Zwischen modernem Fußball und Tradition

cache/images/article_2131_logo_ohne_140.jpg Geht es nach der »Initiative Rapid 2020« soll das Hanappi-Stadion in Wien-Hütteldorf bald der Vergangenheit angehören. Ein neues Stadion soll her, das für private Sponsoren und VIPs genauso attraktiv sein soll wie für die Fans. Der dritte und letzte Teil unserer Interviewserie.

Welche Pläne habt ihr fürs Stadion?
DOMENICO JACONO: Uns ist bewusst, dass es Voraussetzungen gibt, die wir nicht ändern oder selbst schaffen können. Beim Stadion sind die besonders extrem: da gibt es allein schon baubehördliche Vorgaben. Unsere Vorschläge zielen also darauf ab, diese Voraussetzungen zu erfüllen und dennoch das Maximum herauszuholen - sowohl in finanzieller als auch in architektonischer Sicht. Rapid wird einen Betrag in der Größenordnung von 50 Millionen für das Stadion zur Verfügung haben. Dieser Betrag lässt architektonisch nur sehr eingeschränkte Dinge zu und es besteht die Gefahr, dass das Stadion anderen Stadien sehr ähnlich wird. Wir wollen aber, dass unser Stadion ein eigenständiger Bau ist, den man leicht erkennen kann. Wir glauben, dass das mit architektonischen Mitteln möglich ist, mit kleineren Eingriffen Rapid-würdige Alleinstellungsmerkmale zu schaffen.

Sind diese 50 Millionen nicht eine völlig untertriebene Schätzung?
MANFRED HOFMANN: Das ist keine untertriebene Schätzung. Rapid hat schon eine Studie dazu in Auftrag gegeben, das Resultat war, dass das Stadion mit 50 Millionen baubar ist.
JACONO: Inklusive Abriss, alles.

Die Vorbilder in Deutschland waren im Endeffekt aber auch teurer als oft kolportiert.
HOFMANN: Das kommt zustande, wenn jemand eine Zufahrtsstraße oder ähnliches bauen muss. Das wird dann in die Gesamtbaukosten eingerechnet.
HERBERT KRETZ: Wir sprechen nur von den Abriss- und Baukosten, also wenn in Schweden ein Stadion um 300 Millionen gebaut wird, kann es sein, dass 180 Millionen für die U-Bahn sind und dann noch einmal 50 Millionen für die Autobahn. Uns geht es nur um den Stadionkorpus.
JACONO: Der Standort ist ja ideal - der hat U-Bahn-, Bahn-, Autoanschluss und vorhandene Garagenplätze. Da muss man nichts neu bauen.

Ihr habt auch die Vergabe der Namensrechte am Stadion vorgeschlagen, der Verein kokettiert schon lange mit dieser Lösung. Bislang gibt es dagegen relativ wenig Widerstand in der Fanszene.
KRETZ: Der Architekt des neuen Stadions wird auch nicht der Hanappi sein.

Das stimmt schon, aber der Max Morlock hat das Stadion in Nürnberg auch nicht gebaut. Dort protestieren die »Ultras Nürnberg«, die ja mit den »Ultras Rapid« eng befreundet sind, schon seit Jahren gegen den Stadionnamen. Glaubt ihr, dass die Probleme bei Rapid nicht auftreten werden?
KRETZ: Das Stadion in Nürnberg ist aber auch kein Neubau, sondern in dem hat der Morlock ja auch noch gespielt. Ohne den Verkauf des Namens werden wir das Stadion nicht bauen können.
STEFAN SINGER: Ich habe mit dem Capo der »Ultras Rapid« diesbezüglich ein Gespräch geführt, er hat angedeutet, dass sie der Vergabe der Namensrechte positiv gegenüberstehen, wenn ein Stadion in entsprechender Qualität kommen sollte. Zähneknirschend wird man in diesen sauren Apfel beißen.

Wie seht ihr das persönlich?
HOFMANN: Man muss eines sehen: Es wird das Hanappi-Stadion nicht mehr geben. Es wird ein neues Stadion sein. Am Anfang war es auch nicht das Hanappi-Stadion, es war das Weststadion. Vorher haben wir auf der Pfarrwiese gespielt.
KRETZ: Der Name steht ja noch nicht fest. Wenn das die westbahn-Arena wird, wäre das doch lustig. Es gibt ja auch die Ideen, dass man einfach den Namen belässt und powered by XY anhängt.
MARIO HUSLICH: Es geht nur so. Sanieren ist die größte Geldverbrennung, die es gibt. Du brauchst ein neues Stadion und um die Zukunft von Rapid nachhaltig sichern zu können, musst du den Stadionnamen hergeben.
SINGER: Da regiert die normative Kraft des Faktischen. Wir brauchen das Geld, außer wir gewinnen die Euromillionen.

Gibt es diese Unternehmen, die bereit wären, für die Rechte genügend Geld zu zahlen? Ihr rechnet ja mit 15 bis 20 Millionen Euro.
KRETZ: Es wird ein wesentlicher Teil, durch die Vergabe der Namensrechte erzielbar sein.
HOFMANN: Es gibt jetzt, soweit wir das mitbekommen haben, schon Interessenten, allerdings in einer Größenordnung, die unserer Meinung nach noch nicht der maximal erzielbare Betrag ist. Die wichtigsten Faktoren beim Preis des Namensrechts sind das Einzugsgebiet der Stadt, das Potenzial des ganzen Vereins, was nicht unbedingt mit dem Erfolg zu tun haben muss. Wir können uns da durchaus an den deutschen Beispielen orientieren und da sind Beträge von zwei Millionen Euro pro Jahr realistisch. Wenn die Austria für ein altes Stadion jetzt knapp unter einer Million bekommt, ist das schon interessant, denn je neuer das Stadion ist, desto teurer sind die Namensrechte. Da hat es großflächige Untersuchungen in den USA gegeben, wo für jedes Stadion die Namensrechte vergeben werden.

Ihr habt ein sehr großes Augenmerk auf die VIP-Logen gelegt. Rapid-Präsident Edlinger meint, dass es in Österreich durch die Transparenzgesetzgebung kaum mehr Möglichkeiten gibt, VIP-Karten zu verschenken.
SINGER: Da gibt es schon noch Möglichkeiten und die Vereinsverantwortlichen denken darüber auch nach. Natürlich wird es für den normalen Business-Seat irgendwelche Lösungen geben müssen, dass beispielsweise der Stadionbesuch dann 99 Euro kostet, um eben nicht in diese Regelung zu fallen. Das Problem besteht vielmehr bei den VIP-Logen, weil die um ein vielfaches teurer sind als der einzelne Business-Seat. Man muss kreative Ansätze finden und das mit den Finanzbehörden im Vorfeld abklären.

Es geht also um eine österreichische Lösung.
ANDREAS FINK: Wir haben uns mit den Compliance-Regeln auseinandergesetzt. Diese ganze Thematik ist ja eher Richtung Politik gerichtet. Wir haben auch mit Größen der österreichischen Wirtschaft darüber gesprochen und die meinen, dass das an und für sich kein Problem ist. Abgesehen davon ist es nicht nur an Kunden, sondern auch an Mitarbeiter zu vergeben. Es gibt also verschiedene Möglichkeiten für Firmen diese VIP-Logen zu vergeben.
HOFMANN: Es ist in Wirklichkeit kein Problem. Die Compliance-Richtlinien betreffen im Prinzip Amtsträger, und deswegen wird das Thema bei Rapid stark überbewertet. Wir haben traditionell sehr viele politisch motivierte Sponsoren. Die Vereinsführung denkt in diesen Kategorien, in der Privatwirtschaft ist das aber kein Thema. Dort ist das alles legal. Bestechung ist Bestechung, aber das sogenannte Anfüttern, was ja bei den Compliance-Richtlinien das Problem ist, ist im privaten Bereich erlaubt und sehr geläufig. Man muss das im internationalen Vergleich sehen. Die Compliance-Richtlinien in Deutschland sind teilweise noch kritischer als in Österreich. Die VIP-Auslastung liegt dort trotzdem zwischen 95 und 100 Prozent. Auch bei der Austria ist es eigentlich unmöglich eine VIP-Loge zu erwerben. Als Ersatzangebot bekommt man dann vier VIP-Karten um 20.000 Euro pro Jahr angeboten. Das ist der doppelte Preis von einer VIP-Karte bei Rapid. Da verkauft man sich bei uns also jetzt schon unter Wert. In einem neuen Stadion würde das in einer ganz anderen Relation stehen.

Die Angst, dass zu viele VIPs im Stadion die Stimmung kaputt machen, habt ihr nicht?
HOFMANN: Wir reden von einer Anzahl, die unter zehn Prozent der Stadionbesucher liegt und damit ist das nicht relevant. Auch wenn die VIP-Kapazitäten im Vergleich zu jetzt explodieren werden, wir haben auch dann viel mehr normale Fans auf der Tribüne. Dadurch wird die Stimmung noch besser. Der einzige Nebeneffekt wird sein, dass man viel mehr lukrieren wird, weil eine VIP-Loge im Jahr 100.000 Euro einbringt. Da muss man sehr, sehr, sehr viele normale Abos verkaufen, dass man solche Beträge erzielt. Das ist schlicht nicht möglich.
SINGER: Das Stadion muss der Eckpunkt aller Reformbestrebungen sein, weil es das einzige ist, was uns wirtschaftlich weiterbringt. Letztendlich ist der Fußball ein wirtschaftliches Unternehmen geworden. Das Stadion ist der Katalysator und Multiplikator, der uns in allen Bereichen weiterbringen wird. Es wird uns bei der Selbstfinanzierungskraft des Vereins weiterbringen. Wenn wir in Zukunft ein bis drei Millionen pro Jahr aus dem Stadion lukrieren, werden wir unabhängiger von den Sponsoren. Sollte ein Sponsor, so wie es jetzt passiert ist, nach China verkauft werden und seine Verträge nicht verlängern, wird uns das in Zukunft nicht so hart treffen. Gleichzeitig schaffen wir durch dieses Stadion einen neuen Point-of-Interest in Wien, wo sich die fußballinteressierte Öffentlichkeit treffen wird. Was uns wiederum erleichtern wird, bei Sponsoren zu punkten. Die Fans werden glücklich damit, weil man mehr Rapid-Fans die Möglichkeit gibt, die Spiele zu sehen. Als Nebeneffekt wird der Ticketing-Erlös höher.

Mit eurem Konzept versucht ihr also den Spagat zwischen der Anpassung an die Gesetze des modernen Fußballs und der Wichtigkeit von Fan- und Vereinstreue, niedrigen Gehältern und so weiter zu schaffen. Kann das gelingen?
SINGER: Das ist mit einem Satz ganz treffend formuliert. Das ist die Kernidee hinter unserer Initiative. Ob es zu verwirklichen sein wird, wird sich zeigen. Aber ich glaube schon, dass es zumindest in weiten Teilen realistisch ist.
HOFMANN: Das war auch die Conclusio meiner Masterarbeit: Dass das Beibehalten von Tradition die beste wirtschaftliche Basis für einen Fußballverein ist.

Das hat Rapid ja auch lang so kommuniziert. Als Frank Stronach bei der Austria eingestiegen ist, war man plötzlich wieder der Arbeiterverein.
FINK: Das war aber eher die defensive Haltung gegenüber dem Neuen.
HOFMANN: Die Tradition bei Rapid ist, dass Rapid der beste und größte Verein Österreichs ist. Und in Europa mitspielt.

Ihr habt jetzt ein ausgeklügeltes Konzept und führt Gespräche mit dem Verein. Was ist eure Eskalationsstrategie, wenn ihr nicht durchkommt?
SINGER: Diese Signale gibt es derzeit nicht.

Ihr habt euch doch alles so gut überlegt, ihr werdet ja sicher einen Plan B haben.
SINGER: Nein, den haben wir nicht. Wir sind überzeugt davon, dass unser Konzept alternativlos ist. Wir haben den Anspruch, dem Verein unsere Ideen zu präsentieren und ihm weiterzuhelfen. Wir glauben auch, dass unsere Ideen sehr gut sind. Wir stellen unsere Expertisen dem Verein gratis zur Verfügung und streben keine Ämter in den neuen Strukturen an.

Schließt diese aber auch nicht aus?
SINGER: Das ist nicht das Thema. Wenn ich sage »Ich schließe es nicht aus«, formuliere ich damit ja einen verstecken Anspruch. Den haben wir definitiv nicht. Wir wollen, dass es dem Verein in Zukunft besser geht, als in jüngerer Vergangenheit. Unser Benefit wird sein, uns daran zu erfreuen. Wenn es dem Verein gut geht, geht es auch uns gut.
KRETZ: Wir wollen endlich wieder im Stadion sitzen und einfach nur klatschen können.

 

Die vollständige Interviewserie mit der »Initiative Rapid 2020« ist auf der ballesterer-Website nachzulesen. Im ersten Teil sprechen die Fans über das geforderte sportliche Leitbild und die Einführung neuer betriebswirtschaftlicher Methoden bei Rapid, im zweiten Teil geht es um das Kernstück ihres »Konzepts für einen europäischen SK Rapid des 21. Jahrhunderts« - eine nicht-börsennotierte Aktiengesellschaft.

Referenzen:

Verein: SK Rapid
ballesterer # 120

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