Polonia Warszawa Legia Warszawa

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General-Kazimierz-Sosnkowski-Stadion
Zuschauer: 6.000
Resultat: 2-1
Radoslaw Zak | 13.10.2011
Warschauer Nächte sind lang. In der Tat sind wir an diesem Sonntagmittag von tagelangen Festlichkeiten gezeichnet. Mich plagen kurz nach dem Aufstehen apokalyptische Visionen aus dem Jenseits. Bis zum Derby ist es nicht mehr lang, zur Stärkung trinke ich Mineralwasser. Noch mehr Turbo-Cola wäre in dieser prekären Lage fatal.

Auf dem Weg zum Stadion deutet nichts auf das Stadtduell hin. In der Straßenbahn ist kein einziger »Kibic« auszumachen, auf der Straße genießen die Passanten die wahrscheinlich letzten Sonnenstrahlen des Jahres. Nur wenige Polizisten patrouillieren vor dem 1928 erbauten Stadion. Sie erwartet ein ruhiger Abend, denn die Legia-Fans boykottieren das Spiel, weil sie mit dem geringen Kartenkontingent unzufrieden sind. Die Stadionmauern zieren Graffitis, die an den Warschauer Aufstand gegen die Nazis erinnern. Schon beim Rundgang durch die Stadt fällt auf, dass an fast jedem Winkel Gedenktafeln montiert sind, die an die Gräueltaten der deutschen Besatzer erinnern.

Die Zuschauer auf der Haupttribüne machen nicht den Eindruck, sonderlich an Geschichte interessiert zu sein. Dort sitzen Möchtegernkünstler, Intellektuelle und sonstige Bobos zusammen, die lautstark sinnlose Kommentare zum Spielgeschehen abgeben. Ihnen fehlen nur noch die Stoffsackerl, und man könnte glauben, das Wiener Museumsquartier habe eine Filiale in Warschau eröffnet.

Anders das Geschehen auf der Gegengeraden. Unermüdliche Anfeuerungen lassen Polonia ein 0:1 in ein 2:1 verwandeln. Schmähgesänge gegen den verhassten Rivalen sind jedoch nur vereinzelt zu hören. Den Polonia­Ultras reicht wohl ihre Botschaft »Nur eine Macht in dieser Stadt? Wo seid ihr dann?«, die sie im leeren Gästeblock angebracht haben, und ein Transparent mit der Aufschrift »Polonia ist die Geschichte und der Stolz der Hauptstadt. Euch gäbe es ohne die Kommunisten nicht«. Mit der überraschenden Erkenntnis, dass Bobos langsam den polnischen Fußball unterwandern, begeben wir uns zurück in die Altstadt, vorbei an Menschen, die sich für den nächsten Tag zum Mittagessen verabreden. Oder zum »Lunch«, wie es auf Neupolnisch heißt.

Referenzen:

Heft: 66
Rubrik: Groundhopping
ballesterer # 121

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