Das Bayernopfer

cache/images/article_2073_jr_140.jpg Uli Hoeneß mag zwar der »Mister Bayern« sein, doch der deutsche Rekordmeister und dessen Sponsoren sind größer als er.
Jakob Rosenberg | 13.05.2013

»Ich fühlte mich in diesen Tagen auf die andere Seite der Gesellschaft katapultiert, ich gehöre nicht mehr dazu.« Uli Hoeneß zeigt Reue. Im Exklusivinterview mit der Zeit spricht der Präsident des FC Bayern wenig über die laufenden Ermittlungen gegen ihn wegen Steuerhinterziehung, dafür umso mehr über sein Seelenheil. Wer noch auf dieser anderen Seite der Gesellschaft steht, sagt er nicht. Terroristen, Hartz-IV-Empfänger oder ertappte Steuerhinterzieher wie Klaus Zumwinkel, der ehemalige Chef der deutschen Post?


Hoeneß Verteidigungsstrategie hingegen geht aus dem Interview klar hervor: Alles ist persönlich, er selbst Opfer seiner Leidenschaft. Zu viel Schwäche will er dabei aber nicht eingestehen, das erledigen andere für ihn. Sein Sohn Florian spricht von der Sorge der Familie um den aufgrund seiner Börsenzockerei suchtgefährdeten Vater. Auch die Kollegen aus der Bayern-Führungsriege und andere Weggefährten stehen zu Hoeneß: »Wir dürfen niemanden vorschnell als Menschen fertigmachen«, sagt CSU-Chef Horst Seehofer. Damit trifft der Politiker einen Punkt: Tatsächlich geht es weder um eine moralische Verurteilung noch um die Befindlichkeiten der Privatperson Uli Hoeneß. Irrelevant ist auch, dass sich Hoeneß mit seinem Auftreten als Wohltäter und Mahner finanzieller Redlichkeit einen Ruf als moralische Instanz erarbeitet hat. Das Vergehen der Steuerhinterziehung ändert sich nicht, nur weil jemand Benefizspiele für St. Pauli organisiert und Spieler in Not unterstützt hat.


Eigentlich sollte sich die Debatte um andere Punkte drehen: Warum ist es so leicht, in Deutschland Steuern zu hinterziehen? Und wie kann verhindert werden, dass gut vernetzte Personen aus ihrer Machtposition Vorteile ziehen? Der Focus berichtete, dass den Behörden die Steuerschuld von Hoeneß schon länger bekannt war, die Ermittlungen seien aber versandet. Zudem soll Hoeneß kurz vor seiner Selbstanzeige von seiner Schweizer Bank gewarnt worden sein, dass Journalisten komische Fragen stellen. Die Debatte über Reichtum und Steuergerechtigkeit wird die politischen Diskussionen wohl noch länger beschäftigen. Jetzt ist Hoeneß dafür eine Instanz.


Für den Fußball wesentlich interessanter ist aber, ob die Geschichte von Männerfreundschaften und seltsamen Zufällen noch lange hält. Der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus soll Hoeneß für seine Spekulationsgeschäfte rund zehn Millionen Euro zur Verfügung gestellt haben - ein Jahr bevor der FC Bayern den Ausrüstervertrag mit Adidas trotz eines besseren Angebots von Konkurrent Nike verlängerte und der Sportartikelhersteller mit damals zehn Prozent in die FC Bayern München AG einstieg. Offiziell rüttelt niemand an dieser Version, der Eindruck ist dennoch verheerend.


Und das ist es auch, was Hoeneß den Präsidentenposten kosten wird. Er mag zwar der »Mister Bayern« sein, doch der deutsche Rekordmeister und eine der führenden Marken in der globalen Sportartikelindustrie sind größer als er. Zuletzt stärkte der Bayern-Aufsichtsrat ihm zwar demonstrativ den Rücken, doch Hoeneß weiß, dass er diesen Kampf verlieren wird. Er wird ein Opfer bringen müssen, nur so kann die Steueraffäre als unrühmliche Privatangelegenheit enden. Noch wartet Hoeneß auf die passende Gelegenheit für seinen Rücktritt, sein Verein könnte ihm mit dem Champions-League-Finale die Bühne bereiten. Gewinnen die Bayern am 25. Mai in Wembley, dann kann Hoeneß am Höhepunkt abtreten - als Märtyrer.

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Heft: 82
Rubrik: Kommentare
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