»Wir sind nicht allein

cache/images/article_947_swe_esp_140.jpg ...wir sind ein ganzes Meer.« Das, worüber Christina Stürmer im offiziellen EM-Lied des ÖFB singt, trifft bei diesem Turnier besonders auf die Anhängerscharen der Niederlande, Kroatiens und für manche überraschend Schwedens zu.
Hannes Biedermann | 16.06.2008
Bei vielen EM-Teilnehmerteams blieben die Zahlen der in die Schweiz und nach Österreich mitgereisten Supporters bisher teilweise deutlich hinter dem prophezeiten völkerwanderungsähnlichen Ausmaß zurück. Die »Belagerungen« Berns durch Niederländer, Klagenfurts durch Kroaten und Innsbrucks durch Schweden sind daher die bemerkenswerteren Fälle in Sachen Fanmassen. Die Anzahl der schwedischen Anhänger, schon zuletzt in Salzburg stark, verdoppelte sich an diesem Wochenende in Innsbruck nochmals, laut Angaben des Verbandes waren es 40.000, die das Spiel gegen Spanien in der Tiroler Hauptstadt verfolgten.

Auch von Wien aus machte sich eine Hundertschaft »Landslagssupportrar« mit dem Zug auf den Weg nach Innsbruck und trotz der Abreise im Morgengrauen war es das unverwechselbare Zischen beim Öffnen von Bierdosen, das bei den in gelb-blau Gewandeten von Beginn an den Ton angab, während die zwei Dutzend spanischen Austauschstudierenden den Liegekomfort in ICE-Zügen auskosteten.

In Innsbruck selbst hatten am Samstag dann zunächst die überraschend zahlreich erschienenen Spanier die Plätze und Gassen direkt unterm »Goldenen Dachl« in ihrer Hand: Ein Torero winkte vom Alten Rathaus, »Manolo« trommelte massenwirksam, langatmig wurden die immer gleichen zwei, drei Lieder gesungen und mittendrin wurde sogar ein in den Landesfarben bemalter Schinken als Choreografieobjekt verwendet.

Doch um die Mittagszeit gewannen mehr und mehr die Schweden die Überhand auf den Straßen, und als sich zwei Stunden vor Anpfiff der aus 25.000 Fans bestehende Marschzug zum Stadion in Bewegung setzte, kam nicht nur der Verkehr in der Innenstadt zum Erliegen: Über die gesamte Strecke säumten staunende Anrainer den Weg, die das Spektakel meist mit großen Augen und einem ungläubigen aber freundlichen Klatschen verfolgten.

Auch beim Stadion löste sich die Marschkolonne nicht auf, die Hälfte der schwedischen Fans hatte keine Karten und zog so ins Schisprungstadion am Bergisel weiter. Auch in der einzigen Fanzone der EM mit Stadionatmosphäre, die sich an diesem Abend bis zum letzten Platz füllte, eroberten die »Supportrar« die akustische Vormachtstellung.

Die erste Halbzeit sorgte für gute Stimmung im Schweden-Lager. Dass die »Landslag« im zweiten Durchgang nur noch bescheiden gefährlich war und Spanien in der Nachspielzeit doch noch den Siegestreffer erzielte, sorgte maximal vorübergehend für enttäuschte Mienen, denn abgesehen von der statistischen Bedeutung (erst die zweite schwedische Niederlage in der regulären Spielzeit in den letzten 14 EM- oder WM-Endrundenpartien) änderte die Pleite nichts an der Ausgangssituation für das letzte Gruppenspiel: Am Mittwoch muss gegen Russland ein Punkt her und die vierte Viertelfinalteilnahme bei Welt- oder Europameisterschaften in Serie wäre fixiert. Weil das obligatorische Larsson-Tor bei diesem Turnier bisher noch aufgespart wurde, sollte dabei nichts schief gehen.

Mindestens ebenso spannend wird jedoch auch diesmal das Aufeinandertreffen zweier völlig verschiedener Fankulturen in Innsbruck sein. Dafür eignet sich die Tiroler Hauptstadt jedenfalls hervorragend: Keine das Bild störende polizeiliche Omnipräsenz, mehr als großzügige Einlasskontrollen zur Fanzone und überraschend freundliche Innsbrucker. So wird auch am Mittwochnachmittag das eine oder andere bengalische Feuer im »gelben Meer« auf der Maria Theresien Straße brennen, ehe es um 18.30 Uhr wieder im Kollektiv in Richtung Stadion geht. Wir sind nicht allein.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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