»Wir sind auf dem Holzweg«

cache/images/article_1241_zirngast_140.jpg 200 arbeitslose Jungtalente, Liveübertragungen, die keinen interessieren, und Physiotherapeuten, die von Bundesliga-Klubs nur halbtags beschäftigt werden: Gernot Zirngast, Vorsitzender der Spielergewerkschaft VdF, macht im Gespräch mit dem ballesterer seinem Ärger über den österreichischen Pseudoprofessionalismus Luft.  
Julia Zeeh | 07.07.2009
ballesterer: Wie würde die perfekte Liga Ihrer Meinung nach bzw. aus der Sicht der Spieler ausschauen?
Gernot Zirngast: Ich bin verärgert, weil schon seit meiner aktiven Profikarriere Diskussionen über Ligareformen immer nur unter dem Gesichtspunkt der Anzahl der Klubs in den Ligen geführt werden. Im Prinzip sollte es jedoch darum gehen, was wir in Österreich überhaupt wollen. Das aktuelle Problem in der Ersten Liga ist, dass aufgrund der Akademien und der Anzahl der Klubs dort versucht wird, einen Profifußball zu spielen, den wir uns aber nicht leisten können und so auch nicht so führen können. Ob dort jetzt zehn oder 16 Klubs spielen, sollte nicht die Diskussion sein. Vielmehr sollte sich alles um die Fragen drehen: Was wollen wir und was können wir uns leisten? In der Ersten Liga wurde ein Pseudoprofessionalismus eingeführt, den sich vielleicht ein, zwei Vereine leisten können, während sich die anderen irgendwie durchschummeln. Das hat sich unzählige Male gezeigt mit Konkursen und weniger harten Fällen. Ein anderes Problem ist, dass pro Jahr 200 Spieler aus den Akademien abgehen, die dann den Markt überschwemmen und von denen nur ein geringer Teil bei den Vereinen unterkommt.

Wäre eine Aufstockung der Ersten Liga auf 16 Vereine eine Möglichkeit gewesen, um junge Spieler vermehrt einzusetzen?

Jein, weil ich denke, dass der österreichische Fußball nicht so viele Profiklubs verträgt. Momentan sind wir nicht einmal bei zehn in der Bundesliga, die ordentlich arbeiten. Ich  finde daher, dass man die zweite Liga semiprofessionell führen sollte. Dazu müssten wir aber den Spieltag überdenken und ändern. So wie es jetzt ist, ist es fast unmöglich, nebenbei noch zu arbeiten. Wir haben das Problem, dass die Spieler nach zwei, drei Jahren aus der Ersten Liga herausfallen, es nach oben nicht schaffen und dann beim AMS ansuchen und keine Ausbildung haben. Die Ligagrößen sind nicht das eigentliche Problem.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die relevanten Probleme und was müsste sich ändern?

Dass die Erste Liga live im Fernsehen übertragen wird, ist purer Nonsens. Premiere denkt sich schon was dabei, keine offiziellen Zahlen zu veröffentlichen. Erstens schaut niemand zu, und zweitens ist es wirtschaftlich nicht so interessant, dass ich sage: »Dort bring ich ein zusätzliches Geld auf.« Das Geld, das vom Fernsehen reinkommt, frisst auf der anderen Seite die professionelle Struktur auf. Das heißt, wir sollten unbedingt aus der Ersten Liga eine semiprofessionelle Spielklasse machen, in der Vereine wie Wiener Neustadt oder Wacker Innsbruck die Möglichkeit haben, professionell zu arbeiten. Ganz oben sollte man schauen, dass es dort wirklich keine Nebenbeschäftigungen gibt und alle Vollzeit für den Verein da sein können. Es kann nicht sein, dass so wie in  Kapfenberg der Co-Trainer und der Physiotherapeut nur halbtags arbeiten. Wichtig ist es auch, Spieler zu haben, die ganz nach oben wollen. Oft kommen sie ja in dem Glauben aus den Akademien raus, in der Ersten Liga als Profi arbeiten zu können, und kommen dann zu Klubs wie Vöcklabruck oder Bad Aussee, wo hinten und vorn nichts zusammenpasst. Mein Vorschlag wäre, einen eigenen U20-Bewerb einzuführen, aber immer unter dem Aspekt, dass gleichzeitig eine Ausbildung absolviert wird. Es reicht einfach nicht, mit einer Matura die Akademie abzuschließen und dann ist es aus. Da sind wir auf dem Holzweg und da tun wir dem österreichischen Fußball nichts Gutes, wenn wir so wie jetzt 200 arbeitslose Fußballer beim AMS gemeldet haben.

Welche Rahmenbedingungen müsste eine semiprofessionelle Erste Liga aufweisen?

Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Möglichkeiten für die Spieler geschaffen werden, halbtags zu arbeiten. Was die Lizenzierung betrifft, sind wir immer noch nicht von den doppelten Verträgen weg. Es gibt noch immer Vereine in Österreich, die offiziell brutto, inoffiziell aber netto auszahlen. Das ist ein Problem, das unbedingt beseitigt werden muss. Wichtig sind bestimmte Auflagen und klare Anforderungsprofile, die garantieren, dass professionell gearbeitet wird.

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Rubrik: Aktuell
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