Taktische Mängel

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„Wozu in eine Spielklasse aufsteigen, die hohe Anforderungen stellt und im Gegenzug nicht ausreichend Einnahmen garantiert, wenn alles ein Jahr später viel einfacher geht?“

Jakob Rosenberg | 15.03.2017

Die Situation war an Absurdität kaum zu überbieten. Am 3. März beantragte die Vienna am Handelsgericht Wien ein Insolvenzverfahren, am Tag darauf schlug sie den SC Ritzing auswärts 5:0. Der zahlungsunfähige Fixabsteiger deklassierte den ambitionierten Tabellenführer. Für die Vienna-Fans war das Spiel sicher ein willkommenes Erfolgserlebnis nach dem wochenlangen Zittern um den Fortbestand ihres Klubs, für alle anderen eher ein weiterer Beleg dafür, dass die Regionalliga Ost sportlich und wirtschaftlich in einem katastrophalen Zustand ist.

 

Für diesen Befund reicht ein Blick auf den Start dieser Regionalligasaison: Weil die Landesligameister aus Wien und dem Burgenland aus Kostengründen nicht aufsteigen wollten, musste die Liga auf 15 Teilnehmer reduziert werden. Oder ein Blick auf die Zuschauerstatistik, die nach 16 Spieltagen einen Schnitt von 479 ausweist – obwohl mit dem Wiener Sportklub und der Vienna die zuschauerstärksten Vereine aller Regionalligen im Osten spielen. Den SC Ritzing wollten im Schnitt überhaupt nur 236 Zuschauer sehen.

 

Dabei handelt es sich bei den Burgenländern um den einzigen Ostligaklub mit Aufstiegsambitionen. Das verbindet ihn mit dem TSV Hartberg aus der Regionalliga Mitte und trennt ihn von den restlichen 45 Regionalligisten. Denn glaubt man Medienberichten, wird am 15. März – und damit nach Redaktionsschluss − kein anderer Klub um eine Zweitligalizenz für die Saison 2017/18 angesucht haben. Christian Haas, Manager des Westligatabellenführers Grödig, sagte gegenüber Salzburg24: „Die derzeitige Form der Ersten Liga ist unattraktiv.“ Damit spielt er auf die kostspieligen Lizenzauflagen der Bundesliga an, die sowohl einen Profikader als auch eine TV-taugliche Infrastruktur verlangen.

 

Die Analyse hat etwas für sich, das Kalkül auch: Wozu in eine Spielklasse aufsteigen, die hohe Anforderungen stellt und im Gegenzug nicht ausreichend Einnahmen garantiert, wenn alles ein Jahr später viel einfacher geht? Denn 2018/19 tritt die Ligareform in Kraft. Für die zweite Liga werden dann nur noch massiv aufgeweichte Lizenzkriterien zu erfüllen sein, dank der Aufstockung auf 16 Klubs steigen mindestens acht Regionalligisten auf.

 

Doch das Taktieren kann auch ganz schön schiefgehen. Denn so jeder halbwegs ehrgeizige Regionalligist wird nächste Saison denselben Gedanken haben und auf den Aufstieg spekulieren. Die Konkurrenz wird durch die Amateurteams der Bundesligisten weiter verschärft werden. Sie spielen nicht nur um den Aufstieg, sondern gewissermaßen ligaübergreifend gegen die anderen Amateure – schließlich dürfen auch nach dem neuen Ligaformat nur drei Zweitmannschaften aufsteigen. In den darauffolgenden Jahren wird es wohl leichter sein, den Zweitligaplatz zu verteidigen als ihn zu erobern.

 

Abgesehen von der Gefahr, dass im nächsten Jahr vielleicht doch nicht alles einfacher wird, birgt das Taktieren ein noch viel größeres Risiko. Es kann die Glaubwürdigkeit der Regionalligen untergraben. Wenn die Vereine den sportlichen Wettbewerb nicht ernsthaft gewinnen wollen, warum sollten sich die Zuschauer dafür interessieren?

Referenzen:

Heft: 120
ballesterer # 120

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