»Gaviões da Fiel« »Mancha Verde« und 12 andere

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Sambódromo Anhembi, São Paulo
Zuschauer: ca. 30.000
Resultat: Platz 5

Robert Florencio | 05.03.2010
Der Karnevalsauftritt der Sambaschule des Fanklubs »Gaviões da Fiel« soll die 100-Jahr-Feier des SC Corinthians unter dem Motto »Corinthians: mein Leben, meine Geschichte, meine Liebe« einleiten. Der Auftritt ist für 2.50 Uhr angesetzt. Wir kommen knapp vor Mitternacht, als die ersten Konkurrenten schon defiliert haben. Die Schwarzmarkthändler zeigen sich verhandlungsbereit und machen uns einen Sonderpreis. Als der Auftritt von »Gaviões da Fiel« unmittelbar bevorsteht, geht ein Raunen durch die gedrängten Reihen des Sambódromo. Fahnen werden geschwenkt und Corinthians-Sprechchöre ergreifen die Tribünen. Es scheint so, als wären mindestens 20.000 der Zuschauer nur für ihren Verein gekommen. Was für den Karnevalspuristen ein Horror ist, wird für den Sportsfreund eine machtvolle Demonstration der künstlerischen Ausdrucksweise einer Fangruppe. Bevor es losgeht, heißt es noch schnell einen amerikanischen Touristen darüber aufzuklären, worum es bei der folgenden Darbietung gehen wird. Den erhofften Blick auf freiliegende Vaginas und wackelnde Hinterteile kann er sich abschminken.


Um 3.15 Uhr geht es endlich los. Fast 3.200 Tänzer, Musiker, Sänger, Fanklubmitglieder sowie aktive und ehemalige Spieler machen sich daran, die wichtigsten Details der Vereingeschichte zu erzählen. Zur Illustration dienen mehrere überdimensionale, allegorische Wägen. Gleich die erste Figur hat es in sich: nebem einem riesigen Greifvogel winken aktuelle Spieler wie Dentinho, Torwart Felipe sowie Trainer Menezes. Es folgen bunt kostümierte Tanzgruppen, die mit »Youll never walk alone«-Schildern auf den schmerzvollen Abstieg 2008 anspielen. Weitere Szenen zeigen die Geburtsstunde des Vereins 1910, heißblütige Fans sowie die Phase der »Corinthianischen Demokratie« Anfang der 80er Jahre. Der damalige Hauptprotagonist Sócrates brüllt nachher enthusiasmiert in die Mikrofone der TV-Sender: »Hier müssen wir keine Tore schießen, um zu siegen. Das erledigen unsere Stimmen und unser Samba.« Große Spannung dann beim letzten Wagen: defiliert er oder nicht? Und tatsächlich: Superstar Ronaldo ziert den Wagen als lächelnde Gallionsfigur. Kurz davor hatte er noch für einige Schweißperlen bei den Verantwortlichen gesorgt, weil er seinen Hochstand zwecks Erledigung der Notdurft mit Hilfe eines Gabelstaplers verlassen musste.


Nach genau 65 Minuten und damit gerade noch innerhalb des Zeitlimits geht das Spektakel unter dem frenetischen Jubel der Zuschauer und einem Feuerwerks zu Ende. Der Großteil der anwesenden Besucher verlässt zufrieden und friedlich das Sambódromo und verzichtet auf die weiteren Darbietungen, die sich noch bis 7 Uhr früh ziehen.


Am Faschingsdienstag folgt die große Ernüchterung: die Erzrivalen von der »Mancha Verde« wurden im Endklassement von den Wettkampfrichtern einen Rang vor den »Gaviões« gereiht, was für große Empörung bei den Verantwortlichen und den paar tausend anwesenden Fans sorgt. Sessel werden umgeschmissen, Straßenzüge blockiert und auch kleinere Scharmützel mit den Fans von Palmeiras bleiben nicht aus.

Referenzen:

Heft: 50
Rubrik: Groundhopping
ballesterer # 120

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