"Wir werden die MAGNA-Partie alle noch überleben"

Interview mit dem gefeuerten Fanbeauftragten von Austria Wien, Thomas Fellinger.
Gastautor | 27.02.2006

Thomas Fellinger, ehrenamtlicher Fanbeauftragter des FK Austria Wien, wurde einen Tag vor dem Rückrundenstart mit sofortiger Wirkung entlassen. Er erfuhr von dieser internen Weisung des Vereins per E-Mail, ohne jegliche Angabe von Gründen. Nur wenige Tage später folgten Hausverbote gegen drei langjährige Fans, Austria-Legende Toni Polster und Kuratoriumsmitglied Helmut Denk.

FK Austria MAGNA kündigte nach Fanprotesten gegen den Wechsel des ehemaligen Rapidspielers Roman Wallner zur Austria öffentlich eine härtere Gangart gegenüber kritischen Stimmen rund um den Verein an. In diesem Zusammenhang meldete sich Präsident Peter Langer auf der offiziellen Homepage der Violetten zu Wort: "Es kann nicht sein, dass sowohl das Ansehen des Klubs, als auch des wichtigsten Geldgebers, permanent von wenigen Anhängern und teilweise auch Funktionären beschmutzt wird. Jetzt werden wir hart durchgreifen, wir wollen mit solchen Fans nichts zu tun haben."

Zu den gegenwärtigen Maßnahmen des Austria-Managements und den Vorwürfen gegen seine Person nahm Thomas Fellinger in einem Gespräch mit PHILIPP GLANNER und STEFAN SCHWIRKSCHLIES Stellung.

ballestererfm: Seit Jahren verbindet man mit deinem Namen erfolgreiche Fanarbeit bei der Wiener Austria. Kannst du uns eine kurze Chronologie über diese Tätigkeit geben?

Thomas Fellinger: Begonnen hat alles ungefähr 1996. Zunächst war ich Fankoordinator der Austria, dann auch österreichweit. Ich bin der Bundesliga längere Zeit in den Ohren gelegen, dass ein Fanbetreuermodell wie in Deutschland eingeführt werden soll, bei dem sich jeder Verein einen eigenen Fanbetreuer suchen muss. Die Umsetzung erfolgte schließlich vor knapp drei Jahren und auf Wunsch von Markus Kraetschmer (Anm.: seit 1997 Austria-Manager) und Dietmar Kurzawa (Anm.: Austria-Marketing seit 2002) wurde ich offizieller Fanbeauftragter der Austria. Mein Aufgabenfeld umfasste die Kommunikation zwischen Fans und Verein, mit den Fanbeauftragten der anderen Vereine, mit der Polizei, dem Innenministerium und der Bundesliga.

Wie war das Verhältnis zwischen dir und dem Verein in den letzten Jahren und wie verliefen die jüngsten Entwicklungen?

Die Zusammenarbeit war anfangs nahezu perfekt. Die Austria hat sich als der Verein mit der besten Fanarbeit ausgezeichnet, wo Fans das Recht auf freie Meinungsäußerung hatten. Von Anfang an habe ich gegenüber dem Verein klargestellt, dass ich Stronach und dem Betriebsführervertrag kritisch gegenüber stehe und meine Meinung kundtue, wenn es angebracht ist. Das war auch bis zu der Entlassung von Generalmanager Toni Polster im Mai 2005 kein Problem, genau so wenig wie meine Tätigkeit für die Fanplattform westtribuene.at. Nach der gestarteten Fan-Petition für Polster und den damit verbundenen Unterschriften gegen den Abschuss des Austria-Idols war die Kommunikation nicht mehr so, wie sie hätte sein sollen. Ich habe ein klärendes Gespräch gesucht, wozu es im Sommer auch gekommen ist und worauf sich die Zusammenarbeit wieder gebessert hat. Im Zuge der bevorstehenden ordentlichen Generalversammlung (24.November 2005) des FAK (Anm.: Helmut Denk reichte einen Misstrauensantrag gegen das Präsidium des FK Austria MAGNA ein, der von westtribuene.at unterstützt wurde) und des angekündigten Ausstiegs von Frank Stronach mit Juni 2007 kam es zum endgültigen Bruch. Einen Tag nach der Generalversammlung und auch in weiterer Folge signalisierte die Fanvertretung öfters Gesprächsbereitschaft, die jedoch nie mehr angenommen wurde und so ging es in die Winterpause.

Wann hast du von deiner Entlassung als Fanbeauftragter erfahren?

Die Frühjahrsmeisterschaft begann und am Sonntag habe ich dann in der Kronenzeitung gelesen, dass ich nicht mehr Fanbeauftragter bin. Ich finde es stillos, dass mich Markus Kraetschmer nach achtjähriger Zusammenarbeit nicht einmal anrufen hat können. Man hat mir am Freitag ein E-Mail in die Firma geschickt, die ich jedoch nicht lesen konnte, da ich im Krankenstand war. Der Sicherheitsbeauftragte der Austria, Herr Schmidt, hat mich darin aufgefordert, bis spätestens Montag, den 20. Februar 2006, unter anderem die Akkreditierungen des Vereins und der Bundesliga zurück zu geben. Die Austria-Akkreditierung bekommt das Sekretariat von der Austria, nur die Bundesliga-Akkreditierung bekommen sie von mir nicht. Die habe ich schon seit acht Jahren und damit länger, als gewisse Leute bei der Austria tätig sind.

Die Austria wirft dir via Medien vor, dass du ein Rädelsführer der Anti-Wallner-Kampagne warst? Was sagst du zu diesen Vorwürfen?

In der E-Mail stand keine Begründung für meine Entlassung, davon habe ich nur in den Medien gelesen. Was mich an der ganzen Geschichte stört, sind die Lügen, die über mich verbreitet wurden, die ich schon fast als rufschädigend empfinde. Die Wallner-Proteste waren Aktionen von Einzelpersonen und Fanklubs. Ich war nicht einmal in Innsbruck. Für mich ist das Ganze ein Ablenken des Präsidiums und des Managements von den eigenen Unzulänglichkeiten.

Hast du dir in irgendeiner Hinsicht Vorwürfe zu machen?

Das habe ich mich selbst öfters gefragt. Im Endeffekt bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir als Fanvertretung solange zugeschaut und diplomatisch gehandelt haben, bis irgendwann der Zeitpunkt erreicht war, wo man nicht mehr gute Miene zum bösen Spiel machen konnte. Unsere gut gemeinten Briefe an Stronach und zahlreiche Gespräche mit ihm haben leider zu nichts geführt. Wir waren die Einzigen, die kein Geld von Stronach wollten. Er sollte den Verein nur gut führen und der Austria ihre Identität zurückgeben - sonst nichts. Deswegen kann ich mich in den Spiegel schauen und sagen: "Wir haben fast alles richtig gemacht!"

Wie sehen deine zukünftigen Ambitionen im Bezug auf Fanarbeit für die Austria aus?

An meiner Tätigkeit wird sich nicht viel ändern. Ich werde sicherlich wie bisher Fanvertreter sein, zwar nicht mehr mit dem Zugang zu den Gremien wie ich ihn bisher hatte, aber zum Glück gibt es in diesen Gremien noch Leute, denen man entsprechende Inputs geben kann. Wir werden die MAGNA-Partie alle noch überleben? unsere Zeit wird kommen.


Am vergangenen Samstag, vor dem Spiel der Austria gegen Sturm Graz, trafen sich Fellinger und andere "unerwünschte" Austria-Fans mit Herbert Prohaska. Österreichs Jahrhundert-Fußballer äußerte sich bedenklich zu den jüngsten Ereignissen bei den Veilchen. "Ich empfinde die verhängten Hausverbote gegen Toni Polster, Helmut Denk und die betroffenen Fanvertreter sowie die Demontage von Thomas Fellinger als Fanbeauftragten der Austria bei der Bundesliga als vereins- und rufschädigend. Die Klubführung sollte ihre Vorgangsweise überdenken und diese Maßnahmen ehest möglich revidieren", sagte Prohaska.

Im Vorfeld des Spiels wurden von Vereinsseite kritische Spruchbänder untersagt und bei neuerlichen Protesten mit hartem Durchgreifen gedroht. Die Austria-Fans verhielten sich friedlich und zeigten durch "Toni Polster"-Sprechchöre ihren Unmut über das verhängte Hausverbot gegen selbigen. Nach der Einwechslung von Roman Wallner (71. Spielminute) wurden fast sämtliche Fanclub-Transparente abgehängt und etwa 200 Fans vom harten Kern verließen geschlossen das Ernst-Happel-Stadion. Helmut Denk zeigt sich von Kraetschmer enttäuscht und überlegt wegen Rufschädigung zu klagen. ballestererfm verfolgt die weiteren Entwicklungen bei der Wiener Austria und wird in der kommenden Ausgabe über die Vorkommnisse berichten.

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Rubrik: Aktuell
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