Wodka in Kiew, you know!

cache/images/article_960_swe_fans_140.jpg Der ukrainische Verband, Co-Ausrichter der Euro 2012, hat zwei Delegierte zur Ideensammlung nach Österreich geschickt. Ob die sich bei ihrer Rückkehr nach Kiew jedoch noch an das Wesentliche abseits von klarem schwedischem Schnaps erinnern können, bleibt abzuwarten.
Hannes Biedermann | 21.06.2008
Ein weiteres Mal spielt Schweden nun gegen Russland in Innsbruck, und wieder bringt uns die Bahn in die Tiroler Hauptstadt. Diesmal ist der Zug jedoch einerseits um eine funktionstüchtige Klimaanlage ärmer und es ist der Tag nach der Doch-Nicht-Wiederholung von Cordoba andererseits um Massen von deutschen Anhängern »reicher«. Jene in unserem Abteil verfügen über die bemerkenswerte Eigenschaft, offenbar ausschließlich mittels Titelseiten-Slogans aus der Bild-Zeitung kommunizieren zu können.

Statt gemütlichem Dosenbier-Konsum im Abteil bleibt angesichts eines vollbesetzten Zuges nur die Flucht in den Speisewagen. Dort wiederum gibts nur noch an einem Tisch freie Plätze, an dem bereits zwei Herren in feinem Zwirn mit massiger Körperfülle sitzen. Sie unterhalten sich so zumindest unsere Vermutung auf Russisch und wählen aus der Speisekarte nicht nach dem Geschmack sondern dem Höchstpreis aus. Wann immer der ÖBB-Mitarbeiter an ihrem Tisch vorbeikommt, bestellen sie ein neues Erdinger Weißbier. Der Umstand, dass der Kellner jedes Mal mit Händen und Füßen zu erklären versucht, dieses nicht im Angebot zu haben, wird so lange gekonnt ignoriert, bis dieser einfach ein aus Wien stammendes helles Bier auf den Tisch stellt.

Unsere Freunde sind zu einer Änderung ihrer Strategie gezwungen und steigen auf absolut bekannten schwedischen Wodka um. Bis dessen gesamte im Zug vorrätige Menge circa zur Hälfte der Strecke Wien-Innsbruck durch die Kehlen der beiden geflossen ist, erfahren wir, dass sie für den ukrainischen Verband arbeiten und sich im Hinblick auf die nächste, die in Polen und der Ukraine stattfindende, EM hier in den Alpenländern umsehen und Ideen sammeln. Der ungefähr ab dem zwölften Vodka nicht mehr zu überhörende Zungenschlag beim Absingen ihrer Trinklieder lässt vermuten, dass der ukrainische Verband besser damit beraten gewesen wäre, die Reisespesen für die beiden in das Aufholen der von der UEFA kritisierten Verspätungen beim Zeitplan für 2012 zu investieren.

Irgendwann hat der Zug seine Destination Innsbruck schließlich doch erreicht. Auch wenn es der Tag vor dem letzten in der Stadt ausgetragenen EM-Spiel ist, sind die Straßen im Zentrum schon gut gefüllt und erneut mehrheitlich in blendendes Gelb gefärbt. Wir wandern zum Messezentrum, wo wir uns im Fancamp der Host City einquartieren. Aufgrund der Überfüllung des schwedischen Fandorfes am Natterer See sind auch viele »Landslagssupportrar« hierher ausgewichen, aus den Schlafkojen dröhnt Musik von »Moneybrother«, einer in Schweden sehr bekannten Indie-Band. Deren Leadsänger, der bekennende Hammarby-Fan Anders Wendin, gibt am Abend dann auch ein feines Unplugged-Konzert in einem Club im Süden Innsbrucks, bei dem im Publikum dezent die Spannungen zwischen den Anhängern der verschiedenen Klubs aus der schwedischen Hauptstadt zu spüren sind.

Der Spieltag selbst beginnt am nächsten Morgen bereits um sechs Uhr. Eine Gruppe nachtschwärmender Schweden zieht im Fancamp von Koje zu Koje und fordert mittels mehrstimmigem »Stå upp, vi är gul och blå« die Tagwache ein, an Schlaf, den die meisten im Camp in dieser Nacht ohnehin nicht hatten, ist nicht mehr zu denken. Entsprechend rasch füllen sich die Sitzgärten vor den Cafes und Restaurants dann schon ab neun Uhr mit gelb Gekleideten, die goldgelbe Flüssigkeit trinken.

Wir erleben ein Da Capo des »Aufwärmens« für das Spanien-Spiel vier Tage zuvor, einziger Unterschied ist der Auftritt des im Teamtrikot durch die biertrinkenden Massen marschierenden schwedischen Regierungschefs Fredrik Reinfeldt. Der kommt zwar von den Konservativen, wird aber dennoch so lange mit Sprechchören dazu aufgefordert, bis er schlussendlich mitten auf der Fanmeile auf eine Bühne klettert und eine improvisierte »Rede zur Nation« (wie sie ein schwedisches Boulevardblatt am folgenden Tag bezeichnete) hält.

»Der Erfolg des Teams liegt auch in der unglaublichen Unterstützung durch die mitgereisten Anhänger begründet«, ruft er ins Mikro. Einige Stunden später am Abend fragen sich zigtausende gelb-blaue Fans, welchen Erfolg der Premierminister wohl gemeint hat. Und auch die außergewöhnliche Erfahrung eines weiteren aus 25.000 Menschen bestehenden Marsches durch die Stadt vorm Spiel kann die große Enttäuschung über den Auftritt der an diesem Abend grottenschlechten »Landslag« nicht überspielen.

Doch die nächste EM kommt bestimmt - und dort sind wir wieder dabei, schließlich haben uns unsere ukrainischen Freunde auf »Wodka in Kiew, you know« eingeladen. Skål!

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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