Zwischen arm und reich

cache/images/article_1899_2012-07-01_16.22.26_kl_140.jpg EM-Blog Die Reise nach Kiew entpuppte sich für die ballesterer-Korrespondenten als ein Trip voller Überraschungen und Hindernisse. Letztendlich kamen sie dank polnischer Hilfe aber unbeschadet an ihr Ziel. Die Eindrücke einer Reise.
Radoslaw Zak aus Kiew | 01.07.2012
Ein Bus- oder Zugticket für die Reise nach Kiew zu bekommen, grenzte zwei Tage vor dem EM-Finale an ein Wunder. Obwohl die deutsche Nationalmannschaft 1:2 gegen Italien im Halbfinale verlor, war es beinahe unmöglich, ein moderates Angebot zu ergattern. So wollten zwei Berliner für zwei Fahrkarten im Nachtzug von Warschau in die ukrainische Hauptstadt schlappe 600 Euro ohne zu verdienen oder zu bescheißen, wie sie fadenscheinig betonten. Das Ausscheiden von Joachim Löws Truppe sollte sich also nicht als Glücksfall erweisen.

Plan B
Nachdem sich wirklich nichts organisiert ließ, wurde bei Leuten angefragt, die sich für nichts zu schade sind. Ein Anruf bei den alten Krakauern Freunden Jacek und Mariusz und das Kind war in trockenen Tüchern: im 3er BMW geht es am Samstagabend mit verdunkelten Scheiben, aber ohne Navigationsgerät (»Das ist etwas für Loser«) nach dreistündiger Anreise von Warschau am Krakauer Hauptbahnhof. Eine Reise ins Ungewisse. Niemand weiß, in welcher Verfassung die Straßen sein werden, die auf uns zukommen.

Nach einer Stunde Wartezeit an der Grenze wird es zusehends finsterer und unwegsamer, und im Nachhinein hätte sich ein Navigationsgerät durchaus von Vorteil erwiesen. Auf den nicht beleuchteten, unübersichtlichen Schnellstraßen, die gerne von Füchsen gekreuzt werden, kann man als Fahrer leicht die Orientierung verlieren und eine wichtige Abbiegung verpassen.

Die Farbe der Hoffnung
In Lviv bzw. Lwów, wie unsere polnischen Freunde betonen, wird ein Auto vor uns mit polnischem Kennzeichen aus dem Verkehr gefischt. Kurz darauf sind wir an der Reihe, ein Planquadrat. Drei alte Polizeiautos halten uns sowie einen Reisebus aus Polen an. Nach einer langen Kontrolle darf der Bus weiter, wir müssen die angenehme Nachtluft noch etwas länger genießen.

Die Beamten beanstanden eine mangelnde Grüne Versicherungskarte. Nach einigen Debatten stellt sich heraus, dass wir sie tatsächlich nicht bei uns führen. Sie ist der internationale anerkannte Nachweis, dass ein Auto versichert ist und normalerweise Voraussetzung für die Einreise in die Ukraine. Nach gutem Zureden und einigen Prognosen über das Finale dürfen wir unsere Reise fortsetzen. Nicht ganz sorgenfrei, denn immer wieder werden Autos vor uns Kontrollen unterzogen.

Korruption auf dem harten Plaster
Unsere neugewonnen Freunde aus dem ebenfalls kontrollierten Bus warten an der nächsten Raststation auf uns. Sie erregen sich über die ukrainische Polizeiwillkür und versichern, die ganze Situation heimlich gefilmt zu haben. »Die sind nur auf Schmiergeld aus«, hallte es einstimmig. Jacek erklärt ihnen, die Situation ohne Bestechungsgeld und sachlich geregelt zu haben. Es ertönt schallendes Gelächter.
 
»Man hört viel über die Korruptheit der ukrainischen Polizisten«,  erzählt Jacek später. »Vor zehn Jahren war es bei uns in Polen genauso. Mittlerweile verdienen sie mehr und überlegen sich die Annahme von Bestechungsgeld aus Angst um ihren Job zweimal.« Je näher Kiew rückt, desto mehr landschaftliche Eindrücke werden über dieses große, weite Land gewonnen. Ab der Stadt Rivne wird der Road-Trip durch eine moderne und fast durchgängig zweispurige Schnellstraße erleichtert.
 
Wie vor 30 Jahren
Die Müdigkeit zwingt uns aber immer wieder zu Pausen in der Nähe von kleinen Dörfern. Fast jedes von ihnen hat mehrere Storchennester, ältere Damen verkaufen ihre selbst gepflückten Beeren am Straßenrand. »Die EM hat der Ukraine auch nicht die versprochenen besseren Straßen gebracht oder mehr Wohlstand gebracht«, so Mariusz. »Und wenn ich mir diese Dörfer anschaue, dann schauen sie so aus wie in Polen vor 30 Jahren.« Auch wenn der Sportstudent damals noch nicht auf der Welt war, hat er jetzt zumindest eine Ahnung von den ukrainischen Verhältnissen. Denn vor der EM waren unsere beiden Mitfahrer nie im Nachbarland gewesen.

Von Müdigkeit geplagt erreichen wir nach einer 16-stündigen Fahrt unser etwas in Mitleidenschaft gezogenes Billigquartier in Kiew. Angesichts der großspurigen Luxuskarossen, die unsere Wege kreuzen, meint Jacek: »Es scheint, als gäbe es hier keine Mittelschicht. Du bist entweder verdammt arm oder verdammt reich.«

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Rubrik: Aktuell
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