Zerissene Schlesier

cache/images/article_1160_willimowsk_140.jpg Die wechselvolle Geschichte Schlesiens hat auch die Lebensläufe der dortigen Fußballer nachhaltig beeinflusst. Ihre Schicksale stehen symbolisch für eine ganze Region, die im 20. Jahrhundert sowohl unter deutscher als auch unter polnischer Herrschaft stand. Ein Rückblick anlässlich der aktuellen Polen-Ausgabe des ballesterer.
Radoslaw Zak | 05.02.2009
Das Ende des Ersten Weltkrieges eröffnete Polen seit der dritten Teilung 1795 eine staatenlose Nation den Weg in die Unabhängigkeit. Im Versailler Vertrag wurde die Teilung durch Preußen, Österreich und Russland für unrechtmäßig erklärt, und die Siegermächte legten die Staatsgrenzen eines souveränen Polens fest. Hauptaugenmerk galt dabei den Bevölkerungsmehrheiten. Dies sollte sich bei der Grenzziehung zwischen dem deutschen Reich und Polen als schwierig erweisen. Hauptzankapfel war das industriell gut entwickelte Oberschlesien, das zu Deutschland gehörte, jedoch auch von Polen beansprucht wurde. Nach zwei gescheiterten Aufständen kam es zu einer Volksabstimmung, in der sich 60 Prozent der Bevölkerung für einen Verbleib bei Deutschland aussprachen. Daraufhin brach ein dritter Aufstand los, der schließlich dazu führte, dass Oberschlesien zu Polen kam.

Görlitz im Tor
In diesen konfliktreichen Zeiten formierte sich langsam eine schlagkräftige polnische Nationalmannschaft, die deutschstämmige Spieler mit offenen Armen in ihren Reihen aufnahm. Der erste Oberschlesier im Dress der »Reprezentacja« war Tormann Emil Görlitz, der für den deutschen Vorzeigeverein 1. FC Kattowitz spielte. Er nahm für Polen an den Olympischen Spielen 1924 in Paris teil und gab im selben Jahr beim 1:5 in Schweden sein Debüt im A-Team.

Görlitz lief noch einige Male im Trikot mit dem weißen Adler auf der Brust auf, bevor er zu Pogo Lwów, einem der ältesten polnischen Fußballklubs, wechselte und dort zum besten Tormann des Landes reifte. In weiterer Folge ließ er sich vom österreichischen Trainer Karl Fischer überreden, Profi bei Edera Triest zu werden. Im fernen Italien verschwand der Keeper jedoch aus dem Blickfeld des Nationalteams. Nach seiner Rückkehr nach Kattowitz erreichte er 1927 mit dem polnischen Vizemeistertitel den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Im Entscheidungsspiel unterlag der FCK Wisa Kraków mit 0:2. Bis heute hält sich das Gerücht, der Schiedsrichter sei unter politischem Druck gestand, da es einer Tragödie gleichgekommen wäre, wenn ein deutscher Klub die polnische Meisterschaft gewänne.
 
Torgarant »Ezi« Willimowski
Für die Kattowitzer spielte damals mit Eryk Heidenreich auch einer der besten Verteidiger der 1920er Jahre. Mehrfache Nominierungen des polnischen Nationaltrainers lehnte er ab, da er sich nicht als Pole deklarieren wollte. Im Laufe der Zeit beschäftigte der Verein jedoch mehr und mehr polnische Nationalspieler, die für das Land 1938 auch an der WM teilnahmen.

Mit Ernst Willimowski erlernte zudem einer der besten Kicker in der Geschichte Polens das Fußballspielen beim 1. FC Kattowitz. Der Sohn einer wahrscheinlich deutschen Schlesierin wurde mit Ruch Hajduki Wielkie, dem heutigen Ruch Chorzów, polnischer Serienmeister. »Ezi«, wie er liebevoll genannt wurde, trug sich 1938 bei Polens 5:6-Niederlage gegen Brasilien mit vier Treffern in die Geschichtsbücher ein. Er ist der einzige Fußballer, der sowohl für Polen als auch für Deutschland in offiziellen Länderspielen auflief. Für die »Kadra« erzielte er in 22 Länderspielen stolze 21 Tore, für die deutsche Nationalmannschaft traf er 13 Mal in acht Spielen. Mit durchschnittlich 1,63 Treffern pro Spiel hat er sogar eine bessere Bilanz aufzuweisen als Gerd Müller (1,10).

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Willimowski von Georg Joschke, Kreisleiter der NSDAP und Funktionär des 1. FC Kattowitz, nahegelegt, sich schnellstmöglich einen deutschen Personalausweis zu besorgen und den Verein zu wechseln, wenn er nicht mit einem »P« für Pole auf seiner Kleidung gebrandmarkt werden wolle. Joschke mochte den Linksaußen aufgrund seiner Auftritte für die »Reprezentacja« nicht. Ironischerweise stellte er aber mit anderen Gesinnungsgenossen ein »deutsches Wunderteam« zusammen, das zum großen Teil aus polnischen Schlesiern bestand. Dabei kam es angeblich vor, dass Spielern mit der Deportierung in ein Konzentrationslager gedroht wurde, wenn sie sich nicht kooperativ zeigten.

Nach zwei Jahren in Kattowitz wechselte »Ezi« zum PSV Chemnitz, um dem Dienst in der Wehrmacht zu entgehen und Polizist zu werden. Nach einem weiteren Wechsel gelang es ihm mit 1860 München, den Tschammer-Pokal, den Vorläufer des DFB-Pokals, zu gewinnen. Zeitlebens bezeichnete sich Willimowski weder als Deutscher noch als Pole. Einzig die Aussage, »ich sehe mich als Oberschlesier und möchte nur Fußball spielen«, ist überliefert. Sein letzter Aufenthalt in Schlesien ist höchstwahrscheinlich auf das Jahr 1942 zu datieren. Im Trikot der Reichsauswahl absolvierte er ein Länderspiel gegen Rumänien an der Seite von Fritz Walter. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs blieb Willimowski in Deutschland.

Weltmeister aus Schlesien
Nach dem »Polenfeldzug« Hitlers wurde Schlesien dem Dritten Reich eingegliedert, schon Ende September 1939 fanden die ersten Spiele mit offiziellem Charakter statt. Im »Generalgouvernement« den von Deutschland militärisch besetzten und nicht dem Reich zugefügten Gebieten wurde das organisierte Fußballspiel hingegen untersagt und unter Strafe gestellt. Die polnischen Klubs in Schlesien wurden umbenannt und in die Gauliga eingegliedert. Polnische Schlesier durften mit Erlaubnis des ehemaligen Nationalcoaches Józef Kaua für deutsche oder germanisierte Mannschaften spielen.

So waren auch in den Kriegsjahren die meisten Teams nicht homogen. Im Kader des 1. FC Kattowitz stand neben vielen ehemaligen Nationalspielern auch ein zukünftiger Weltmeister. Richard Herrmann sollte 1954 für den DFB einer der »Helden von Bern« werden. Die Lebensläufe in seiner Familie stehen symbolisch für das Schicksal einer ganzen Region. Herrmann kam nach dem Krieg in der Bundesrepublik in den Genuss des Wirtschaftswunders, verlor aber den Kontakt zu seiner in der Heimat verbliebenen Familie.

Im Buch »Oberschlesier in der deutschen und polnischen Nationalmannschaft« erinnert sich Hermanns Neffe Edward: »Onkel Richard war nach dem Krieg nur einmal in der Volksrepublik Polen. Aber nicht privat, sondern mit seinem Team, weil er Angst hatte, dass man ihn einsperrt. Sie kamen mit dem Flugzeug, stiegen in den Bus und fuhren zum Stadion. Nach dem Match ging es sofort zurück. Mein Vater wartete auf ihn und erkannte ihn sofort. Beide kamen dazu ein paar Sätze zu wechseln. Onkel Richard schenkte meinem Vater einen Pullover und mir Adidasschuhe. Ich war der erste Spieler in Polen, der solche Schuhe besaß und das obwohl ich bei einem drittklassigen Verein spielte!«

Der heute bekannteste Oberschlesier spielt für den FC Bayern München und outete sich bei seinem letzten Besuch in Polen als Fan von Górnik Zabrze. »Ich kann mir durchaus vorstellen einmal hier zu spielen, vielleicht am Ende meiner Karriere«, verlautbarte Lukas Podolski auf einer Pressekonferenz. Vorerst wechselt er aber zum 1. FC Köln und will mit Deutschland 2010 Weltmeister in Südafrika werden.

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Rubrik: Aktuell
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