Deutschland England

19-11-2008
Olympiastadion Berlin
Zuschauer: 74.200
Resultat: 1-2
Gerrit Starczewski | 02.12.2008
Die Fahrt mit der U-Bahn vom Berliner Alexanderplatz zum Olympiastadion kommt einem wie eine halbe Ewigkeit vor. Schnell steigt das Thermometer auf Saunatemperatur, speziell wenn der Hals nicht von einem Schal, sondern von einem Fell bedeckt wird. Ein solches trägt Thomas Doll, ehemaliger DDR- und BRD-Nationalspieler und späterer Dortmund-Coach, der ebenfalls mit der S-Bahn anreist. Er kommt mächtig ins Schwitzen, haben ihm seine Kumpels doch die Dauer der Anreise verschwiegen. »Fahren wir im Rückwärtsgang, oder habt ihr in Berlin die Mauer wieder aufgezogen?« Mir imponiert, dass er bewusst auf DFB-Karten verzichtet hat. »Da muss ich zu viele Hände schütteln.«

Mit Deutschland gegen England sollte das letzte Länderspiel des Jahres in Berlin stattfinden. Eine Begegnung, die ich mir für die Europameisterschaft gewünscht hätte bei sommerlichen Temperaturen in Basel am Rhein: das Ufer rot und weiß beflaggt; bierbäuchige Briten springen halbnackt von der Rheinbrücke und lassen ihre weißen Körper in der Sommersonne bräunen. Aber da ist ja irgendwas dazwischengekommen...

Fabio Capello lässt seine Stars Owen, Beckham und Rooney heute zuhause und bringt dafür typisches britisches Wetter mit: Regen und Sturm. Daher ist in der Stadt wohl auch keinerlei Stimmung aufgekommen. Einzig die Polizei sorgt für farbliche Akzente. Ich entschließe mich, ein 10-Euro-Ticket für den Oberrang des Gästeblocks zu erwerben. Neben mir steht eine regungslose Dame streng, mürrisch und ohne jegliches Zucken, kalt wie Queen Elizabeth. Oberhalb des Gästeblocks versammelt sich mit dem »Commando Lok Leipzig West« auch ein Teil des deutschen (Ost-)Pöbels.

Der Schwarzmarkt dient heute als Paradebeispiel für mangelnde Nachfrage. Viele schmeißen ihre Karten sogar weg. Genauso wie Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick, der nach der Partie an einem Fan (»Sammle Eintrittskarten«) vorbeiläuft, seine Bitte nach dem Ticket schmunzelnd ignoriert, das Ticket um seinen Kaugummi wickelt und es dem Sammler vor die Füße schmeißt. Nicht gerade die feine englische Art, aber bezeichnend für einen Angestellten eines New-Economy-Milliardärs.

Referenzen:

Heft: 38
Rubrik: Groundhopping
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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