Wunderknabe in der Warteschleife

cache/images/article_874_ger_team_140.jpg Marko Marin hatte seine Mama mitgebracht. Am Samstag saß der verhinderte Shooting-Star der deutschen Nationalmannschaft zusammen mit seiner Mutter und seiner Freundin auf der Tribüne der Gelsenkirchener Arena und verfolgte entspannt den 2:1-Erfolg im letzten EM-Test der DFB-Elf gegen Serbien.
Carsten Germann | 02.06.2008
Der 19-Jährige Mittelfeldspieler von Borussia Mönchengladbach war am 16. Mai völlig überraschend von Bundestrainer Joachim Löw in den vorläufigen EM-Kader berufen worden und zwölf Tage später - ebenso wenig erwartungsgemäß - aus dem endgültigen Aufgebot gestrichen worden. Dazwischen erlebte der nur 1,69 m große »Zauberzwerg mit Dribbel-Gen« wie ihn der Stern bezeichnete die wohl verrücktesten zwei Wochen seines bisherigen Fußballerlebens.

Verwunderter Lehmann

Marins Ankunft im Lager der DFB-Kicker sorgt für Verblüffung. Torhüter Jens Lehmann musste zwei Mal hinschauen, als ihm der kleine Gladbacher bei der Einkleidung durch das Mode-Label Strenesse die Hand zur Begrüßung reichte: »Ich kannte ihn nicht«, erklärte Lehmann hinterher schmunzelnd, »hielt ihn für einen von den Strenesse-Leuten, da ich in England die Zweite Liga nicht sehen kann.«

Marins erste Maßflanken im Trainingslager auf Mallorca hinterließen dann aber auch beim 38-jährigen Torwart einen bleibenden Eindruck. Neben Weltmeister Olaf Thon sprach sich vor allem Gladbachs Sportdirektor Christian Ziege für Marin aus: »Spieltypen wie Marko gibt es in Deutschland nicht sehr viele, er ist eine echte Geheimwaffe.« Trotz dieser prominenten Unterstützer und einer ordentlichen Leistung bei seinem Länderspieldebüt gegen Weißrussland (2:2) reichte es nicht für Marin. Am 28. Mai schickt ihn Löw gemeinsam mit dem Kölner Patrick Helmes und Jermaine Jones von Schalke 04 nach Hause.  
Keine Lust auf »Geheimwaffen«

Ein ähnlicher Überraschungscoup wie 2006 bei der Nominierung des Flügelstürmers David Odonkor blieb also aus. Für Nationalmannschafts-Insider wie den Journalisten Ralf Köttker von Die Welt ein eindeutiges Zeichen: Im deutschen Lager hat man dieses Mal keine Lust auf »Geheimwaffen«, sondern setzt auf Bewährtes. »Es wird ein Kader antreten, dem bei aller Erfahrung das Überraschungsmoment, etwas Ungewöhnliches, Exotisches, ein Schuss Risikobereitschaft fehlt«, sagt Köttker, »genau dafür hätte Marin stehen können. Der Mönchengladbacher ist jung, frech, unbekümmert. Keiner für die erste Elf, aber ein belebendes Element.«

Löw baut stattdessen auf ebenso erfahrene wie schwächelnde Spieler. Dazu gehören u.a. Tim Borowski, der in der Vorbereitung kaum trainieren konnte, der auch gegen Serbien arg verunsichert wirkende Christoph Metzelder und Bastian Schweinsteiger, den die Süddeutsche Zeitung gegen die Serben in »jämmerlicher Form« sah.

Kontinuität und Stabilität

Der ehemalige Austria-Coach Christoph Daum sieht in Löws beinahe ungebrochenem Vertrauen in das Stammpersonal von 2006 dagegen das richtige Signal: »Das spricht nicht gegen den deutschen Nachwuchs, sondern für diese Mannschaft, die in den vergangenen zwei Jahren an Kontinuität und Stabilität gewonnen hat«, schrieb Daum in einer Kolumne für die Bild am Sonntag.

Der ausgeladene Hoffnungsträger Marin, der auch nach der Nicht-Nominierung wie ein Popstar herumgereicht wird, nimmt die Absage für sein erstes großes Turnier gelassen: »Natürlich bin ich enttäuscht, aber ich habe immerhin mein erstes Länderspiel bestritten und bin noch jung. Den Jungs drücke ich jetzt erst mal die Daumen bei der EM.« Zum Leidwesen vieler Marin-Fans zuhause bei der Mama.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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