Wird George Weah Staatspräsident?

Am 12. Oktober wählt Liberia einen neuen Staatspräsidenten. Die Chancen, dass zum Ende der Auszählungsfrist am 26. Oktober George Weah, Weltfußballer des Jahres 1995, den Wahlsieg verkünden kann, stehen nicht schlecht.
Klaus Federmair | 11.10.2005


Liberia ist reich an natürlichen Ressourcen und die älteste Republik Afrikas. Dennoch ist es eines der ärmsten Länder der Welt. Die ganzen neunziger Jahre hindurch und darüber hinaus herrschte ein grausamer Bürgerkrieg, der 150.000 bis 250.000 Tote forderte und etwa 900.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieb. Das bei einer Bevölkerung von etwas über 3 Millionen.

Reicher Volkstribun der Armen

Was sich das Volk vom neuen Präsidenten erwartet, klingt banal: vor allem Wasser und Strom. Eine Grundversorgung existiert nicht, Schulen müssen erst (wieder) gebaut werden. In seinen angeblich drei Privathäusern in der Hauptstadt Monrovia leistet sich Mister George derweil laut "Time Europe" unter anderem einen Basketballplatz und einen Swimming Pool.

Dennoch ist er vor allem der Held der verarmten Massen und der Jugendlichen. Dafür gibt es gute Gründe, und alle hängen mit Weahs Vergangenheit als Fußballer zusammen. Denn er ist nicht nur der Einzige, der sich und seinem Land weltweites Ansehen verschafft hat, er ist vermutlich auch der einzige Reiche weit und breit, der sein Geld überwiegend eigenen Verdiensten und nicht der überall grassierenden Korruption verdankt.

Während sich viele seiner Gegenkandidaten im Krieg die Hände blutig machten, schoss George Weah 150 Tore in Europas Topligen, unter anderem für Milan, Chelsea, Manchester City, Monaco, Paris St. Germain und Marseille. Nach Ende seiner Spielerkarriere setzte er sich als UNESCO-Botschafter für ein friedliches Miteinander ein und verpasste 2002 als Nationalcoach und Hauptfinancier des liberianischen Fußballverbands nur knapp die erstmalige WM-Qualifikation.

Krieg und Friede

Weah steht für ein geeintes Liberia, einige Mitbewerber wähnen sich noch auf einer Seite der Front. Krassestes Beispiel ist der ehemalige Warlord Prince Johnson, der seine Soldaten angewiesen haben soll, dem entmachteten Präsidenten Samuel Doe die Ohren abzuschneiden, um die Daten von dessen Schweizer Bankkonto zu erfahren (von der tödlichen Folter existiert ein Videodokument). Im englischen Sunday Telegraph streitet Johnson auch gar nichts ab und stellt sich in dem Zusammenhang als Rächer der Gio, seiner ethnischen Gruppe an: "Er starb unter meiner Autorität, also übernehme ich dafür die Verantwortung. (?) Seine Ohren wurden abgeschnitten, weil er anscheinend nicht die Schreie der 300 Gio-Kinder hören konnte, die er in einen Brunnen geworfen hatte."

Dass Mister George in diesen finsteren Zeiten im fernen Europa war, ist im Wahlkampf ein Vorteil. Bei der Kandidatenkür wäre es ihm fast zum Verhängnis geworden. Seine Gegner fochten Weahs Zulassung zur Wahl an, weil er angeblich in seiner Zeit bei Paris St. Germain die französische Staatbürgerschaft angenommen hätte. Durch den Nachweis, dass er später noch mehrmals um Visa für Reisen nach Frankreich angesucht hatte, konnte die Kandidatur gerettet werden. Auch der Vorwurf, keine akademische Ausbildung vorweisen zu können, zielt im Volk wohl ins Leere. Der liberianische Journalist Tim Warrens zitiert Weah mit den Worten: "Was haben die Politiker mit ihren Universitätsbildungen für dieses Land schon getan?"

In seinen Wahlreden verspricht George Weah nicht nur den Aufbau der Infrastruktur, er redet auch gern über den Kampf gegen Terror und Korruption, eines seiner Lieblingsvokabel ist "Disziplin". So habe er auch Fußball gespielt, verrät der ehemalige Weltstar in einem Interview mit Time Europe: "professionell, mit Respekt, mit Disziplin." Seine Partei, der Congress for Democratic Change, beschwört Grundwerte wie eine Art Basisdemokratie, Nichtdiskriminierung, Antikorruption und Gewaltlosigkeit. Da wundert sich der kritische europäische Beobachter, dass der CDC ganz prominent auf seiner Homepage verkündet, wie sehr Silvio Berlusconi hinter "seinem Freund" stehe, dessen Wahlsieg "das wichtigste Tor seines Lebens" sein werde.

Ein Novum kündigt sich an

Der erfolgsverwöhnte Mister George ist sich seiner Sache ziemlich sicher. Schon vor dem Wahltag sagte er zu Time Europe: "Ich bin glücklich, dass die Liberianer endlich einen Leader gewählt haben der bereit ist, ihr Land vorwärts zu bringen." Dabei könnte er aber die Rechnung ohne die Wirtin gemacht haben. Als einziger ernsthafter Gegner gilt nämlich eine Frau, die schon in den siebziger Jahren Finanzministerin war und als vormalige Weltbänkerin über ebensoviel Auslandserfahrung verfügt wie der seinerzeitige europäische und afrikanische Fußballer des Jahres. Ihr Name ist Ellen Johnson-Sirleaf.

Eine vorsichtig positive Prognose kann man immerhin abgeben: Statt dem hundertsten Warlord wird das liberianische Volk Afrika einen Präsidenten schenken, wie es auf dem Kontinent bisher noch keinen gab: die erste Frau oder den ersten Ex-Fußballstar.

Referenzen:

Rubrik: Spielfeld
Thema: George Weah, Liberia
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