Stadionsperren haben in Kampanien lange Tradition. Was zu Saisonbeginn der Serie A dem SSC Neapel widerfahren ist, war dem römischen Senat bereits 59 n. Chr. als Sanktion recht. Damals eruptierten in Pompeji, wie von dem Sportberichterstatter Tacitus festgehalten, bei einem Gladiatorenschauspiel blutige Zuschauerkrawalle. Die Auswärtsfans der Veteranenkolonie Nuceria waren mit den Pompeijanern aneinandergeraten. Aus kleinstädtischem Mutwillen oppidana lascivia. Die verhängte Strafe: eine zehnjährige Stadionsperre, Auflösung der beteiligten Vereine und die Verbannung für den Nuceria-Capo Livincius.
Genützt hat es wenig. In Pompeji wurde die Sperre nach drei Jahren wieder aufgehoben, und die heute in der Serie D spielende AG Nocerina verfügt fast 2.000 Jahre später nach wie vor über ein Kontingent an Ultras. Selbst dem kleinstädtischen Mutwillen geht es im Italien von heute prächtig. Auch 138 Jahre nach der Einigung des Landes wird der »Campanilismo« die
»Liebe zum eigenen Kirchturm« mit Leidenschaft gepflegt. Und die Verachtung für den Kirchturm im nächsten Dorf. Davon lesen wir nicht nur in Birgit Schönaus Buch »Calcio«, sondern auch in Jacob Burckhardts »Die Kultur der Renaissance in Italien«. Die Fehden der zahlreichen Stadtrepubliken leben weiter.
»Nichts ist Fußball in Italien weniger als ein Sport«, schreibt Schönau. Dazu passt auch das nonkonformistische, nach herkömmlichen Maßstäben vielleicht als autoaggressiv einzustufende Verhalten der Tifosi. Strafen für den Verein nehmen sie in Kauf, als ginge es sie nichts an. Sie haben in sich selbst den Verein erkannt, der nur durch sie weiterhin über allem steht. Besonders über dem eigenen Präsidenten oder marodierenden Spielern. Sie pflegen so einen kleinstädtischen Mutwillen, der dem anachronistisch erscheint, der an die Begrenzung des Spielfelds glaubt.






erscheint am 12. Juli 2013.
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