Panik und Party

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Präsident Francois Hollande sieht sein Land im Krieg. Ausgerechnet jetzt soll Platz für ein riesiges Freizeitevent sein?

Jakob Rosenberg | 10.05.2016

Was haben Südafrika, die Ukraine, Brasilien und Frankreich gemeinsam? Es handelt sich nicht nur um die Austragungsländer der letzten Welt- und Europameisterschaften, sondern offenbar um Orte zum Fürchten. Zumindest wenn man den Reisewarnungen in vielen Medien glaubt. Die Gründe zur Sorge sind freilich sehr unterschiedlich: 2010 war es die Kriminalität, 2012 die Inhaftierung der Oppositionspolitikerin Julija Tymoschenko, 2014 die sozialen Proteste im Land und bei der kommenden Europameisterschaft ist es die Terrorgefahr.

 

Eigentlich ist es ja etwas Positives, wenn sich Medien im Vorfeld eines Großturniers mit den politischen Rahmenbedingungen, der sozialen Lage der Bevölkerung und anderen gesellschaftlichen Herausforderungen auseinandersetzen. Wäre da nicht dieser eigenartige Reflex – denn all diese Themen werden meist nicht unter dem Gesichtspunkt der tatsächlich Betroffenen diskutiert, vielmehr wird eine Betroffenheit für die anreisenden Touristen hergestellt. So vielfältig die Probleme in den jeweiligen Ländern sein mögen, das Fazit lautet: Dort seid ihr nicht sicher, fahrt nicht hin!

 

Hat sich das Sicherheitsproblem zur Beschreibung eines Veranstalterlandes einmal durchgesetzt, wird es schnell als einzige Erklärung jeglichen Phänomens herangezogen. Im aktuellen Fall gelten EM-Tickets, die auf eBay und ähnlichen Plattformen gehandelt werden, als Beleg dafür, dass Fans aus Angst vor Terroranschlägen auf ihre Frankreich-Reise verzichten. Dabei ist das nur eine von vielen möglichen Erklärungen. Eine andere wäre, dass sich die Verkäufer vor Monaten einfach auf gut Glück um eine Karte beworben haben, rund um den Spieltag nun aber doch arbeiten müssen. Oder dass aus dem geplanten Ausflug im Freundeskreis nichts wird, weil die Ticketlotterie der UEFA bei den einen zwar Karten für ein Spiel in Bordeaux ausgespuckt hat, bei den anderen aber nur Tickets in Lyon und so aus der gemeinsamen Reise nichts wird. Und dann soll es ja auch noch die Leute geben, die sich Karten kaufen, weil sie sich vom Weiterverkauf einen Gewinn erhoffen.

 

Dominierte die Sicherheitsdebatte auch bei vorherigen Großereignissen vor Turnierbeginn die Berichterstattung, trat sie mit Anpfiff zuverlässig in den Hintergrund – dann ging es um vergebene Chancen, erzielte Tore und Feierlaune in den Fanzonen. Vermutlich wird das auch in Frankreich der Fall sein. Das Umschalten von Panik auf Party ist im Fall der EM besonders brisant, denn es bildet den Spagat ab, den der französische Staat vollzieht. Präsident Francois Hollande sieht sein Land im Krieg, seit November gilt der Ausnahmezustand, der die Aufhebung von Verfassungsrechten erlaubt. Und ausgerechnet in dieser brenzligen Situation soll Platz für ein riesiges Freizeitevent sein?

 

Doch die Regierung ging noch einen Schritt weiter. Sie begründete im April die Verlängerung des Ausnahmezustands sogar mit der nahenden EM. Diese Erklärung führt nicht nur das Turnier als friedliches Fußballfest ad absurdum, streng genommen hebelt sie den Ausnahmezustand selbst aus. Denn dieses Instrument ist dazu gedacht, eine existenzielle Bedrohung des Staats abzuwehren, nicht um ein Sportereignis gut über die Bühne zu bringen.

Referenzen:

Heft: 112
Rubrik: Anstoß
Thema: EM 2016
ballesterer # 121

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