Wo die Wuchteln tief fliegen

cache/images/article_945_augustin_140.jpg Im Wirtshaus in der Wiener Vorstadt schaut man sich die EM-Spiele nicht einfach nur an. Nein, man kommentiert sie auch gleich. Auf Wienerisch natürlich. Den ersten Spieltag der Gruppe C kommentierten die Fußballer der Wiener Straßenzeitung Augustin. Ein fußballaffiner deutsch-wienerischer Sprachreiseführer.
Christoph Witoszynskyj | 16.06.2008
Weil nicht alle Kicker aus den Suburbs einen Job als TV-Analytiker kriegen, geht so mancher Experte zum Wirten. Im Lokal »Hawidere« traf sich die Expertenrunde der Fußballer der Straßenzeitung Augustin, um sich Rumänien gegen Frankreich und Holland gegen Italien anzuschauen. Und zu kommentieren. Damit die Kommentare nicht der Öffentlichkeit vorenthalten bleiben und der Verständlichkeit halber, werden für Nicht-Wiener einige Wortspenden des Abends ins Deutsche übersetzt.

A leiwaunde Partie mit ana leiwaunden Partie

Zur Einführung aus dem Reisewörterbuch Wienerisch-Deutsch: Das Gasthaus »Hawidere« leitet seinen Namen von »Ich habe die Ehre ab«, was sinngemäß etwa »Ich grüße dich/Sie« bedeutet. Hawidere kann aber auch mit »Servas« (»Servus«) übersetzt werden. »Servas« ist jedoch nicht nur eine weitere wienerische Grußformel, sondern lässt sich auch mit »arg«, »krass« oder »bumsti« übersetzen. Um diese Bedeutung zu verstärken, wird im Wienerischen gern eine Art Präfix verwendet: »na«. Die Interjektionen »na hawidere«, »na servas« oder »na bumsti« lassen sich neogermanisch sinngemäß mit »voll krass« übersetzen: »Na hawidere, da Goalie is a Eia«, hieße folglich: »Voll krass, der Torwart ist kein Guter«. 

Das »Hawidere« liegt in Rudolfsheim-Fünfhaus, dem »fuffzentn Hieb« (fünfzehnten Bezirk), also dem 15. von insgesamt 23 Wiener Gemeindebezirken. In besagtem »Logal« (Lokal, Gasthaus) kann man sich in an »gmiadlichn Zimma mit ana Leinwaund a leiwaunde Partie mit ana leiwaunden Partie« geben (also sich in einem gemütlichen Raum mit einer Leinwand ein hochklassiges Match in netter Gesellschaft anschauen). Die Preise sind moderat, die in den Heimdressen des FC Hawidere antretenden Kellnerinnen sind freundlich und das Publikum ist gemischt: Die eine Hälfte hält zu Italien, die andere zu Holland. Frankreich Rumänien ist den rund 30 Gästen »wurscht« (egal).

Wenn die Wuchteln fliegen, rennt der Schmäh

Wenn in Wien von einer »Wuchtel« die Rede ist, wird entweder ein Fußball gemeint oder ein Scherz, auf Wienerisch auch »Schmäh«. Aber: jemand, der »eine Wuchtel druckt«, erzählt einen Schmäh, lügt also, oder flunkert zumindest. Mit »tiaf« (tief) meint der Wiener im gegenständlichen Fall abgründig. »Tiaf fliegende Wuchteln« sind anlässlich der EM klarerweise eine Anspielung auf den Fußball. Denn dank der Doppelbedeutung von Wuchtel fliegt eben nicht nur der Ball tief, sondern auch der Schmäh. Letzterer rennt allerdings im Wienerischen. Und wenn der Schmäh rennt, geht es meist in geselliger Runde lustig zu, man amüsiert sich also.

Weil die Experten der Straßenzeitung Augustin nicht nur »Fuaßbolla«, also gute Fußballspieler sind, sondern auch mit der inoffiziellen Amtssprache der Landeshauptstadt vertraut sind, gab's einen Crashkurs in der Gaunersprache: So erfuhr man zum Beispiel, was ein »Siema«, hochdeutsch eigentlich Siebener ist. Es handelt sich dabei nicht, wie zu vermuten wäre, um einen bestimmten Fußballer (etwa den Franzosen Malouda) oder um eine bestimmte Position im Fußballspiel (etwa analog zum Zehner oder Sechser), sondern um das zu erwartende »Schmoiz« (hochdeutsch: Schmalz), also um das Strafausmaß für bestimmte kriminelle Delikte. Freilich erhält man »Schmoiz« nicht unmittelbar nach der Begehung einer Straftat, sondern man muss dafür auch »meia geh« (meier gehen), also erwischt (überführt) bzw. verhaftet werden.

»Meia« kann man im Wienerischen wiederum nicht nur gehen, sondern auch sein. In diesem Fall ist man platt, ausgelaugt oder kaputt. Und anhand der von den Augustin-Experten erörterten Thematik lässt sich unschwer erkennen, dass das erste Spiel des Abends, Rumänien gegen Frankreich, »a Schaas«, also ein Furz war und daher langweilig. Folglich gab es jede Menge anderer Dinge zu besprechen, bevor Holland gegen Italien »a leiwande Partie« lieferte. Und nach dem 0:3 waren die Italiener ziemlich »meia«...

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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