Wiedersehen in Sao Paulo

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Zurück in Sao Paulo stattet unser Olympia-Korrespondent der Arena Corinthians gleich mehrere Besuche ab. Das Viertelfinale Brasilien gegen Kolumbien bringt nicht nur Erinnerung an die WM 2014, sondern auch an die erst vor Kurzem zu Ende gegangene Copa Libertadores mit sich. 

Robert Florencio | 14.08.2016

Das olympische Fußballturnier in Rio macht Pause, denn das Olympiastadion wird für die Leichtathletikbewerbe benötigt und das Maracana-Stadion braucht nach der aufwendigen Eröffnungsfeier einen neuen Rasen. Der soll am kommenden Dienstag und Mittwoch bei den Semifinalspielen bei Damen und Herren eingeweiht werden. Damit heißt es für mich zurück nach Sao Paulo.

Zwei Gruppenspiele sowie ein Viertelfinale der Frauen, Kanada gegen Frankreich, und bei den Männern das Viertelfinale Brasilien gegen Kolumbien erwarten mich. Letzteres ist eine Arte Revanchespiel für das überharte WM-Viertelfinale 2014. Das Stadion, die Arena Corinthians, ist jetzt endgültig fertig, und sieht im Vergleich zur Weltmeisterschaft in einigen Bereichen ziemlich verändert aus. Die Zusatztribünen hinter den Toren sind verschwunden, aber die Stehplatztribüne hinter einem der Tore, wo normalerweise die Hardcore-Fans der Corinthians für Stimmung sorgen, ist überraschenderweise in Vollbetrieb. Was in Europa dank der UEFA-Regularien undenkbar ist, feiert hier ein Revival. Und insbesondere beim Brasilien-Spiel soll die Tribüne alle ihre stimmungstechnischen Vorteile ausspielen. Die Kontrollen sind zumindest für Journalisten noch laxer als in Rio. Beim ersten Besuch des Stadions werden meine Taschen überhaupt nicht durchsucht, bei den anderen Gelegenheiten nur oberflächlich. Auch die Pressetribüne ist auf die andere Seite gewechselt, somit bleiben nur wenig Erinnerungen an 2014.

Alle Spiele, inklusive des Viertelfinales der Frauen sind sehr gut besucht, ich schätze jeweils mindestens 35.000 Besucher bis hin zu ausverkauft mit 41.700 beim Brasilien-Spiel. Die Anreise selbst entwickelt sich aber zumindest beim ersten Spiel zum wahren Horror. Der Spielbeginn um 19 Uhr fällt ziemlich genau mit der voll einsetzenden Rushhour zusammen und trotz der in Zwei-Minuten-Abständen eingesetzten U-Bahnen und Vorortezüge ist es fast unmöglich, in die völlig überfüllten Waggons Einlass zu finden. Durch unplanmäßige Stopps auf der Strecke verzögert sich die Anreise auf fast eine Stunde, viele Besucher kommen so wie ich nicht mehr rechtzeitig auf ihre Plätze. Die Organisatoren nehmen aber darauf keinerlei Rücksicht und somit versäume ich die ersten 20 Minuten beim Gruppenspiel Kolumbien gegen Nigeria und das 1:0. Die Kolumbianer zeigen an diesem Abend ihre beste Leistung im ganzen Turnier und kommen zu einem ungefährdeten 2:0, was ihnen den zweiten Gruppenplatz und ein Viertelfinale am selben Ort gegen Brasilien drei Tage später einbringt.

Südamerikanische Härte
Das Viertelfinale Kanada gegen Frankreich verläuft in erwartet geordneten Bahnen, Kanada gelingt als spielerisch etwas schwächeres Team dank einer sehr schönen Aktion von Sophie Schmidt nach Vorarbeit von Janine Beckie das einzige Tor an diesem Abend. Einen Tag später bei den Männern fliegen hingegen die Fetzen. Obwohl nur die beiden Kapitäne Neymar und Teofilo Gutierrez schon 2014 im tropisch heißen Fortaleza dabei waren, sind auch an diesem kühlen Abend in Sao Paulo die Gemüter sehr rasch überhitzt. Nicht umsonst ist mit Cuneyt Cakir der renommierteste Turnierreferee für dieses Spiel eingeteilt worden. Nachdem die ersten 30 Minuten, die eine schnelle brasilianische Führung durch Neymar aus einem Freistoß bringen, noch einigermaßen gesittet über die Bühne gehen, führt ein Revanchefoul von Neymar an Andres Roa zu einer minutenlangen Unterbrechung. Cakir versucht sein Bestes, spricht lange mit beiden Kapitänen und den Coaches, aber es hilft nichts. In den letzten 15 Minuten der ersten Halbzeit − es werden fünf Minuten nachgespielt −, ist es eher ein freier Ringkampf als ein Fußballspiel − Cakir verteilt mehrere Gelbe Karten. Die Zuschauer sind auch wenig hilfreich, jeden Abschlag des kolumbianischen Tormanns Cristian Bonilla quittieren sie mit einem langgezogenen „Bi-ch-a“, übersetzt etwa „schwule Sau“. Man wünscht sich hier eine Fan- und Antidiskriminierungsarbeit, wie sie in Europa schon vieles zum Positiven gewendet haben. Der südamerikanische Kontinentalverband und seine brasilianische Zweigstelle CBF legen aber keinerlei Wert auf solche Maßnahmen.

In der zweiten Halbzeit bringt Kolumbiens Trainer Carlos Restrepo endlich den eigentlich schon in der Startaufstellung erwarteten Miguel Borja, den besten Torschützen der vergangenen Copa Libertadores. Ebenfalls eingewechselt wird sein Vereinskollege von Atletico Nacional, Mittelfeldstratege Sebastian Perez. Und tatsächlich besinnen sich die Kolumbianer wieder ihrer spielerischen Qualitäten und Borja eröffnet selbst mit einem satten Schuss in der 50. Minuten eine Serie von mehreren guten Torchancen für die „Cafeteros“. Der Ausgleich will aber nicht gelingen. Die Brasilianer können sich wieder besinnen, und in der 84. Minute schließlich erzielt Luan weitgehend unbedrängt das zweite Tor mit einer klassischen Bogenlampe. Das Spiel ist entschieden, Brasilien geht an diesem Abend als verdienter Sieger in das Halbfinale gegen Überraschungsgegner Honduras, das Südkorea bezwungen hat. Bei den Kolumbianern bleibt wieder ein bitterer Nachgeschmack. Hätte Coach Restrepo mit den drei Spielern des Copa-Libertadores-Sieger Atletico Nacional das Spiel begonnen, wäre vielleicht mehr drin gewesen. In der Pressekonferenz nach dem Spiel beklagt sich Restrepo über unberechtigte Gelbe Karten durch Cakir, durch die seine Mannschaft in der zweiten Hälfte notgedrungen mit angezogener Handbremse gespielt hätte. Für Brasiliens Trainer Micali hatte das Spiel mehr Ähnlichkeit mit einer typischen Partie der Copa Libertadores mit vielen Provokationen vonseiten des Gegners, der seiner Mannschaft schon von Anfang an durch unfaires Spiel die Schneid abkaufen wollte. Unabhängige Beobachter hingegen waren eher der Meinung, dass Neymar neuerlich am Rande des Ausschlusses spazierte und bei einem ähnlichen Verhalten gegen Honduras das Finale vermutlich nicht auf dem Feld erleben wird.

Am Heimweg wird mir jedoch die vergleichsweise Belanglosigkeit all dieser Diskussionen in Erinnerung gerufen. Vertreter einer NGO erinnern an das Massaker in den Vorstädten von Osasco und Barueri, das vor genau einem Jahr stattgefunden hat. Damals wurde 19 Menschen in einer Racheaktion für einen erschossenen Militärpolizisten ermordet. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort und mussten mit ihrem Leben bezahlen. Die Angehörigen warten bis heute auf Entschädigungszahlungen und Aburteilung der mutmaßlichen Täter. Was ist dazu im Vergleich schon eine nicht gegebene Rote Karte?

ballesterer # 121

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