Die Traumverkäufer

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„Entscheidungsspiele sollen die Attraktivität und Dramatik erhöhen – und zementieren den Trend zum Eventfußball ein. Aber dafür braucht es auch ein Event.“

Jakob Rosenberg | 12.12.2016

„Euer Problem ist das Schifahren.“ Pieter Nieuwenhuis macht den Punkt immer wieder, um die relativ geringen Zuschauerzahlen im österreichischen Fußball zu erklären. Seine Firma Hypercube wurde von der Bundesliga beauftragt, neue Ligamodelle zu erarbeiten. Kulturelle Eigenheiten wie die Konkurrenz des Wintersports und qualitative Inputs verschiedener Expertengruppen sollen eingerechnet werden, im Grunde geht es aber um Zahlen. Die hauseigene Datenbank wird mit möglichst vielen Informationen gefüttert, Ligavarianten erstellt und alles zigmal durchgerechnet – am Ende soll das perfekte Modell stehen.

 

Die Firma hat in den letzten Jahren so ziemlich jede größere Ligareform in Europa mitgestaltet. Es ist zunächst einmal beachtlich, dass sich die Bundesliga glaubhaft um einen professionellen Weg zur Ligareform unter Einbindung vieler Beteiligter bemüht hat. Doch die statistischen Modelle sind auch problematisch. Wie gut lassen sich qualitative Daten tatsächlich in Zahlen übersetzen? Die Hypercube-Modelle haben sich der Spannung verschrieben und setzen auf Entscheidungsspiele, die Attraktivität und Dramatik erhöhen sollen. Letztlich zementieren sie den Trend zum Eventfußball ein. Aber dafür braucht es auch ein Event.

 

Ab 2018/19 spielen zwölf Mannschaften in der höchsten Spielklasse – zumindest für einen Grunddurchgang mit Hin- und Rückrunde. Dann wird das Feld geteilt, die oberen sechs spielen wieder in Hin- und Rückrunde um den Meistertitel, die unteren sechs gegen den Abstieg. Es ist eine Reform für die großen Vereine, sie haben in der zweiten Saisonhälfte ausschließlich Spitzenspiele. Die Punkteteilung nach dem Grunddurchgang soll die Spannung erhöhen, die Spiele sollten sich optimal vermarkten lassen.

 

Damit es für die untere Hälfte nicht allzu trist wird, gibt es neben dem Abstiegskampf noch ein Zuckerl – der Gewinner darf sich Hoffnungen auf einen Europacupstartplatz machen. Dazu müsste er aber zunächst den Viertplatzierten, dann den Drittplatzierten der oberen Hälfte in einem Hin- und Rückspiel schlagen. Die Chancen auf eine Überraschung sind also denkbar gering. „Es geht im Fußball doch gar nicht darum, wie hoch die Chancen wirklich sind, sondern darum, dass ich davon träumen kann zu gewinnen“, sagte Nieuwenhuis dazu bei einem Journalistentermin mit Hypercube.

 

Dass sich der Traum von Europa tatsächlich verkaufen lässt, darf bezweifelt werden. Es werden nicht plötzlich Massen zu einem Spiel der unteren Tabellenhälfte ins Stadion kommen, um dem Kampf um eine theoretische Chance auf einen internationalen Startplatz beizuwohnen. Zudem haben derzeit ohnehin nur vier Vereine den Anspruch, in Europa zu spielen. Gerät die Qualifikation in Gefahr, ist das nicht der wahrgewordene Traum von langersehnter Spannung, sondern der Alptraum einer handfesten sportlichen Krise. Gleichzeitig werden die vermeintlichen Spitzenspiele der Meistergruppe ihren Eventcharakter einbüßen, sollten einer oder gar zwei der großen Klubs in der unteren Hälfte landen. Eine Ligareform kann diesen strukturellen Mangel an zugkräftigen Klubs nicht beheben, das müssen die Vereine schon selbst tun – ob Marcel Hirscher gerade gewinnt oder nicht.

Referenzen:

Heft: 118
Rubrik: Anstoß
Thema: Bundesliga
ballesterer # 121

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