die Größe des Landes bedenkt. Auch wenn das Liganiveau in den letzten Jahren weiter gesunken ist, weiß man in der Welt doch von den großen individuellen Fähigkeiten der Spieler aus Uruguay. Außerdem stehen wir im Ruf, uns gut an den jeweiligen Fußball anpassen zu können. Manchmal hat man sogar den Eindruck, als ob Fußball hier geatmet würde. Schon wenn das Kind auf die Welt kommt, denkt es an Fußball.

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Rubrik: Aktuell
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