»Wir sehen alle Freiheiten gefährdet«

cache/images/article_1358_pyro_sturm_140.jpg Im Rahmen der Initiative »Pyrotechnik ist kein Verbrechen« protestiert Sturms Nordkurve gegen das seit Jahreswechsel verschärfte Pyroverbot. Im Gespräch mit Thomas Lang (»Brigata Graz«) und Georg Kleinschuster (»Grazer Sturmflut«) für die neue Ausgabe des SturmEcho wird rasch klar, dass die erweiterten Eingriffsmöglichkeiten der Polizei weit mehr beschränken werden, als die Freiheit, einen Bengalen zu zünden.
Martin Schreiner | 04.03.2010
Welche Bedeutung hat der Einsatz von Pyrotechnik im Stadion für Euch?
KLEINSCHUSTER: Pyrotechnik zeigt unsere Emotionen im Stadion, wenn unser Verein spielt. Sie ist ein Kommunikationsmittel, das Freude zum Ausdruck bringt. Dabei muss festgehalten werden, dass sich alle Gruppen in Österreich gegen Böller aussprechen, weil sie keine optische Darstellung ermöglichen. Rauch wird hingegen ebenso wie Pyrotechnik zur optischen Untermalung von Choreografien benutzt. Das soll der Mannschaft und dem Stadion eine Message vermitteln.

Wie ist der momentane Stand der Dinge rund um das Pyroverbot in Österreich?

KLEINSCHUSTER: Der Einsatz von Pyrotechnik in Fußballstadien sowie bei allen anderen Sportveranstaltungen ist verboten, es sei denn, es gibt eine Ausnahmegenehmigung vom Bürgermeister. Das Verbot bestand schon vor dem Jahreswechsel, ist aber wesentlich verschärft worden. Die Höchststrafen wurden auf bis zu 4.360 Euro pro Vorfall verdoppelt. Darüber hinaus kommt es zu einer Aushöhlung des Datenschutzes und der Beschneidung von Persönlichkeitsrechten der Fußballfans. Die Polizei kann jederzeit aufgrund des Verdachts des Verstoßes gegen das Verbot deine Wohnung durchsuchen, und das, laut Eigendefinition des Bundesministeriums für Inneres, ohne einen richterlichen Durchsuchungsbefehl. Darüber hinaus können sie dich jetzt jederzeit nur aufgrund des Verdachts aufhalten und durchsuchen. Das ganze eben nicht nur im oder beim Betreten des Stadions, sondern in irgendeinem Zusammenhang mit Fußball.
LANG: Zusätzlich sind die Stadionverbote unbedingt zu erwähnen. Wenn die jetzt von der Polizei allein und nicht mehr von den Vereinen ausgesprochen werden können, dann kommen sehr harte Zeiten auf uns zu.

In Bezug auf das Recht der Behörden persönliche Daten von in Zusammenhang mit dem Pyrotechnikverbot bestraften Personen weitergeben zu können, spricht das Gesetz nur von einer Weitergabe an den ÖFB und die Fußballbundesliga und nicht etwa vom ÖSV. Ist das Gesetz eine »Lex Ultra«?
KLEINSCHUSTER: Prinzipiell hat das Gesetz aus europarechtlichen Gründen erneuert werden müssen, weil es veraltet war. Man hat da aber übers Ziel hinausgeschossen. Dass es dann einen Zuschnitt auf die Fußballfans gegeben hat, dafür hat schon die Bundesliga gesorgt.

Ihr habt zusammen mit anderen Fangruppen die Initiative »Pyrotechnik ist kein Verbrechen« ins Leben gerufen. Was sind deren Ziele?
KLEINSCHUSTER: Das Hauptziel ist die Rücknahme dieses Gesetzes. Ein Nebeneffekt soll sein, ein Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen, das Pyrotechnik nichts Böses oder ein Verbrechen ist, sondern zum Fußball dazu gehört. Früher ist immer wieder darauf hingewiesen worden, wie toll die mit dem Einsatz von Pyrotechnik erzeugte südländische Stimmung in den Stadien ist und jeder hat sich darüber gefreut.

Kennt ihr jene massiven Anlassfälle, auf die laut Ministerin Fekter mit den gesetzlichen Verschärfungen reagiert worden ist?
KLEINSCHUSTER: Das müssen Sie die Frau Ministerin selbst fragen. Mir ist aus meiner gesamten Zeit als Fan seit 1994, in der Kurve ein einziger Vorfall bekannt, bei dem einem Fan das Ding in der Hand explodiert ist. Der hat sich abgeputzt und die Sache war erledigt.
LANG: Mir ist auch nur ein einziges Mal erinnerlich. Das war in Italien, wo ich gesehen habe, dass beim Anzünden eine Stichflamme entstanden ist. Der hat sich aber dann die Funken einfach von der Jacke gewischt. Bis jetzt wusste man auch, es wird geduldet und konnte sich drauf konzentrieren, dass du das Ding ohne eine Gefahr für dich und andere verwendest. Jetzt ist es so, dass du vor lauter Vermummen und Verpacken, damit dich keine Kamera erkennt, vergisst, dass du mit diesen Dingen einen sorgsamen Umgang pflegst. Am Ende besteht die Gefahr, dass du den Bengalen irgendwo in die Ecke auf den Boden schmeißt, damit du nicht erwischt wirst. Es wird alles nervöser. Das ist die Gefahr.

Ist die Frau Innenministerin eine unentspannte Person?
LANG: Die mischt sich in eine Sache ein, von der sie keine Ahnung hat. Das ist ihr Problem. Oder wollen Sie mir sagen, dass die jemals in einem Fußballstadion war. Wenn ja, kann sie eigentlich nur zur Austria gegangen sein. Da hat sie wahrscheinlich ihre Finger im Spiel, so rigoros wie die jetzt gegen ihre eigenen Leute vorgehen. Das sieht man auch beim Thema Asyl. Einfach nur etwas hinknallen und fertig. Die macht Gesetze, ohne dass sie mit den Betroffenen redet.

Wie ist die Lage seit Jahresbeginn? Spürt ihr die härteren Bestimmungen schon am eigenen Leib?
KLEINSCHUSTER: Bis jetzt gibt es eigentlich keine merklichen Veränderungen. Angeblich wurde beim letzten Heimspiel gegen Mattersburg jemand von Zivilpolizisten, die im Sektor gewesen sind, aus dem Stadion verwiesen, der mit Pyrotechnik gar nichts zu tun hatte. Beim Spiel gegen Kärnten standen Zivilpolizisten beim Einlass, bereit dazu, Leute aufzuschreiben, falls sie Pyrotechnik finden. Dass Zivilpolizisten im Sektor gewesen wären, kann ich persönlich für das Auswärtsspiel gegen Kärnten nicht bestätigen. Im ersten Rang über uns waren aber definitiv viel mehr Polizisten als sonst, die die Szenerie im Sektor beobachtet haben.
LANG: Zu diesem Spiel in Klagenfurt sind extra hochrangige Wiener Fanpolizisten in Zivil aus Wien gekommen, um zu überprüfen, was los ist. Darüber hinaus waren auch Beamte des Innenministeriums vor Ort. Das war auffällig.

War das eine Reaktion auf den Pyrotechnik-Einsatz beim Cupspiel gegen Salzburg?
LANG: Vermutlich wollten die gleich einmal ein Exempel statuieren. Weil wir ja in diesem Zusammenhang die ersten »Sünder« waren. Es ist aber meines Wissens in Kärtnen zu keinen Anzeigen gekommen.
KLEINSCHUSTER: Hintergrund wird auch gewesen sein, dass die Fangruppen von Rapid, Ried und LASK bei den Freitag- und Samstagspielen etwas gezündet haben. Deshalb lag wohl der Verdacht nahe, dass wir auch etwas machen. Haben wir aber nicht.

Wie war die Situation im Heimspiel gegen Mattersburg?
LANG: Da ist es wirklich zum vermehrten Einsatz von Zivilpolizisten im Sektor gekommen. Das hat es bis jetzt überhaupt nicht gegeben, ist aber wohl für die Polizei die einzige Möglichkeit. Wenn sie in Uniform hineinkommen, ist das irgendwo eine Provokation und ein nicht abschätzbares Risiko. Aber entscheidend ist, dass du jetzt wie Verbrecher behandelt wirst, wenn du bengalische Feuer zündest, und sie genau so gegen dich vorgehen. Mit diesem Gesetz ist ihnen Tür und Tor geöffnet worden. Früher wurde dasselbe Verhalten als Kavaliersdelikt behandelt.
KLEINSCHUSTER: Wenn du ein Wiederholungstäter bist, kannst du ab dem vierten Mal eingesperrt werden.

Wie geht ihr mit dieser Präsenz von Zivilpolizisten im Sektor um?
LANG: Das Problem ist, dass auch der Verein nichts dagegen tun kann. Der kann den Einlass von Zivilpolizisten auch nicht verbieten. Selbst wenn er jemals für uns in dieser Sache Partei ergreifen würde, was er bis jetzt nicht getan hat.

Sturm hat sich zumindest offiziell nicht gegen das Pyrotechnikverbot ausgesprochen. Wie beurteilt ihr dieses Verhalten der Vereinsführung?
LANG: Dass sie alle sagen, das gehöre dazu und sei schön, sind reine Lippenbekenntnisse, die uns nicht weiterbringen. Wirklich von seiner Gegenstimme Gebrauch gemacht hat weder der Verein Sturm, noch Bundesliga- und Sturmpräsident Hans Rinner.
KLEINSCHUSTER: Präsident Rinner und seine Vorstandskollegen könnten sich einfach einmal positionieren und sagen, dass sie gegen dieses Gesetz sind. Tun sie aber nicht. Hinter den Kulissen zeigen sie Verständnis, sagen aber gleichzeitig, sie können in der Öffentlichkeit nichts für uns tun. Warum? Es ist ja wohl erlaubt, dass Herr Rinner als Bundesligapräsident eine eigene Meinung zu dem Thema hat.

Das Pyroverbot ist grundsätzlich allgemein formuliert, in einigen Teilen aber auf Fußballveranstaltungen zugeschnitten. Wie ist eure Wahrnehmung, was die Anwendung betrifft?
LANG: Ich war heuer bei keinem der Schirennen in Österreich selbst dabei. Es ist aber klar, dass dort keinesfalls so eine Polizeipräsenz gegeben ist, wie bei unseren Spielen. Wenn dort fünfzig bis hundert Bengalen brennen auf dem Berg, haben die einfach nicht das Personal, diese Leute auszuforschen. Wenn die Polizei beteuert, sie hätten in Schladming Anzeigen geschrieben, ist das in meinen Augen ein Schwachsinn.
KLEINSCHUSTER: Da steht doch der Seppl Huber neben dem Dorfgendarmen und zündet einen Bengalen, und der tut nichts.
LANG: Das ist auch gut so. Schau dir ein Schirennen in Val dIsere an. Da sind keine Zuschauer, die Stimmung machen wie in Österreich. Unsere Kampagne hat aber nicht zum Ziel, die Schifans anzupatzen. Wir wollen vielmehr, dass es uns wieder so geht wie ihnen.

Welche Meinung haben eigentlich die Anhänger im Stadion außerhalb der Kurve über euren Einsatz von Pyrotechnik?
LANG: Denen taugt das, was wir machen. Die sind die Garanten unseres Erfolgsrezepts. Das hat man beim Spiel gegen Salzburg gesehen. Da waren zwar nur 3500 Leute im Stadion. Die sind aber von den Sitzen aufgesprungen, als wir die Bengalen gezündet und zu singen begonnen haben. Diese Interaktion mit dem ganzen Stadion war auch für uns ein Riesenerlebnis. Bei einem Auswärtsspiel, sieht man es am besten. Da ist das Publikum gemischter als bei Heimspielen. Die singen alle mit und kennen alle Texte auswendig. Das taugt mir voll. Das zeigt ja auch, dass die Geschichte sich nicht um die Gefahr des bengalischen Feuers dreht. Das Ganze hat einen weitreichenderen Rahmen. Es geht darum, dass das Innenministerium begonnen hat, massiv in unsere Welt, in die der Ultras, einzugreifen. Das ist nur der erste Schritt, und deswegen schreien wir jetzt auch so auf. Weil wir genau wissen, wie es weitergeht. Wir sehen alle unsere Freiheiten gefährdet.
ballesterer # 120

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