Ruhestörung

Heute laufen wir Gefahr, den Einzelnen nicht mehr zu hören. Der Mensch ist bedroht von Gleichmacherei. Eine Gruppe elitärer Despoten will uns Freiheit und Meinung, also unsere Identität, rauben. Was nach Kalter-Krieg-Propaganda klingt, ist eine zugegebenermaßen
polemische Kurzzusammenfassung von Philipp Kösters Ultrà-Essay in 11FREUNDE.
Jakob Rosenberg | 04.02.2009
Ultras werden als vereinheitlichender Mob mit totalitären Tendenzen porträtiert. Demgegenüber konstruiert Köster den Idealtyp der schönen, alten Stadionidylle, wo die Kreativität des Einzelnen zählte: Reflektierte Fans kürten aus der freien Konkurrenz
des Sprüchemarkts jedes Mal aufs Neue den jeweils Besten zu ihrem Vorbild.

Diskussionswürdige Beobachtungen verwandelt Köster zur Provokation in eine Parodie. Höhepunkt ist die Verklärung historischer Stadionsituationen in seine Liberalismusutopie
der aufgeklärten Einzelnen. Schade, weil der widersprüchlichen Ultrà- Szene konstruktive Reflexion sicher guttun würde.

So arbeitet etwa auch der Kampf gegen den »Modernen Fußball« mit historischen Verklärungen und Berufungen auf mythologisierte Traditionen und archaische Hierarchien. Gleichzeitig macht er aber immer noch auf Themen wie ausschweifende Kommerzialisierung und staatliche Repression aufmerksam, die in anderen Teilen des Stadions und der Gesellschaft unkritisch hingenommen werden.

Das Aufbegehren der Ultras geht dabei in eine urdemokratische Forderung über, nämlich der nach Mitbestimmung über die unmittelbaren Lebenszusammenhänge. Darum bleibt zu hoffen, dass die Jugendkultur der Ultras weiterhin genug Lärm macht und den befriedenden Ruf nach Ruhe übertönt.

Referenzen:

Heft: 39
Rubrik: Kommentare
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

Abo bestellen

Newsletter


RSS Feed abonnieren

Leserbrief

an den ballesterer