Aparte Welten

cache/images/article_1511_dsc_6966_140.jpg Hinter den sterilen WM-Kulissen präsentierte sich Südafrika auch 16 Jahre nach Ende der Apartheid als eine Gesellschaft mit zweierlei Maß. Scheinbar banale Straßenschilder wiesen ebenso darauf hin wie die Zusammensetzung des Publikums in den Stadien. Ein Anstoß aus den Südafrika-Eindrücken der ballesterer-WM-Abordnung.
»Illegal connections kill« und »Stealing power is a crime« Warntafeln der Johannesburger Stadtverwaltung säumen die Autobahn, auf der anderen Straßenseite weisen gelbe Signalschilder der FIFA den Weg ins Stadion. Gegensätzlicher könnten die Botschaften an die Autofahrer nicht sein. Während ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung keine ausreichende Stromversorgung hat und viele im illegalen Anzapfen der Leitungen den einzigen Ausweg sehen, werden die WM-Besucher in die einzige für sie relevante Richtung gelotst. Überschneidungen zwischen den beiden Zielgruppen gibt es vermutlich keine.

Auch in den Wohnvierteln präsentiert sich Johannesburg 16 Jahre nach Ende der Apartheid entlang der sozialen Schichten stark separiert. Die weißen Mittelstandsviertel brauchen einen Vergleich mit »westlichen« Standards nicht zu scheuen: Wären da nicht die Straßenverkäufer und die Parkwächter, würden die Einkaufstempel, Restaurants und Bars die sozialen Gegensätze fast vergessen machen. Anders präsentiert sich die ehemalige Township Soweto, wo schwarze Mittelschicht und Arme oft Tür an Tür wohnen: Wellblechhütten stehen neben Einfamilienhäusern, der Weg in die Arbeit wird mit Minibussen statt mit dem Privat-Pkw bestritten, und statt in schicken Restaurants wird das Steak einfach auf dem Grill des Fleischhauers zubereitet.

Trotz der eklatant ungleichen Reichtumsverteilung ist es den Veranstaltern gelungen, der WM mit viel Folklore und einer gehörigen Portion Patriotismus ein südafrikanisches Branding zu verleihen: Der Support für die »Bafana Bafana« erreichte weit mehr Menschen als nur die fußballinteressierte Öffentlichkeit. Während Mittel- und Oberschicht die Stadien besuchten, schaute die ärmere Bevölkerung in den Public-Viewing-Zonen.

Die Politik des regierenden African National Congress, die nach Ende der Apartheid die Vorstellung einer geeinten »Rainbow Nation« konzipierte, fand durch die WM ihre konsequente Fortsetzung. Danny Jordaan, Cheforganisator der WM, übte sich am Tag des Finales in Selbstbeweihräucherung: »Das Südafrika von morgen, dem 12. Juli 2010, unterscheidet sich vom Südafrika des 10. Juni, dem Tag, bevor dieses Turnier begonnen hat. Es ist jetzt ein Land, das von anhaltendem Selbstvertrauen sprüht, weil es erfolgreich eine WM veranstaltet hat. Dieses Selbstvertrauen fließt durch unsere Nation und bringt Gewinn für jeden Betrieb, jede Organisation und jede Gemeinde.«

Freilich, die WM ist »reibungslos« über die Bühne gegangen auch dank der staatlichen Sicherheitspolitik. Als Stadionordner in Durban und Kapstadt für höhere Löhne demonstrierten, wurden die Versammlungen mit Tränengas und Gummigeschoßen aufgelöst. Fortan übernahm die Polizei in Johannesburg, Durban und Kapstadt selbst die Ordnerdienste. Dem im Vorfeld wohl am heißesten diskutierten Thema der Kriminalität wurde mit speziellen WM-Gerichten begegnet. Strafdelikte vom Trittbrettmarketing bis zur Kleinkriminalität wurden im Eilverfahren abgewickelt, um eine abschreckende Wirkung zu erzielen. Bei der Beurteilung der Fälle wurde mit zweierlei Maß gemessen: Ein südafrikanischer Handydieb wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, während die kiffende Freundin von Paris Hilton mit einer Buße von umgerechnet 100 Euro recht glimpflich davon kam.

Die südafrikanische Regierung hat den Ausnahmezustand WM mit Bravour gemeistert: Wer vor Ort war, konnte sich in den eindrucksvollen Sitzplatzstadien bestens unterhalten ohne die gesicherten Zonen auch nur einmal verlassen zu müssen. Für alle anderen sorgten unzählige TV-Stationen für die perfekte Übertragung des sterilen WM-Erlebnisses wenn sie die richtigen Leitungen angezapft hatten, zumindest einer kleiner Trost für die Bewohner der Townships.

Referenzen:

Heft: 54
Rubrik: Kommentare
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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