Im Stadion erwarten uns alte Liebeslieder, die die Fans für den Verein ihres Herzens umgedichtet haben, ein Wechselgesang, an dem sich alle vier Tribünen beteiligen, ein Publikum, das kollektiv hüpft und sich rituell vor der Mannschaft verbeugt und ein Konfettiregen zur 61. Minute. 61 wie im Autokennzeichen von Trabzon. Passend dazu kontrolliert Trabzonspor das Spiel und geht erwartungsgemäß in Führung.
Doch am Ende kippt die Partie, und damit die Stimmung. »PKK raus!«, ruft ein Mann erbost in Richtung der Gäste aus der Kurdenregion. Der Schiedsrichter mutiert in Sprechchören zum Homosexuellen. Hinter uns schreit ein Bub im Volksschulalter einen Verteidiger an: »Bei der Haselnussernte wärst du besser aufgehoben!« Tausende skandieren den Namen von Fatih Teke, dem nach St. Petersburg abgewanderten Stürmer. Wenig später schleichen die Trabzon-Spieler mit lautstarken Unmutsbekundungen in den Ohren in die Kabinen.
Wir gehen besorgt in Richtung Auswärtsblock. Schließlich gelten die Trabzon-Fans als besonders nationalistisch, radikale kurden- und armenierfeindliche Kundgebungen waren in der Vergangenheit keine Seltenheit. Gut 150 Anhänger harren noch hinter den Transparenten der Fanklubs »Trabzonlu Gençler« und »Farozlu« aus. Sie interessieren sich vorerst nicht für die etwa 50 Diyarbakr-Fans. Stattdessen fordern sie vergeblich ihre Mannschaft und wenden sich dann dem Management zu: Die Security solle nach Hause gehen und den Fans stattdessen die Klubverantwortlichen schicken.
Wir trauen unseren Ohren nicht, als der Auswärtsblock dann doch noch ins Blickfeld der Hausherren gerät. »Trabzon, ihr seid unsere Brüder!«, hallt es von dort. »Die haben wenigstens verstanden, dass sie anders nicht lebend aus dem Stadion kommen«, murmelt ein Fan neben uns. Aber der harte Kern erwidert die Sympathiebekundungen der Gäste, es entwickeln sich gemeinsame Wechselgesänge über Trennzäune und Polizei hinweg. Die gegnerischen Fangruppen lassen gemeinsam die Farben beider Klubs hochleben. Auch das Rot und Grün von Diyarbakrspor das zugleich die kurdische Fahne ziert. Mit einem satten »Türkiye!« lässt die Trabzon-Jugend die Verbrüderung ausklingen, und es klingt so gar nicht nach der immer noch dominierenden Staatsdoktrin, laut der eine kurdische Volksgruppe nicht einmal existiert.
Das Sicherheitspersonal schickt uns zum Ausgang. Die Gesänge des Heimblocks begleiten uns hinaus: »Die Fans sind verrückt geworden. Sie gehen niemals heim!« Und: »Es gibt einen Tod, aber es gibt kein Nachhausegehen!«






15-08-09
erscheint am 12. Juli 2013.
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