Die Welt als Kabine

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„Die Harvard-Fußballer bestehen darauf, dass ihr sexistisches Verhalten nichts über ihre Einstellung zu Frauen aussagt – als wäre die Kabine ein isolierter Raum.“

Nicole Selmer | 15.11.2016

Im Männerfußballteam der amerikanischen Eliteuniversität Harvard kursierte ein sogenannter Scoutingreport über Neuzugänge im Frauenfußballteam der Uni. Das 2012 an alle Mannschaftsmitglieder in einer öffentlichen Mailingliste verschickte Dokument enthielt Fotos der Frauen aus ihren Facebook-Profilen, Einschätzungen ihrer sexuellen Vorlieben („Yeah, sie will Schwänze“) und Bewertungen ihrer Attraktivität („Ich habe ihr einen Dreier gegeben, weil ich Mitleid hatte“). Die Studentenzeitung The Harvard Crimson machte das Dokument im Oktober öffentlich. Wie etwas später bekannt wurde, war der Scoutingreport keine einmalige Sache, sondern wurde bis in die aktuelle Saison fortgeführt, er erfreute sich offenbar einiger Beliebtheit. Die Universitätsleitung hat das – sportlich sehr erfolgreiche – Männerteam daraufhin aus dem Wettbewerb genommen.

Locker room talk, also Kabinengespräch – das ist das Stichwort, das bei sexistischen Unterhaltungen zwischen Männern, seien es Studenten oder Präsidenten, fast automatisch fällt. Der Sport und speziell der Männersport Fußball gilt als besonders offen dafür. Die Kabine erscheint als eine Art Überbleibsel einer ansonsten längst überwunden geglaubten Epoche der Ungleichheit oder – in einer etwas anderen Sichtweise – eben auch als Raum, in dem freier gesprochen und gehandelt werden kann als in der übrigen Gesellschaft, wo Sexismus umgehend kritisiert werden würde.

Die Harvard-Fußballer haben sich nach dem Ausschluss ihres Teams für ihr Verhalten entschuldigt und führen ein ähnliches Argument ins Feld: Das E-Mail spiegle nicht ihre Sicht auf die Fußballerinnen von Harvard oder Frauen insgesamt wider. Sie geloben Besserung und wollen in Zukunft in der Diskussion um Sexismus im Sport eine führende Rolle einnehmen. Das klingt fast so, als läge zwischen sexistischem Handeln und antisexistischem Engagement nur ein Wimpernschlag. Die Fußballer räumen in ihrer Stellungnahme ein, Fehler gemacht und sich unentschuldbar verhalten zu haben. Dennoch bestehen sie darauf, dass ihr sexistisches Verhalten nichts über ihre Einstellung zu Frauen aussagt – so als wäre die Kabine ein vom Rest der Welt isolierter Raum.

Deutlich mehr über Sexismus, seine Wirkung und Funktionsweise sagt das Statement der Harvard-Fußballerinnen, das im Unterschied zu dem der Männer namentlich unterzeichnet ist. Ihre erste Reaktion auf das Dokument sei Abwehr gewesen. Sie hätten sich nicht damit beschäftigen wollen und so getan, als würde es keine Rolle spielen, als wäre so etwas normal. Doch das ist es nicht. Die Frauen beschreiben die verletzende Kraft der Diskriminierung, das Gefühl der Entsolidarisierung, das umso stärker sei, weil sie ein gemeinsames Team und über Jahre hinweg eng befreundet gewesen seien: „Unsere Verzweiflung ist so groß, weil Männer, die unsere Verbündeten sein sollten, uns so erniedrigt haben.“ Locker room talk, schreiben sie, sei keine Entschuldigung, denn es gehe nicht nur um Sportmannschaften: „Die ganze Welt ist diese Umkleidekabine.“ 

Referenzen:

Heft: 117
Rubrik: Anstoß
Thema: Sexismus
ballesterer # 120

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