Reicher als reich

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Die Gedankenspiele zu einer Superliga zeigen, wie selbstverständlich die Vormachtstellung der stärksten Klubs bereits ist. Und sie zeigen, dass ihnen das noch immer nicht reicht.


Nicole Selmer | 05.04.2016

Es war knapp: Erst in der 91. Minute konnte sich der FC Bayern im Achtelfinale der Champions League gegen Juventus in die Verlängerung retten und schließlich noch 4:2 gewinnen. Die Turiner beklagten ein aberkanntes Tor in der ersten Halbzeit, der Ärger von Karl-Heinz Rummenigge setzte deutlich früher an – nämlich bei der Zumutung, überhaupt schon auf einen Gegner vom Format des Vorjahresfinalisten zu treffen. Eine Setzliste, so der Bayern-Vorstand, solle so etwas künftig verhindern.

 

Vielleicht ist Rummenigge einfach entfallen, dass es bereits einige solcher Maßnahmen gibt: So konnte Bayern als Gruppenerster im Achtelfinale nur auf Gruppenzweite treffen, Klubs aus den Topligen steigen erst in späteren Runden in die Play-offs ein, und Topteams sind in der Gruppenphase gesetzt. Das alles allerdings kann nicht verhindern, dass auch sportliche und finanzielle Schwergewichte wie der FC Bayern einmal ein Spiel verlieren, mitunter auch vor dem Finale. Diese Gefahr – die Grundidee des sportlichen Wettbewerbs – möchte Rummenigge minimieren. Oder noch besser gleich eliminieren.

 

Er ist mit diesem Wunsch nicht allein. Anfang März trafen sich laut Bericht des Boulevardblatts The Sun Vertreter von fünf englischen Spitzenklubs, um sich über die Gründung eines Konkurrenzbewerbs zur Champions League zu beraten. Für letztere wären derzeit nur zwei dieser fünf Klubs, nämlich Arsenal und Manchester City, überhaupt qualifiziert. Eine neue Europaliga käme ohne sportliche Hürden aus, das Teilnehmerfeld wäre fix – und die jährlichen Millionenerlöse damit auch einkalkulierbar. Ein ähnliches Szenario hatte Rummenigge, der auch Vorsitzender der Klubvertretung ECA ist, im Jänner skizziert. Es sei an der Zeit, das Bewerbssystem an die Herausforderungen der Globalisierung anzupassen. Mit anderen Worten: Der Markt kann für den FC Bayern und seine schwerreichen Verbündeten gar nicht groß genug sein, kleinere Konkurrenten aus Liga und Champions League sind schlecht fürs Geschäft.

 

Diese Gedankenspiele zeigen, wie selbstverständlich die Vormachtstellung der großen Ligen und ihrer stärksten Klubs bereits ist, und sie zeigen, dass ihnen das noch immer nicht reicht. Vermutlich werden die Pläne einer geschlossenen Liga, in der die reichsten Vereine jahrein jahraus untereinander spielen, so schnell nicht umgesetzt. Doch es ist ein Bluff, den Bayern, Real & Co. noch einige Zeit nutzen können, um Reformen der Champions League durchzusetzen. Ihr größter Trumpf ist dabei die Drohung der kompletten Abschottung: Eine Europaliga könnte schließlich auch privat, also außerhalb der UEFA-Strukturen, organisiert werden.

 

Mit dieser Drohung bringen sich die Großklubs in eine günstige Verhandlungsposition, bevor zur Saison 2017/18 die Rahmenbedingungen der europäischen Bewerbe neu ausverhandelt werden. Die UEFA, die dabei mit am Pokertisch sitzt, ist so schwach wie selten zuvor. Sie hat ihre Führungsriege ebenso verloren wie den moralischen Anspruch darauf, im besten Interesse des Fußballs zu handeln. Für die mächtigsten Vereine des Kontinents könnte der Zeitpunkt nicht günstiger sein, um noch mächtiger zu werden.

Referenzen:

Heft: 111
Rubrik: Anstoß
ballesterer # 121

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