Den Gegner unterschätzt

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„Als moralische Instanz ist der Fußball angeschlagen, doch um der AfD die Stirn zu bieten, reicht es allemal noch.“

Nicole Selmer | 11.04.2017

Ein Foto mit dem Siegestorschützen, Lächeln in die Kamera, Daumen hoch – diese Bilder kennen wir. Eines davon postete die Berliner AfD auf Twitter, darauf zu sehen war ein Abgeordneter der rechten Partei und Marvin Plattenhardt von Hertha BSC, der am selben Tag zum 2:1 gegen Borussia Dortmund getroffen hatte. Die Reaktion des Spielers kam prompt. Er habe keine Ahnung gehabt, wer da neben ihm saß, twitterte er und verlangte die Löschung des Fotos. Es bedurfte noch der Intervention seines Klubs samt Einschaltung eines Anwalts, damit das Bild tatsächlich verschwand.

Die AfD will nach der Wahl im September in den deutschen Bundestag einziehen. Es war nicht der erste Versuch der Partei, in sozialen Medien mit dem Fußball auf Stimmenfang zu gehen. Und es war nicht das erste Mal, dass sie dabei abblitzte. Der Drittligist Preußen Münster verbot sich Likes und Retweets der lokalen AfD, das Kölner Fanzine effzeh.com erteilte der Zustimmung von rechts ebenfalls eine resolute Abfuhr.

Ganz ohne vorherige Fotos, Tweets oder Likes bezogen auch führende Fußballfunktionäre gegen die Partei Stellung. Bei der Mitgliederversammlung von Eintracht Frankfurt im Jänner sagte Finanzvorstand Axel Hellmann, sein Klub werde sich nicht politisch neutral verhalten, wenn sich ein AfD-Funktionär öffentlich sehr nahe an die Relativierung des Holocausts bewege. Bayern-Präsident Uli Hoeneß erklärte, die Politiker der Partei gehörten entlarvt – es sei mit Blick auf die Wahlen des Jahres 2017 wichtig, dass es in Europa keine rechten Mehrheiten gäbe. Ganz ähnlich äußerte sich im März Bayern-Kapitän Philipp Lahm. Er erwähnte die AfD nicht direkt, angesprochen fühlte sie sich dennoch. Ein Berliner Politiker der Partei beklagte, Lahm solle sich um Fußball kümmern und die Politik anderen überlassen.

Das ist ziemlich genau das, was Spieler und Funktionäre in der Regel auch tun, Statements zur Tagespolitik haben im Fußball Seltenheitswert. Dass die AfD aus den Reihen der Bundesliga einen so starken Gegenwind erfährt, ist bemerkenswert und hat einen guten Grund. Die rechtsextreme Partei hat sich mit dem falschen Gegner angelegt, und das bekommt sie im Wahljahr 2017 zu spüren. Kurz vor der EM im vergangenen Sommer hatte der stellvertretende AfD-Vorsitzende Alexander Gauland über Jerome Boateng gesprochen. Als Nationalspieler werde er geschätzt, als Nachbar wolle ihn jedoch niemand haben, sagte der rassistische Vordenker der Partei. Teamchef, Mannschaftskollegen, Fans und Politiker widersprachen, der Hashtag meinnachbar wurde zum Trending Topic.

Am alltäglichen Rassismus in Deutschland hat diese Dynamik nichts geändert, weiterhin kommt es jeden Tag zu Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte. Die Solidarität mit Boateng sagt jedoch einiges über die Stärke des Teamsports Fußball. Wird einer der ihren angegriffen, rückt die Mannschaft zusammen und verteidigt ihn. Als moralische Instanz ist der Fußball nach den Skandalen um WM-Vergaben, Spielmanipulationen und Korruption angeschlagen. Doch um der AfD die Stirn zu bieten, reicht es allemal noch. 

Referenzen:

Heft: 121
Rubrik: Anstoß
ballesterer # 121

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