Blatterdämmerung oder: Befreien Sie die ganze Welt!

cache/images/article_1362_reu_516505_140.jpg Bis vor kurzem galt FIFA-Präsident Joseph Blatter als Unantastbar. Nun formiert sich aber die Opposition schon im Sommer 2011 könnte seine Ära vorbei sein.
Dominik Sinnreich | 05.03.2010
Für manche Leute ist das Leben so einfach wie ein Brettspiel. So wie »Risiko« zum Beispiel. Mancher hat seinen Gegnern viel zu früh verraten, welche Mission er gezogen hat: »Befreien Sie alle Länder von den Roten Armeen!« (Joseph McCarthy); »Befreien Sie die ganze Welt!« (Lenin); »Befreien Sie 18 Länder ihrer Wahl und besetzen Sie jedes Land mit zwei Armeen!« (George W. Bush); »Befreien Sie Nordamerika und Australien!« (Mel Gibson). Ein paar eherne Prinzipien des Spiels taugen auch als Anleitung für den Weltherrscher von heute. Etwa dass man Asien, hat man es einmal erobert, nicht mehr aufgibt. So viele Ressourcen bekommt man sonst nirgends. Das hätte FIFA-Präsident Joseph Blatter beherzigen sollen. Dann würde sein Posten jetzt nicht heftiger denn je zuvor in seiner Regentschaft wackeln.

Rückblende
1998 wird Blatter zum FIFA-Präsidenten gewählt. Schmiergeldgerüchte kursieren. Es wird nicht das einzige Mal bleiben, aber Blatter übersteht alle Eruptionen und sitzt fest im Sattel. So geht es zwölf Jahre lang. Aber ein Schatten von 1998 holt ihn jetzt ein: Sein damaliger Wahlkampf wurde (wie auch die Wiederwahl vier Jahre später) von einem gewissen Mohamed Bin Hammam finanziert.


Blatter bekam sogar seinen Learjet, um durch Afrika zu touren und dort nebst Milch und Honig auch Fördergeld und die WM zu versprechen. Der Gönner aus Katar wurde dafür 2002 Chef des Asien-Verbandes. Praktisch: Asien stellt gleich 46 von 208 Stimmberechtigten beim FIFA-Kongress, der den Präsidenten wählt. Daran hätte er sich 2009 besser erinnert. Denn im Vorjahr hatte Bin Hammam seinerseits Blatters Hilfe benötigt aber sie nicht erhalten.


Scheich Salman Al-Khalifa aus Bahrain hatte aufbegehrt und wollte Bin Hammam vom Asien-Chefsessel stoßen. Blatter aber schwieg. Vor kurzem präsentierte Bin Hammam Blatter die Rechnung: Er versöhnte sich mit Al-Khalifa und dessen Unterstützer, dem südkoreanischen Milliardär und Hyundai-Erben Chung Mong-Joon. Asien war geeint, Bin Hammam kündigte Mitte Februar einen asiatischen Gegenkandidaten für Blatter bei der Präsidentschaftswahl am Kongress im Sommer 2011 an.

Ausblick
Blatter hat vieles überstanden. Aber jetzt steht er vor einem Scherbenhaufen. Ragnarok. Blatterdämmerung. Er hat zwölf Jahre Chaos gesät, jetzt wird geerntet: Die gebündelten Finanzen der Asiaten sind eine Allianz, die Blatters Ende bedeuten könnte, wie der deutsche FIFA-Insider Jens Weinreich schreibt. Er geht davon aus, dass Bin Hammam höchstselbst antritt. Als Verbündeter bleibe Blatter derzeit nur der skandalerprobte Jack Warner, Herrscher über die 40 Stimmen der Nord- und Mittelamerikaregion. Aber ohne Geld ist jedes Bündnis mit ihm brüchig. Und nicht nur bei den Allianzen auf dem Spielbrett, auch abseits davon baut Blatter ab.


Einst hatte er versprochen, nur zwei Amtsperioden zu absolvieren 2011 ginge er in seine vierte. Von den bisher acht FIFA-Chefs waren sieben Europäer ein Asiate hätte also sicher Sympathien. Und: Blatter wäre 2011 schon 75, Bin Hammam erst 62.


Blatters Abwahl ist längst noch nicht beschlossen. Er wird kämpfen. Mit der Zusammenlegung der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 im Dezember 2010 hat er ein irres Wettbieten ausgelöst, aus dem er wieder als Sieger hervorgehen könnte.


Schon wird gemunkelt, Russland könne England als Favorit für 2018 ablösen. Wladimir Putin könnte also Blatters dringend benötigte Verstärkung sein. Ist es also Zufall, dass der Schweizer in den vergangenen sechs Monaten sowohl Ministerpräsident Putin als auch Präsident Dimitri Medwedew besucht hat? Und ist es Zufall, dass mit Andreas Herren und Markus Siegler zwei gut vernetzte Ex-FIFA-Mitarbeiter für Russlands Bewerbung die Lobbyarbeit erledigen wobei Siegler bis vor kurzem noch für Englands Kandidatur gearbeitet hatte? Selbstverständlich nicht. Bis Sommer 2011 wird noch so mancher Pakt geschmiedet und gebrochen werden.

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Heft: 50
Rubrik: Kommentare
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