Zwischen Charme und Nepotismus

Martin Blumenau zählte zu den hartnäckigsten Kritikern Herbert Prohaskas im Zuge der Teamchefdebatte um Marcel Koller. Im ballesterer-Interview spricht der FM4-Blogger über seine Erinnerungen an den kickenden »Schneckerl«, seinen Stadionboykott nach dessen Rauswurf bei der Austria und die Diskrepanz zwischen Charme und Betonköpfigkeit.
Reinhard Krennhuber | 28.12.2011
ballesterer: Wie haben Sie den Fußballer Herbert Prohaska erlebt?
Martin Blumenau: Ich bin beim Europacup-Halbfinale 1978 gegen Dynamo Moskau im Stadion gewesen. Das war ein bedeutendes Spiel für die österreichische und meine eigene jugendliche Psyche. Die damalige Austria war als funktionierende Einheit sehr beeindruckend. Auch wenn das, was Prohaska und Gasselich damals gespielt haben, sich heute nicht mehr ausgehen würde. Die haben keine defensiven Aufgaben erfüllt und gemacht, was sie wollten. Aber damals war das großartig.

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Prohaskas Zeit als Trainer denken?
Dass sie ihn bei der Austria Anfang der 1990er nach dem Meistertitel rausgeschmissen haben, war eine strategische Katastrophe. Der Klub hat danach sportlich wenig Land gesehen und mich und andere Leute aus meinem Umfeld einfach nicht mehr interessiert. Ich habe mir ein, zwei Jahre kein Austria-Spiel mehr im Stadion angeschaut. Der Rausschmiss war eine üble Entscheidung und einer der wenigen Brüche in einer ansonsten glatten Karriere. Ein weiterer war die kapitale Niederlage als Teamchef in Valencia. Generell ist der Erfolg als Medienfigur wahrscheinlich mit dieser scheinbar bruchlosen Biografie zu begründen.

Wobei das Ende seiner zweiten Etappe als Austria-Trainer auch als solcher gesehen werden kann.
Der Bruch mit Frank Stronach ist anders zu werten, weil er an das positive Gefühl anschließt, das man bei Prohaska lange Zeit hatte. Da ist er auf der richtige Seite gestanden, das war ja ein Sieg.

Wie beurteilen Sie seine Arbeit als Teamchef?
Ich bin ja kein »Sturmianer«, insofern habe ich die Kritik an den Aufstellungen bei der WM 1998 ein bisschen übertrieben gefunden. Mein Grundgefühl war aber: Zu vorsichtig, zu vorsichtig, zu vorsichtig! Prohaska hat eine Chance vergeben genauso wie Hickersberger 1990 und auch 2008. Da war wieder einmal ein österreichischer Trainer zu zögerlich. Und vielleicht hat sich das auch im Nichtaufstellen des Sturm-Trios Vastic-Haas-Reinmayr manifestiert.

Trotzdem hat sich Österreich damals zum bisher letzten Mal für eine WM qualifiziert.
Prohaska ist nicht als Verlierer aus der Sache herausgegangen. Für sein Fortkommen in Österreich war das Abschneiden okay. Vielleicht auch, weil es dem Topos des Österreichertums entsprochen hat. Seinem Traum von Italien ist die mangelnde Risikobereitschaft aber im Weg gestanden. Denn dort wäre man durch eine Qualifikation für das Achtelfinale vielleicht auf ihn aufmerksam geworden. Das ist schon fatal.

Warum galt Prohaska bis zur Kritik an der Teamchefbestellung von Marcel Koller als beinahe »Everybodys Darling«?
Wegen seinem unverbindlichen Charme, der ihn von Krankl unterscheidet, der ja keinen Charme hat, sondern hauptsächlich aus nicht nachvollziehbaren Gefühlssprüngen besteht. Bei Krankl sind immer diese Revanchegedanken gegenüber jenen vorhanden, die ihn kritisch betrachtet haben. Das war bei Prohaska lange Zeit nicht der Fall. Er hat sich auch selten klar auf eine Seite gestellt. Und wenn wie im Falle von Stronach dann war es die richtige.

Warum und wann hat ihn dieses richtige Gespür verlassen?
Er war mir als Analytiker immer zu weich, aber das kommt halt gut an. Prohaskas Abstieg hat bei der WM im Vorjahr eingesetzt, als er ein paar Mal einen wirklichen Topfen erzählt hat. Man hatte das Gefühl, dass er sich das Spiel nicht gescheit angeschaut hat. Er hat sich dem Level anderer ORF-Experten angepasst. Mein Lieblingsbeispiel ist die nordkoreanische Viererkette, die er weltexklusiv gesehen und auch auf dem Taktikboard aufgezeichnet hat. (Nordkorea spielte mit einer Fünferabwehr, Anm.). Das, was er bei der Koller-Bestellung gemacht hat, hat mit seiner Expertenrolle eigentlich nichts zu tun. Da hat er sich als Player, als Mächtiger im österreichischen Fußball auf den Tisch gestellt und eine improvisierte Rede gehalten. Im Gegensatz zu seinem Anti-Stronach-Engagement hatte dieses Anti-Koller-Engagement nichts Sympathisches. Das war die Zelebrierung der Betonköpfigkeit, die Manifestierung der Freunderlwirtschaft.

Waren Sie überrascht von Prohaskas Rolle in dieser Diskussion?
Eigenartig war, dass den ersten Ausbrüchen weitere gefolgt sind, obwohl es bereits einen Aufschrei gegeben hatte, dass er das doch besser sein lassen soll, weil er seinen Mythos zerstört. Er ist sehenden Auges in die Selbstdemontage gelaufen und das finde ich erschreckend, weil mir das einiges über das Selbstbild und das Gefühl dieser unangreifbaren Mächtigkeit erzählt, das er scheinbar hat. Nach dem Motto: »Ich kann absurde Sachen über meine zu Recht unterbeschäftigten Kumpanen sagen, weil mir die Leute recht geben müssen. Weil ich es bin, der das sagt.« Da geht es nicht nur um Gefühllosigkeit, sondern um die Vermittlung der Unangreifbarkeit. Das ist Nepotismus. Und das war in Zusammenhang mit der mythischen Figur Prohaska doppelt schockierend.

Was hat Prohaska in dieser Situation geritten?
Ich glaube, es ist die gruppendynamische Beleidigtheit, in die Teamchefentscheidung nicht eingebunden worden zu sein. Ich glaube nicht, dass ihn die Medien dazu getrieben haben. Seine Kolumnen in der Kronen Zeitung sind ja zumindest selber erdacht. Da aber geht es um Interessenspolitik. Und Prohaska hat sich als Lobbyist im Schlechtesten Sinn erwiesen.

Sieht er seine Fehler ein?
Ich glaube, dass ihn niemand in seinem direkten Umfeld ernsthaft kritisiert. Das ist wie bei Kaiser, König, Stronach und Mateschitz mit denen redet niemand Tacheles. Die werden angeschleimt. Die Hawara werden natürlich sagen: »Spitze, Oida, du bist unser Held!« Und wer aus seinem Umfeld sollte ihm die Kritik sonst so nahebringen, dass er ernsthaft darüber nachdenkt. Ich denke, da gibt es niemanden.

Warum hat sich Prohaska dann in seiner Koller-Kritik eingebremst?
Prohaska hat nie öffentlich kampagnisiert. Auch zu Stronach hat er sich nur geäußert, wenn er gefragt worden ist. Dass er das auch gegen Koller nicht macht, liegt an seiner persönlichen Integrität. Er hat sich geäußert und denkt sich: Jetzt ist es genug! Das ist Teil seiner Persönlichkeitsstruktur. Aber ich glaube nicht, dass er die Entscheidung für Koller jetzt leiwand findet. Dass hinter dessen Bestellung mehr steckt als eine Personalentscheidung, nämlich der Versuch eines fast schon zeitgeistigen Umbruchs, wird er nicht unterstützen.

Wie erklären Sie sich den Unterschied zu dem Bild, das vor allem jüngere Medienkonsumenten von Prohaska haben und jenem, das man bekommt, wenn man die charmante und lustige Fußballerlegende persönlich trifft?
Das hör ich von allen, die mit ihm zu tun haben. Dirk Stermann zum Beispiel ist ein unglaublicher Prohaska-Fan. Die Leute verlieben sich in ihn, wenn sie ihm persönlich begegnen. Das kann ich gut nachvollziehen, es hat aber mit dem, worüber wir gesprochen haben, nichts zu tun. Diese Eigenschaften kommen bei der öffentlichen Figur nur zu einem Bruchteil durch. Zwar ausreichend, dass ihn die Masse charmant findet. Es ist aber auch ein Indiz, dass die Person Prohaska mit der Medienfigur wenig zu tun hat. Und deshalb würde ich das auch voneinander trennen.

Inwiefern hat sich Prohaska in der Koller-Debatte selbst demontiert?
Kratzer werden bleiben. Der Andi-Ogris-Sager und ein paar andere Sprüche werden wieder auftauchen und aus dem Zusammenhang gerissen werden. Als Analytiker wird er sich davon befreien können, die Grandezza hat er dann doch. Es war offensichtlich nicht so, dass diese Sache seinen Abschied einleitet, was ja auch der Fall hätte sein können. Ein geeigneter Nachfolger würde mir aber ohnehin nicht einfallen. Auch bei den anderen Sendern ist kaum jemand vorhanden. Die interessanteren Leute gieren ja nur auf den nächsten Trainerjob.


Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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