USC Corte Le Pontet

Parc des Sports de Chabrières
23-08-2008
Zuschauer: 40 (30 Autos)
Ergebnis: 1-1
Stefan Kraft | 03.10.2008
Ich bin zum ersten Mal bei einem Drive-in-Fußballspiel. Und beinahe wäre ich zu spät gekommen. Der 100-jährige USC Corte spielt heute nämlich nicht in seinem Stadion, dem
weder Tribünen noch Naturrasen fehlen, sondern auf dem Trainingsgelände in der Industriegstätten vor der Stadt. Bis zum Schluss hielten die korsischen Banditen dicht: Kein
Anschlag an der Stadionmauer hatte den neuen Austragungsort verraten und mögliche Auskunftspersonen flüchteten in die engen Gassen der Altstadt, wo ich ihnen mit meinem
Auto nicht folgen konnte. Da blieb nur ein letztes Mittel: Volltanken.

Vor der Kassa der Tankstelle wedelte ich mit meiner Visa-Karte und verlangte lautstark Auskunft über den Verbleib des lokalen Fünftligisten. Die Kassiererin presste die Zähne fest zusammen, doch ihre Gier nach dem Lösegeld siegte über ihren Nationalstolz, und unter Tränen gestand sie mir den Anfahrtsweg.

Nun stehe ich bei 38 Grad Hitze am Rande von nirgendwo, und eine dickliche Dame beugt sich in das Wageninnere, um weitere acht Euro einzufordern. Rund um den Zaun des Trainingsplatzes sind bereits zahlreiche Autos postiert, die meisten hinter einem der Tore in der Fankurve. Während ich diesen köstlichen Wortwitz in Gedanken formuliere, umrunde ich das Stadion und parke mich bei der Mittellinie ein.

Noch kann ich es nicht ganz fassen, doch tatsächlich verfolgen die meisten der Anwesenden das Spielgeschehen vom Auto aus. Wird das Match unterbrochen, schalten sie die Motoren und Klimaanlagen ein, für Schatten ist ebenso gesorgt wie für musikalische Untermalung und niemand der Anwesenden muss darum fürchten, die entscheidende Szene in der Nachspielzeit zu verpassen, weil er schon vorher zu seinem Auto gegangen ist.

Diese Szene kommt tatsächlich. Nach 91 Minuten Havarie am Rasen gelingt dem USC Corte der Ausgleich. Jetzt tobt die Kurve: Hupen dröhnen, Motoren heulen, Beifahrer fallen sich in die Arme. Ich nutze die Ausgelassenheit zu einem geschickten Manöver, bewege mich untertourig und lautlos auf die Ausfahrt zu und betrachte vergnügt im Innenspiegel den einsetzenden Stau.

Referenzen:

Heft: 36
ballesterer # 120

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