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Die Fußballerfrisur

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Hin und wieder schlug ich mich mit der Idee herum, über Fußballerfrisuren zu schreiben. Sie erschien mir ein ums andere Mal als zu abgeschmackt. Dennoch ertappe ich mich vor dem Fernseher oft bei dem Gedanken, wäre ich Trainer, würde ich diesen oder jenen Spieler seiner Frisur wegen vor die Entscheidung stellen, entweder zur Vernunft zu kommen oder aus dem Kader gestrichen zu werden. 

Trauriger Derbysieg

cache/images/article_2531_berger_13_mann_140.png Einen Sonntag vor den Wiener Wahlen, in deren Vorfeld wochenlang „Wer fürchtet sich vorm blauen Mann?“ gespielt worden war, diskutierte man bei Rapid gegen Salzburg über den kommenden Sonntag. Steffen Hofmann hatte sich in einem Video für Michael Häupl und die SPÖ verwendet, indem er auf die Vielfalt und Weltoffenheit Wiens verwies, die es zu bewahren gelte.

Gottesurteil

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Es ist kurz nach Mittag. Ich sitze im ICE 23 nach Wien. Gerade hat der Zug die österreichische Grenze passiert. Draußen lässt die Herbstsonne die Wiesen und Wälder grün leuchten. Ich sitze an einem Tisch im Ruhebereich. Vor mir steht eine Flasche, auf deren Etikett „Altpapierschnaps Quitten 2011“ geschrieben ist. 

Der Wert

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Eine Frau sitzt in einem Lokal. Am Nebentisch hockt ein betrunkener junger Mann, der nicht aussieht wie jemand, der oft viel trinkt. Vielmehr sieht er aus wie jemand, der sich in einer aufwühlenden Auseinandersetzung mit sich verheddert hat. 

Ode an die Verhöhnung

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Ich muss sehr jung gewesen sein, als ich den Begriff zum ersten Mal hörte. Wir spielten in einem Garten, in dem kleine weiße Tore mit durchlöcherten weißen Netzen standen. Jemand hatte jemanden überspielt, der Überspielte war ausgerutscht oder nicht mehr nachgekommen, der Ruhmreiche allein aufs Tor zugelaufen und hatte sich – 

Die Heinzigen

cache/images/article_2480_berger_13_mann_140.png Anders als manche meiner linken Freunde freue ich mich, wenn Österreich gewinnt – vielleicht weil ich selbst einmal davon träumte, im Prater zu stehen, die etwas blecherne Hymne zu hören und unter großen Söhnen auch mich gemeint zu wissen.

Einer aus einer Million

cache/images/article_2464_berger_140.png Nachdem der umjubelte Stürmer, dessen Beine mehr wert waren als alle Fans im Block zusammen, den Ball unter die Latte geknallt hatte, zog er sein Trikot aus, hielt inne und senkte den Kopf. Auf seinem weißen T-Shirt war ein Leichensack auf einem Strand zu sehen.

Der Kapitän

cache/images/article_2450_berger_13_mann_140.png In Chichen Itza, unter der gnadenlosen Sonne Yucatans, liegt das größte erhaltene Ballspielstadion der Mayas. Das Feld ist 168 Meter lang, siebzig Meter breit, die Mauern an den Längsseiten ragen acht Meter in die Höhe. In der Mitte, hoch oben, hängen auf beiden Seiten steinerne Ringe.

Zwei Paar Socken

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Als ich an einem Sonntagnachmittag einen Zweispalter über ein Fußballspiel schrieb, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich nicht mehr tiefer sinken konnte.“ So umreißt der Erzähler in Wilhelm Genazinos Roman „Bei Regen im Saal“ sein Leben als Redakteur einer Lokalzeitung.

Der Spitzenkandidat

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Unlängst schickte mir ein Freund ein Bild, über das ich laut lachen musste: Es war ein Plakat der FPÖ, das ihren Spitzenkandidaten für die Gemeinderatswahlen in einem kleinen Ort im nördlichen Waldviertel präsentiert. Ein schief sitzendes, unsicheres Lächeln, das Haupthaar ein für alle Mal verschwunden, ein mäßig passendes Sakko und eine gestreifte Krawatte.

Ilkay Gündogan

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Vor jedem Champions-League-Spiel wird ein Video ausgestrahlt, in dem Fußballstars aller Hautfarben in ihren Muttersprachen Nein zu Rassismus sagen. Vor Spielbeginn wiederholen die Kapitäne dieses Bekenntnis unter den Augen des Schiedsrichters. 

Wein und Wahrheit

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Auf Schloss Wiepersdorf ist es ruhig. Die meiste Zeit verbringe ich in einem kleinen Zimmer mit Blick auf den längst aufgelassenen Konsum, bisweilen läuft eine Katze über die Wiese davor, zweimal täglich dreht ein Schulbus seine Runde. 

Henrikh Vegetarier

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Mein Großvater hört fern. Der einmal so große und starke Mann ist hinfällig und dürr geworden, Haut und Knochen, er kann nur mithilfe zweier Stöcke gehen. Seine Sehnerven liefern seit Langem keine Bilder mehr, die Ohren sind beinahe taub. Wenn er etwas verstehen will, greift er nach seinem Hörgerät. 

Der Held des Tages

cache/images/article_2357_berger_140.png Zum ersten Mal sahen wir den Helden des Tages in der U2. Wir kamen aus dem Schweizerhaus. Im Prater waren 40- bis 70-jährige Männer regimentsweise als Dragoner und andere kakanische Soldaten verkleidet gewesen. Während die einen von Hitze und Alkohol ermüdet Käsekrainer aßen und Coca Cola tranken, stopften andere Schießpulver in alte Gewehre und feuerten sie ab, dass es ohrenbetäubend krachte und erbarmungslos stank.

Lächelverbot

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Von der Weltmeisterschaft in Brasilien lernen wir über Individualismus erstens, dass Fußballer tätowiert sein sollten, vorzugsweise auf den Unterarmen und mit viel verschlungener Schrift, weil sie einmal höchstwahrscheinlich keine Hemdsärmel darüber ziehen müssen, um im Büro nicht ungut aufzufallen. 

Die Fußballblödigkeit

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Am Tag des ersten Halbfinales spüre ich eine gewisse Ermattung. Viel war von Fußballblödigkeit zu hören, ein schönes Wort, wenn man an Wilhelm Genazinos wunderbaren Roman "Die Liebesblödigkeit" denkt.

Alternative Entscheidungen

cache/images/article_2287_berger_140.jpg 1968 standen einander im EM-Semifinale Italien und die Sowjetunion gegenüber. Als das Spiel in Neapel auch nach Verlängerung beim 0:0 blieb, war die Verwirrung groß. Während sich Studenten und Arbeiter mit Lenins Schrift "Was tun?" beschäftigten, wusste der Schiedsrichter, was zu tun war.

Die Ausnahme

cache/images/article_2263_13mann_140.png Hans Tröstner war ein einfacher Mann. Vielleicht war er das, was manche Politiker den kleinen Mann nennen. Tatsächlich war er nicht besonders groß, etwas untersetzt und schwer zu verstehen.

Der Fußballdoktor

cache/images/article_2252_berger_140.png Der Fußballdoktor kommt regelmäßig einige Minuten nach Spielbeginn ins Pub. Er wird bestimmt nichts versäumt haben. Er wird keinesfalls etwas Sehenswertes nicht gesehen haben.

Meister Eders Omen

cache/images/article_2238_13mann_140.png Als ich von dem Gespräch mit einer Verlegerin und ihrem Sachbuchlektor nach Hause kam, war ich beschwingt. Ihre Idee gefiel mir, in meinem Kopf hatte ich bereits zu schreiben begonnen, Titel schwirrten in ihm herum, im Lauf des Tages legte ich mich auf den Untertitel "oder Die Größe des Anfangs" fest.

Die Banane

cache/images/article_2223_13termann_140.png Jahrzehntelang fanden die größten Schwachköpfe unter den Stadionbesuchern Gefallen daran, gegnerischen Spielern Bananen vor schwarze oder dunklere Beine zu werfen.

Mein Geografielehrer

cache/images/article_2198_13termann_140.png Alles, was er über Moral wisse, heißt es einmal bei Albert Camus, verdanke er dem Fußball. Das ist ein schöner Satz, gut zu zitieren und äußerst fragwürdig.

Sommerferien

cache/images/article_2179_13termann_140.png Im Sommer als Jugendlicher zwei Wochen auf einer griechischen Insel zu verbringen, war in erster Linie schön, in zweiter Linie nervenzermarternd. Im Schwimmbad und überhaupt konnte so viel geschehen, dass man ohne Weiteres das Entscheidende hätte verpassen können. 

Messi, Arnautovic, Sonnleitner

cache/images/article_2165_cb03_ahr_140.jpg Natürlich hatte Marko Arnautovic recht, als er einem Polizisten sagte oder gesagt haben soll, er kaufe sein Leben. Er könnte dessen Leben kaufen, was wiederum nichts anderes heißt, als dass er unvorstellbar viel mehr verdient. Sich aufgrund größeren Reichtums als besser oder klüger zu wähnen, ist einerseits ein fatales Missverständnis, andererseits eine Stronachsche Maxime.

Er wollte Fußball spielen

cache/images/article_2139_berger_140.jpg Vielleicht saß er an jenem heißen 3. Mai 2007 im selben U-Bahn-Zug. Ich stieg an einer Endstation der U4 aus, sah die Kette der Kontrollore am Ende des Bahnsteigs, stieg in den Zug auf der gegenüberliegenden Seite, um ein paar Stationen zurückzufahren und anders in die Hopsagasse zu gelangen. Das Autorenteam spielte gegen Schwarz-Weiß Augustin, die Mannschaft der Wiener Straßenzeitung. Ich kam zu spät, er ebenfalls, später sollte es heißen, er sei in eine Fahrscheinkontrolle geraten.

Teletext, Seite 213

cache/images/article_2120_berger_140.jpg Die schlimmste Strafe als Jugendlicher, wenn ich etwas verbrochen hatte - und ich verbrach häufig etwas -, bestand für mich darin, nicht zum Fußballtraining gehen zu dürfen. Die zweitschlimmste Strafe, die bei besonders schweren Vergehen mit der schlimmsten kombiniert wurde, bestand darin, am Wochenende nicht ins Stadion fahren zu dürfen, also nicht bei den Fans der SV Oberwart sitzen und mit ihnen jubeln und jammern zu dürfen, wobei anfangs mehr gejubelt als gejammert wurde.

Man soll bescheiden sein

cache/images/article_2075_cb_140.jpg Man soll nach dem Torjubel nicht das Trikot ausziehen. Man soll nach einem Tor nicht auf die Tribünenabsperrung klettern. Man soll das Publikum nicht provozieren, selbst wenn man Hurensohn genannt oder seiner Hautfarbe wegen beleidigt wird. Man soll den Ball nach einem Pfiff nicht ins Tor schießen. Man soll die Kugel nicht aus Wut ins Out oder Richtung Tribüne knallen.

Being Diego Maradona

cache/images/article_2055_cb03_ahr_140.jpg Maradona ist nicht mehr jung, aber auf keinen Fall alt; vor allem soll ihn niemand für alt halten, schon gar kein Jüngerer. Maradona hat einmal in einem Unterklasseverein gekickt, meist nicht sehr lang. Warum aus der Profikarriere nichts wurde, ist aus seiner Sicht noch immer unverständlich. Selbstverständlich hätte er es weit bringen können, möglicherweise bis ganz oben, sich dann aber für ein anderes Leben entschieden. Aus freien Stücken.

Der graue Anzug

cache/images/article_2034_berger_140.jpg Fußballer sind es gewohnt, dass man Platz auf ihnen kaufen kann, Flächen, auf denen die Namen der Sponsoren stehen. Mit diesen laufen sie übers Feld, steigen aus Bussen und Flugzeugen, mit ihnen stellen sie sich vor Kameras und setzen sich in Studios. Auf und mit ihnen wird für Produkte geworben, mit denen sie nicht das Geringste zu tun haben müssen, die sie selbst vielleicht nie konsumieren würden. Sie sind wandelnde Litfaßsäulen, die vergessen haben, wandelnde Litfaßsäulen zu sein.

Armer Ashley

cache/images/article_2017_berger_140.jpg Ashley Cole, erzählte mir ein Freund, sei die Grundfigur für ein beliebtes Fußballvideospiel. An ihm habe man Maß genommen, sein Körper und sein Gesicht seien der Durchschnitt, von dem aus Unterscheidungen getroffen würden. Der eine werde etwas größer, der andere etwas kleiner, die Gesichter heller oder dunkler, breiter oder schmaler dargestellt. 

Lieber Fußballgott

cache/images/article_1987_berger_140.jpg Unlängst wurde ich aufgeklärt. Der Sohn eines Freundes spielt Tischtennis, und als ich meinte, ich würde wahrscheinlich jeden Satz null zu einundzwanzig verlieren, erklärte er mir, mittlerweile gehe ein Satz bis elf. Kurz darauf fiel die nächste unumstößliche Gewissheit, als ich erfuhr, dass man im Volleyball heutzutage immer punkten könne, nicht nur, wenn man selbst gibt. Ich rieb mir die Augen. Was uns im Turnunterricht beigebracht wurde, stimmt nicht mehr.

Im Dunklen tippen

cache/images/article_1974_berger_140.jpg Liebe Freunde, steckt das Smartphone wieder ein. Die Verbindung ist ohnehin schlecht. Seht euch bloß um. Viel zu viele tappen auf ihren kleinen Bildschirmen im Dunklen. Wirklich, ihr müsst jetzt nicht auf den nächsten Einwurf, den nächsten Eckball, das nächste Foul, den nächsten Freistoß, die nächste Auswechslung, die nächste Gelbe oder Rote Karte, ihr müsst auch nicht auf over oder wie auch immer das heißt, ihr müsst nicht einmal auf das nächste Tor, den nächsten Elfmeter, die nächste Verbannung eines Trainers auf die Tribüne setzen.

Die Schiedsrichter

cache/images/article_1956_berger_140.jpg Unlängst erzählte mir ein Freund, Herr Konrad sei gestorben. Als Erstes fiel uns natürlich ein, wie Herr Konrad, der uns damals, als wir in der Knabenmannschaft auf ein halbes Feld und mittelgroße Tore spielten, schon alt vorgekommen war, bei Regen mit einem Schirm über den Platz schritt. Herr Konrad schritt, er lief nicht, und meistens verließ er auch nicht die Platzmitte, von wo aus er die beste Sicht zu haben meinte.

Grieche, unsichtbar

cache/images/article_1946_article_1923_berger_140_140.jpg In Athen lebte zur Zeit der Großen Krise ein Mann. Er war Mitte 30, sein Haupt hatte er geschoren, seinen fleischigen Körper tätowiert. Neben Ornamenten, die ihn an Ereignisse erinnern sollten oder in Momenten gestochen wurden, an die er sich nicht erinnern konnte, hatte er das Wappen seines Fußballklubs tätowiert. Mit dem Mann war nicht gut Kirschen essen. Man wollte keinen Streit mit ihm. Man wollte kein Bier mit ihm trinken. Man wollte ihn nicht länger als nötig ansehen. Der Mann aber wurde gern gesehen. Er wollte nicht unsichtbar sein.

Leistungsgedanken

cache/images/article_1923_berger_140.jpg Während sich die einen in Flaggen hüllen, Wangen und Gesichter mit Nationalfarben und Wappen bemalen, bei jedem Tor die Größe und Herrlichkeit des abgegrenzten Landstriches bejubeln, in dem sie zufällig geboren wurden, schreien die anderen vor Entsetzen über dumpfen Nationalismus, reaktionäre Staatsidentifikation und primitives Zwangsgemeinschaftsverhalten auf.

Europas Meister

cache/images/article_1904_berger_140.jpg Am 4. Juli 2004 ging ich mit Freunden zu Jorgos. Wir saßen gern in seiner leicht heruntergekommenen Taverne an der Schönbrunner Straße, die Souvlaki waren essbar, der Retsina schmeckte gut, mit dem Wirt konnte man sich angenehm unterhalten, er konnte auch ungehalten sein.

Fußballerpension für alle

cache/images/article_1864_berger_140.jpg Politiker, entnehme ich einer aktuellen Statistik, ist sowohl in der Europäischen Union als auch in Österreich der unbeliebteste Beruf. Was sich allerdings nicht deckt, ist die Silbermedaille für schief Angesehene im europäischen Durchschnitt wird sie Autoverkäufern umgehängt, in Österreich Fußballern, die in der europäischen Asshole Parade mit jenen die Plätze tauschen. Am beliebtesten sind Feuerwehrmänner.

Der Thomas Bernhard des Fußballs

cache/images/article_1825_berger_140.jpg Der einzige Held meines Lebens hieß Toni Polster, sieht man von David Hasselhoff alias Michael Knight ab, dessen Männlichkeitsbild mich tief geprägt haben dürfte. Und auch wenn ich an den Tag im Frühjahr 1992 denke, an dem Willi Blaskovits Oberwart in die Zweite Division schoss, muss ich doch mit dem Thomas Bernhard des österreichischen Fußballs beginnen, den man ebenfalls gehasst hat, bis man ihn für die Nation reklamieren konnte.
Autor/in: Clemens Berger / 1 - 38/38
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