Alles gesagt

cache/images/article_1957_jr_140.jpg Es gibt Themen, über die der ballesterer keine weiteren Leitartikel schreiben sollte, Homosexualität im Fußball gehört dazu. Wäre da nicht die jüngste Aufregung in Deutschland.
Jakob Rosenberg | 11.10.2012

Die aktuelle Diskussion hat erneut vorgeführt, wie man sich dem Thema immer wieder von der falschen Seite nähern kann. Am Beginn der Debatte steht ein Interview im fluter, dem Jugendmagazin der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung. Darin spricht ein anonymer Bundesliga-Profi über seine Homosexualität und die Unmöglichkeit, sich zu outen. Das Interview schlägt hohe Wellen. Zeitungen im In- und Ausland fragen nach der Identität des Spielers und die wichtigsten Repräsentanten aus Politik, Kanzlerin Angela Merkel, und Sport, FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, melden sich zu Wort. Ein geouteter Spieler hätte im toleranten Deutschland nichts zu befürchten und würde jegliche Unterstützung der Institutionen genießen, sagen sie. Dass das fluter-Interview voller Widersprüche und Klischees ist, erwähnen sie nicht. Das thematisiert dafür 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster. Das Interview sehe aus wie ein Fake, schreibt er in zwei Onlinekommentaren und macht so aus der Debatte über Homosexualität im Fußball eine über journalistische Standards. So richtig seine Medienkritik ist, so falsch ist das Ziel seiner Intervention. Denn die Sensationslust nach dem Outing - ob real oder erfunden - ist groß. So groß, dass sie die Debatte über Fußball und Homosexualität auf ein Problem reduziert und so alle weiteren Entwicklungen überdeckt.


Der ballesterer war vor sechs Jahren eines der ersten Medien, die dem Thema breiten Raum gewidmet haben. Unser damaliger Schwerpunkt ist ganz ohne Outing oder sonstige Skandale ausgekommen, ebenso wie die weitere Berichterstattung etwa vom diesjährigen schwul-lesbischen Sportturnier »EuroGames« in Ausgabe 74. Denn es gibt viel zu berichten über Fußball und Homosexualität. Was noch vor wenigen Jahren als großes Tabuthema galt, ist heute ein Feld lebhafter Auseinandersetzungen, aber auch gelebter Realität. Homosexueller Fußballalltag findet statt, es gibt eine ganze Reihe schwul-lesbischer Fanklubs, Sportturniere wie die »EuroGames« und zuletzt die »FußBALLade« in Wien. Aber so tolerant das Klima auch sein mag, das gesellschaftliche Angebot, sich zu outen, wirkt bald wie eine Forderung nach dem Motto »Wir haben so viel für euch getan, outet euch doch endlich«. Doch Antidiskriminierung ist keine Dienstleistung.


Medien und Personen des öffentlichen Lebens sollten sich also weniger mit ihren eigenen Interessen als mit jenen der betroffenen Community auseinandersetzen. Rainer Schweyer, Manager des schwulen Fußballvereins »Team München Streetboys«, sagte etwa im ballesterer.at-Interview, dass ein Promi-Outing auch kontraproduktiv sein könnte. Als Beispiel führt er den schwedischen Nachwuchskicker Anton Hysen an. Der durfte nach seinem Outing zwar in TV-Reality-Shows auftreten, für seine Fußballerkarriere interessierte sich jedoch niemand mehr. Italiens Teamchef Cesare Prandelli machte Anfang Oktober vor, wie ein entspannter Umgang ausschauen kann. Er besuchte das schwule Fußballturnier »Finocchiona Cup« in Florenz, unterhielt sich mit den Spielern und posierte für Teamfotos. Die Nachricht erregte weit weniger Aufsehen als jede Outing-Spekulation, dabei sind es wahrscheinlich gerade solche Initiativen, die irgendwann ein normales Klima für homosexuelle Spieler und Spielerinnen ermöglichen. Gesagt und geschrieben wurde schon genug auch in ballesterer-Leitartikeln.

Referenzen:

Heft: 76
Rubrik: Kommentare
ballesterer # 112

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 21.07.2016.

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