Millwall FC Leeds United

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New Den
Zuschauer: 16.724
Resultat: 3-2
Clemens Zavarsky | 17.05.2011
»Silly Fuckers!« Das ist die mit Abstand höflichste Begrüßung, die wir zu hören bekommen, als Teile des Heimpublikums unsere Herkunft feststellen. Millwall, Südost-London. Immer eine Reise wert. Steigt man noch am Schicki-Micki-Oxford-Circus in Bus 453 Richtung Deptford ein, weiß man spätestens beim Umsteigen am Bricklayers Arm, dass man das noble London verlassen hat. Straßennamen wie Manilla Road, Cuba Street und Tobago Street weisen darauf hin, dass hier die Docklands beginnen. Und gerade gegen Leeds United sind zahlreiche Seebären unterwegs. »Harr« denke ich, »so muss es in Tortuga ausgesehen haben.«


Und es sollte ein schockierender Tag werden. Nicht, weil der New Den mit fast 17.000 Besuchern voll gefüllt ist und etwas Aggressives in der Luft liegt. Nicht, weil wahrscheinlich die gesamte berittene Polizei Londons in Bermondsey aufmarschiert. Und auch nicht, weil der Millwall-Anhang einen pietätlosen Auftritt hinlegt: In Galatasaray-Trikots und mit Türkei-Fahnen erinnern sie an die beiden ermordeten Leeds-Fans beim UEFA-Cup-Halbfinale 2000 in Istanbul. »No one likes us, we dont care« und sie tun auch wirklich alles dafür. Sondern weil Gerri, unser österreichischer Millwall-Guide, auf dem Fahrrad mit rosarotem Helm zum Stadion kommt. Harr, so was hätte es in Tortuga nicht gegeben. Möchte man meinen.


Nachdem wir uns mit Kinderkarten Eintritt ins Stadion verschafft haben, trauen wir unseren Augen nicht. Rosarot ist der letzte Schrei bei den hartgesottenen und als homophob bekannten Bermondsey Boys. Fred-Perry-Shirts, Lacoste-Polos und Ben-Sherman-Westen alles in Rosarot! So mangelt es an Glaubwürdigkeit, wenn wütende Millwall-Anhänger in Pink Leeds-Stürmer Luciano Becchio als »Fucking Hippie« ­bezeichnen.


Millwall führt rasch 2:0, was Leeds-Goalie Kasper Schmeichel mehr wurmt als der Bierflaschenhagel, dem er in der zweiten Halbzeit vor dem Heimsektor ausgesetzt ist. Seelenruhig sammelt er das Leergut ein und überreicht es dem Schiedsrichter. Ganz der Papa eben.


Nach dem 3:2-Sieg zeigt sich der Bezirk in all seiner Pracht. Am Weg in ein nahe gelegenes Pub passieren wir Wohnhäuser mit ausgebrannten Appartements, Überreste eines Flohmarkts stapeln sich haufenweise auf der Straße. Am Ziel angekommen und einige Stouts später erklärt uns ein Veteran der sieben Meere die Grundbegriffe des Rassistenenglisch: Der wenig schmeichelhafte Ausdruck »Coconut« für Schwarze spiegle demnach den britischen Humor wider. Wenn man Schwarze verprügle, hätten sie einfach einen so harten Schädel. Eben wie eine Kokosnuss. Das war uns dann selbst nach einigen Ales und Stouts zu viel.

Referenzen:

Heft: 62
Rubrik: Groundhopping
ballesterer # 121

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